Elisabeth Koeppe
Journalistin, Autorin, Texterin

22.07.2017

Auftragsarbeit: Herr Kaiser von der Stasi oder „Guck nicht so romantisch, Hasi!“

Ja, das ist eine Überschrift, da liest man gleich weiter, oder? Wer ist Herr Kaiser von der Stasi? – Ich weiß das bis heute nicht. Ich habe ihn nie gesehen. Im Notizbuch von Peter Cäsar Gläser – das ich in den Siebzigern und auch noch Achtzigern regelmäßig durchforstete, stand der Name Peter Kaiser, ohne Adresse, aber mit Telefonnummer. Da ich normalerweise nach Frauennamen schaute, ob ein neuer dazu gekommen ist oder eben nicht, fiel mir dieser Name irgendwann auch auf. Ich fragte Peter, wer denn Peter Kaiser bitteschön sei. „Ach, nicht so wichtig, mit dem bin ich in die Schule gegangen. Er ist ein Karussell-Fan.“ Mmh. Der Karussell-Fan rief ab und an bei uns an. Peter benahm sich anders als sonst, wenn Karussell-Fans anriefen. Ich dachte, dass in Wahrheit eine Frau dahintersteckt und es Herrn Kaiser gar nicht gibt. Doch es gab ihn, nur hieß er nicht Peter Kaiser. Dennoch geht er in meine Geschichte ein, als Herr Kaiser von der Stasi. Der Führungsoffizier meines Mannes. All das wusste ich (noch) nicht, auch nicht, dass uns Herr Kaiser von der Stasi in die damalige Tschechoslowakei „schickte“. Wir sollten Christian Kunert treffen, den früheren Keyboarder und Sänger der bereits seit 1975 verbotenen Band „Renft“. Christian Kunert, genannt Kuno, lebte schon länger in Westberlin. Er war – gemeinsam mit Gerulf Pannach - 1976 im Zuge der Biermann-Ausbürgerung verhaftet und nach einem dreiviertel Jahr gleich aus dem Knast in den Westen entlassen worden. Irgendwie muss das Herrn Kaiser von der Stasi und seinen Auftraggebern in Berlin nicht gefallen haben. Sie glaubten, man könne Kuno für den Sozialismus zurückgewinnen. Der Überbringer dieser frohen Botschaft sollte Peter sein. Peter wusste, dass ich Kuno sehr mochte und schlug mir vor, dass wir uns mit ihm in Karlsbad treffen könnten. „Das wäre doch schön. Wir nehmen Robert mit und die Mutter von Kuno und fahren mit dem „Wolga“ in einen kleinen Urlaub in die Tschechei! Juchhu." - In Karlsbad mussten wir uns treffen, weil Kuno nicht in die DDR einreisen durfte, wie fast alle, die die DDR gen Westen verlassen hatten. - Ich freute mich sehr, wir telefonierten nach Westberlin und verabredeten uns mit Kuno. (Es war nicht immer so, dass man Telefongespräche führen konnte. Man musste diese beim Fernamt anmelden und wurde dann nach Stunden durchgestellt oder eben nicht.) Es war Mitte der Achtziger, es war Sommer und wir mussten nur eine Grenze überwinden. Die DDR-Grenze in die CSSR. Wir fuhren an einen Grenzübergang im Erzgebirge und wurden gefilzt. Man nahm unser Auto total auseinander, ich musste unsere Koffer auspacken, und die gierigen Zollfrauen wühlten in meinen Schlüpfern herum. Sie fanden 2,50 DM in Forumschecks in meinem Portemonnaie. Forumschecks waren das Spielgeld der DDR für die damaligen „Intershops“, in denen man nur für Devisen einkaufen konnte, also vorzugsweise für DM. Wir, als DDR-Bewohner, mussten aber die DM vorher bei der Staatsbank in diese Forumschecks umtauschen. Die Zollbeamtin meinte: „Das sind Devisen. Die dürfen Sie nicht ausführen!“ – Ich sagte, dass das Forumschecks seien, mit denen man bei den Tschechen nichts anfangen könne. Und provozierte die Dame noch. „Sie können das gern behalten, ich schenke es Ihnen!“ – was sie empört zurückwies. Die 2.50 Forum-DM wurden beschlagnahmt. Außerdem hatte Peter aus Versehen in seiner großen Tasche von den letzten Band-Muggen mit „Cäsars Rockband“ noch einen großen Teil der Gagen. So 1500 Mark in Ost. Auch das mussten wir abgeben. Wir erhielten Quittungen und man stellte uns in Aussicht, das Geld bei der Rückkehr wieder mitnehmen zu dürfen. Dann passierten wir die Grenze. Man muss dazu wissen, dass man damals in der Tschechoslowakei nur 30 Mark am Tag in tschechische Kronen umtauschen durfte. Das war nicht gerade viel, um über die Runden zu kommen. Aber Kuno, der „reiche Westonkel“ kam ja, und er mietete uns ein Häuschen im Wald. Ein Wald, verwunschen, wie in meiner Kindheit im Erzgebirge bei meinen zahlreichen Verwandten dort. Böhmen. Ein Häuschen, heruntergekommen, wie es schlimmer nicht ging. Man sieht es auf dem Foto. Peter und ich sitzen am Tisch. Über uns dieses unsägliche Bild und überall zerfetzte Tapeten und Spinnweben. Aber egal, es war schön, Kuno zu treffen. Er brachte seine damalige amerikanische Freundin Suzie mit und wir haben natürlich wieder viel zu viel getrunken, man sieht es an der großen Wodkaflasche auf dem Tisch. Kuno hatte einen Berg mit Lebensmitteln, Wein, Obst und Gemüse mitgebracht. Ganz normale Supermarktware, für uns damals ein Festmahl am Morgen und am Abend. Am Tag gingen wir Knödel essen und tschechisches Bier trinken. Peter konnte seine „Mission“ nicht erfüllen, weil er an den zwei Abenden beizeiten so betrunken war, dass er einschlief. Auch Suzie war aus dem Rennen, die Kuno-Mutter und Robert ebenfalls. Nur Kuno und ich haben fast bis zum Morgen gequatscht, wie in alten Leipziger Zeiten. Er war sehr verändert. Acht Jahre Westen hatten einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Ich habe mich beinahe in ihn verliebt. Und er sagte: „Guck nicht so romantisch, Hasi!“ – Hasi hat Kuno immer gern gesagt, da erkannte ich ihn wieder. Hätte Peter den „Auftrag“ an ihn herangetragen, wäre Kuno sicher vor Lachen umgefallen. Aber es kam nicht dazu, weil Peter das wahrscheinlich doof und aussichtslos fand, außerdem war er nie mit Kuno allein. Es war ja auch noch Kunos Mutter da. Und abends, wie gesagt, König Alkohol verhinderte Schlimmeres. So fuhren wir zufrieden und Peter unverrichteter Dinge nach Hause. Wieder große Kontrollen. Geldrückgabe. Irgendwann Leipzig, das wir ein paar Jahre später in Richtung Westen verlassen würden. – Dass Peter im Auftrag von Herrn Kaiser von der Stasi mit uns ins kleine Häuschen zum Treffen im Böhmischen Wald gefahren war, hat er mir erst 1991 erzählt. Ich konnte es nicht glauben. In den Stasi-Akten las ich, dass die Operation „Kind“ hieß, warum auch immer. Im Zuge der Operation „Kind“ wurde auch ich „aufgeklärt“. Die Stasi strich Peter kurz darauf als „Mitarbeiter“. Weil er unzuverlässig sei und weil er eine Frau hätte, die ihn eindeutig staatsfeindlich beeinflusse. Habe ich auch in den Akten gelesen. Sie hatten Recht. - Auf meine spätere Frage, warum er mit mir zu diesem Treffen mit so einem unmöglichen Auftrag gefahren sei, antwortete er: „Kuno wollte ja eigentlich nicht in den Westen.“ Das stimmt. Ich denke aber, nach acht Jahren Westen war seine Meinung da eine andere. Das hat Peter wohl auch gemerkt. Im Gegensatz zu ihm ist Kuno nie wieder nach Leipzig zurückgekehrt. Die Operation „Kind“ der Abteilung Auslandsaufklärung der Staatssicherheit der DDR war gescheitert. Vielleicht hätten sie nicht so ein romantisches „Kind“ schicken sollen, wie Peter eines war.

Foto: Peter und ich im Böhmischen Wald/Tschechoslowakei 1985


02.07.2017

Das Mysterium der Nagellackflasche - Mach Dich nicht so schön, Kind! und -  als Peter Cäsar Gläser mich wegen einer Nagelschere verlassen wollte...

Dieses Bild ist von 1982. Da hatte ich noch meine berühmten Zöpfe, hier als sogenannte Rattenschwänze, wie das damals hieß. Dazu ein – nun ich würde sagen – beinahe operettenhaftes Kleid, in Schwarz, das ich aber eben auch in der Küche trug. Komisch, dass auf allen Fotos aus dieser Zeit Bierflaschen herumstehen, wahlweise auch Weinflaschen, fast immer eine Nagellackflasche, wie hier. Ich überlege, ob Nagellackflaschen in der DDR immer so aussahen, vielleicht kann mir jemand aushelfen – mit Nagellackflaschenerinnerungen. Was mir noch einfällt: Es war die Zeit, als meine Mutter, nachdem mein Vater 1977 bei einem Autounfall tödlich verunglückt war, das erste Mal mit ihrem „neuen“ Mann bei uns erscheinen wollte. Ich sagte ihr zu, dass ich die beiden vom Hauptbahnhof in Leipzig abholen werde. Sie raunte verschwörerisch ins Telefon: Elisabeth, bitte mach Dich nicht so schön! – Gut, mach ich - nicht. – Ich ging also ungeschminkt und lässig gekleidet auf den Bahnhof und harrte der Dinge. Aus dem Zug stieg meine Mutter mit – meinem Vater! Nein, das konnte nicht sein. Er war ja begraben – auf dem Magdeburger Westfriedhof. Dieser Mann, neun Jahre jünger als meine Mutter, sah – nun ja, von Weitem... – aus wie mein Vater! Später habe ich gelesen, dass viele Frauen, vielleicht auch Männer, nach Verlust eines Partners zielstrebig etwas Ähnliches suchen. Ich muss sagen, dass auch ich nicht frei davon war. Als mich die erste große Liebe verließ, ich, dem Selbstmord nahe, lange Zeit brauchte, um überhaupt über eine neue Partie nachzudenken, dann aber doch – Ausschau hielt.... welchen Männern schaute ich nach? Genau. Den Typen, die aussahen, wie der mich schmählich verlassen Habende. Seltsamerweise sah er aus wie Eberhard Esche, der berühmte DDR-Schauspieler. Das erklärt vielleicht meine temporäre Groupie-hafte Begeisterung für Esche, der, wie ich heute höre, nachdem ich beinahe dreißig Jahre in Berlin lebe, ein leichtes Sächsisch sprach. Vielleicht auch das eine heimatliche Anmutung, die ich damals aber (noch) nicht an mir bemerkte. Zurück zum Bild. Nagellack. Ich habe bis zu meinem 38. Lebensjahr grundsätzlich immer meine Fingernägel abgeknabbert. Ja, bis aufs Blut, bisweilen. Ich hatte es einfach nicht im Griff. Sah ich einen spannenden Film, las ich ein interessantes Buch oder führte ich eine verbale Auseinandersetzung – ich beraubte mich der Fingernägel, ehe ich es versah. Klingt lustig, war es aber nicht. Nichtsdestotrotz, in jungen Jahren will frau schöne Fingernägel. Heute geht sie ins Nail-Studio und lässt sich halt künstliche draufpinnen. Aber damals half nur roter Nagellack auf die Restbestände. Ich tat das. Und schwor mir jeden Tag aufs Neue, diese frustrierende Kauerei sein zu lassen. Der Mann meines damaligen Lebens, Peter Cäsar Gläser, trieb mich beinahe täglich dazu, den Schwur zu brechen. Auf dem Foto sieht man das natürlich nicht. Denn ich blicke nicht stumm auf dem ganzen Küchentisch herum, sondern parliere anscheinend lieb und nett mit den anwesenden Gästen, die man nicht sieht. Aber die waren da. Ganz bestimmt. Wie sie immer da waren. Ein paar Monate später habe ich mir mit einer Nagelschere (Nagel!) die Haare abgeschnitten. Es war Anfang 1983. Es war die Zeit der Punks, die gerade angebrochen war. Die Punks – in Gestalt der Leipziger Band „Wutanfall“ - probten in unserem Keller – und ich wollte auch so ein Punk sein. Oder irgendwie zu denen gehören. Ich war noch nicht konservativ, sondern träumte vom Fortschritt. Und der Fortschritt hieß damals: Weg mit den Hippies, her mit den Punks. Alte Zöpfe ab. Peter sagte: Wenn Du Dir die Haare abschneidest, verlasse ich Dich! – Ok, das will ich wissen! – Ich nahm die Schere und stellte mich vor den Spiegel. Peter verließ das Haus. Und kehrte irgendwann nachts zurück. Die Zöpfe waren ab. Es sah irgendwie cool aus. Natürlich haben wir das 1983 nicht gesagt. Denn „Cool“ gab es noch nicht. Die Zukunft lag noch vor uns.

Foto: Ich in unserer Küche - Leipzig Lindenthaler Str. - 1982


22.06.2017

Diäten - die gefühlt hundertste - Strom-Blackout - Überleben mit Leber und russischem Nationalgetränk

Ich probiere ja alles. Da ich einen sogenannten BMI in unaussprechlicher Relation besitze. Jetzt beispielsweise: Intermittierendes Fasten. Ich esse einen Tag so einigermaßen, was ich will. Am nächsten gar nichts. Nur Wasser. Und am Abend aus Verzweiflung Sekt. Ist der Sekt der Grund, dass ich nach dreiwöchigem Selbstversuch kein Gramm abgenommen habe? Ich habe doch nur die Hälfte dessen gegessen, was ich vordem zu mir nahm! – Nichts. Ich bin ein perpetuum mobile. Ich werde die letzte Überlebende sein. Auch eine beruhigende Vorstellung, wenn man bedenkt, dass unser Innenminister letztes Jahr zur Vorratshaltung für den totalen Stromausfall aufrief. Er bezog sich auf das Buch von Marc Elsberg „Blackout“, das ich natürlich auch gelesen hatte. Der Innenminister ganz offensichtlich nicht. Wer es nicht kennt, bitte lesen. Es führt danach zum spontanen Kaufreflex von Büchsen und Wasser. Sehr viel Wasser. Lagert alles in meiner Garage. Außer der Tatsache, dass ich wahrscheinlich von fast nichts leben kann und immer noch proper bin, überlege ich also, ehe der Strom-Super-GAU einsetzt, was könnte ich vordem tun, um in luftige Sommerkleider zu passen oder gar in Bikinis. Ich habe wieder diese kämpferische Idee: Tatar. Kein mongolischer Horden-Krieger, der Rindfleisch unter seinem Sattel mürbe reitet, sondern einfach - Fleisch. Rind. Roh und mager. Durchgedreht. Man formt einen flachen Ballen, darinnen eine Mulde, darauf ein Eigelb. Dazu ein Häufchen gehackte Zwiebeln und Pfeffer und Salz. Dann vermengen. Und essen. (Eine Freundin: Ich bring das ned runter!) Meine Lieblingsfreundin: Ich liebe es, mit Dir Schabefleisch zu essen! Denn so kann man das auch nennen. - Ich hab es gekauft, im Grunewald, im REWE. Dort ist es sehr gemütlich. Die Menschen sind entspannt. Es geht ihnen gut. Das sieht man und hört man. Niemand schubst und drängelt. Alle lächeln lieb. Die Verkäuferinnen sind genauso. - Leider muss ich Wodka in der dahinter gelagerten Dependance kaufen. Ich nehme einen echten russischen - irgendwas mit Super oder Favorit. Und milchgereinigt, was das auch immer ist. Klingt irgendwie vertrauenerweckend, obwohl diese hackenden Russen, sind ja nun an allem Schuld! - Dazu denke ich mir: Probiere ich doch mal eine Tatar-Wodka-Diät. Wie lange ließe es sich durchhalten, nur diese zwei Lebensmittel zu sich zu nehmen? Wobei der Wodka vermutlich nicht als solches durchgeht. Eine Woche? Zwei- Wochen?- Als Variation könnte ich mir rohe Leber vorstellen, die meine Schulfreundin Sieglinde samt ihrer vollzähligen Familie immer genüsslich im Ganzen in den Mund gleiten ließ, auf dass mir ganz anders wurde. Vielleicht kann man die auch klein hacken und mit irgendwas marinieren? So als roher Lebersalat. Dazu auch Wodka. Vielleicht für Woche zwei - als Abwechslung. Wie viel Gewicht könnte ich bei dieser Diät verlieren? Ich finde, das klingt wild. Am Ende bin ich schlank oder - tot :-)) Naja, gemach, ich hab noch sehr viel Wasser in der Garage!


14.05.2017

Mama und Papa - und die ganz große Liebe - zum Mutter-Tag, der auch immer ein Vater-Tag ist

Liebe Mama, lieber Papa, schön, dass Ihr so verliebt wart. Deshalb gibt es mich. Es ist Sylvester auf diesem symptomatischen Bild aus den 50ern und ich war schon da. Ihr werdet für mich immer das ewige Liebespaar sein. Immer küssend, immer händchenhaltend. Immer verliebt und seltsamerweise immer eine Einheit. Auch gegen mich. Ich hatte keine Chance gegen Euch. Immer einer Meinung. Niemals im Streit. - Kann das sein? Ich habe es so empfunden und niemals erlebt, dass Ihr Euch gestritten habt. Hier auf diesem Bild küsst Ihr Euch an Sylvester, deshalb diese komischen Hüte. Ihr habt mich so erzogen, dass ich an die ganz große Liebe glauben durfte. Dass ich es musste. So sehr, dass ich diese ganz große Liebe gesucht habe und glaubte, gefunden zu haben. Heute finde ich das komisch. Wart Ihr ein Traumpaar aus einer anderen Welt? Vielleicht musste es deshalb sein, dass Du, Papa, schon mit 46 Jahren durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen wurdest. Und dass Du, Mama, am Ende alles vergessen hast. Auch ihn. Auch mich. Ich habe Euch beide nicht vergessen. Weil heute dieser seltsame Muttertag ist, will ich Dich, Papa, ehren. Denn Du warst mir näher, was aber daran liegen kann, dass ich Dich so früh verloren habe und nicht weiß, wie ich Dich in späteren Jahren empfunden hätte. So bist Du, lieber Papa, der ewig junge Mann. So bist Du, liebe Mama, die alte Frau, die irgendwann nichts mehr mit diesem Sylvesterbild zu tun hatte. Ich empfinde große Trauer, wenn ich Euch so sehe. Und große Freude, dass es Euch gab. Manchmal überlege ich, ob ich überhaupt etwas Brauchbares für mein Leben von Euch gelernt habe. Nein, sage ich im ersten Moment. Das war doch alles nichts. Nur romantisches Zeugs, das nicht praktikabel ist. Ich habe alle meine Lieben in den Sand gesetzt. Ich bin aus allen Beziehungen als unglückliches Wesen herausgerobbt. Ich habe das Weite gesucht. Ich habe mich gerettet. Ich bin mir selbst genug. Aber ich habe - Kinder. Das ist mir von heftiger Liebe geblieben. Das, was wirklich zählt in meinem Leben. Die Kinder sind es. Sie geben meinem Leben noch immer den Sinn. Ob es Euch auch so gegangen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, es geht Euch gut – da oben auf Eurer Wolke. Und ich hoffe, Ihr sitzt da so, wie auf diesem Bild, das mir von Euch bleibt.

Foto: Eleonora und Manfred in den Fünfziger Jahren - Sylvesterabend


26.03.2017

Herzensprobleme oder - Herzneurose ist die neue Panikattacke

Hat das Weihnachten angefangen? Schon vorher? Schleichend auf jeden Fall. Mein Herz scheint damit zu beginnen, mich endgültig totzuschlagen. Normalerweise hab ich noch nie über dieses unaufhörliche Schlagen nachgedacht. Nun ist es soweit: Mein Herz flippt aus und schlägt unregelmäßig. Herzrasen. Herzstolpern. Googeln! Herzmuskelentzündung? Vielleicht. Herzrhythmusstörungen? Wahrscheinlich. Wie herausfinden? Exzessives Googeln macht noch verrückter. Also ein Kardiologe. Termin am Mittwoch. „Wir machen einen Herz-Ultraschall und ein EKG und Sie nehmen dann ein 24-Stunden-EKG mit nach Hause und bringen es am nächsten Tag zurück.“ Gut. Dieser Herz-Ultraschall – erinnert mich an den Wetterbericht, den Schwangere stolz mit sich herumtragen. Ja, man kann das freche Ding schlagen sehen. „Sie haben eine Herzinsuffizienz, Grad 1. Heißt: Können wir vergessen!“. Aha. Warum gibt es denn dann Grad 1? (Hektisches Googeln zu Hause ergibt: Ja, stimmt. Grad 1 ist in der Skala, aber kein Handlungsbedarf.) Ansonsten tut das Herz, was es soll, keine krankhaften Veränderungen. „Aber ich merke ständig dieses Ruckeln und Rasen!“ „Wir machen ja noch das 24-Stunden-EKG und nächste Woche steigen Sie hier aufs Rad und das wird dann ein Belastungs-EKG.“ – Während von Tag zu Tag Herzrasen und Ruckeln schlimmer und schlimmer werden, kommt der Tag auf dem Rad. Ich – Nicht-Radfahrerin – strampele vor mich hin, erst leichthin, dann schwerer, am Schluss kommt‘s mir wie bergauf vor. Die haben das so eingestellt. „Und jetzt noch zwei Minuten!“ feuert mich die Schwester an. – Ich schaffe noch 30 Sekunden und denke: Nee, so eine Brave bin ich nicht, dass ich mir hier noch einen abquäle. Ich mach Schluss und die zwei Schwestern, die dabei stehen, erzählen mir von Extra-Schlägen, die ich reichlich habe. „Machen Sie sich mal keine Sorgen, das haben viele. - Ja, klar, das macht Angst. Ist aber meist nicht so schlimm. Außerdem nehmen bei Ihnen die Extraschläge, wenn Sie sich anstrengen, ab.“ – Soso, man rät mir zu sportlicher Ertüchtigung. Oder straffem Gehen. I’m not amused. Dann nochmal zum „Herrn Doktor“. Der spricht von 7000 Extraschlägen – auch Extrasystolen – genannt, die mein Herz einfach mal so am Tag mehr schlägt. Haben die auf dem 24-Stunden-EKG gesehen. Und auf dem EKG-Rad. Ich denke mir, falls die Schlaganzahl endlich oder begrenzt ist, was sie ja ist, sterbe ich wahrscheinlich sehr viel eher. Bei dieser Schwerstarbeit. „Kann das wieder weggehen?“ „Kann, kann aber auch nicht. Manche haben das einfach. Und merken es noch nicht einmal. – Ich verschreibe Ihnen einen geringdosierten Betablocker. Versuchen Sie es. Wir sehen uns dann in vierzehn Tagen.“ – Ich besuche zu Hause mit spatzenhaftem Herzflattern tausende Seiten und Chats. Und weiß nun, ich hab vermutlich stressbedingte Extrasystolen. Betablocker entstressen und setzen den Puls runter. Und den Grundumsatz! Im Umkehrschluss: Ich werde zunehmen! Gott bewahre! Das kann ich wirklich nicht gebrauchen. Außerdem macht der seit letzter Woche folgsam eingeworfene Betablocker noch mehr Angst. Ich rase mit Volldampf in die Herzneurose. Sobald ich irgendwo zur Ruhe komme, stolpert und poltert das Herz laut wie ein Wackerstein bis zum Hals hoch. In den Chats sprechen einige von möglichem Herzstillstand. Herzneurose ist die neue Panikattacke, denk ich, was mich natürlich nicht davon abhält, Todesängste auszustehen. Die gestrenge Kollegin meint, ich solle dem Arzt doch mal vertrauen! Die esoterischen Freundinnen flüstern, ich solle darüber nachdenken, warum mein Herz Extrasprünge und Extraschläge vollführen müsse. ICH solle das doch bitteschön selbst tun, dann kann das Herz in Ruhe weiterschlagen. Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so Beta wie zuvor. Weiter einwerfen die Dinger - oder ausflippen? Früher hatte ich Liebeskummer, jetzt hab ich Betablocker. Ich wusste schon immer, dass Altwerden nicht die „Kraft der zwei Herzen“ bedeutet. Kein fröhliches Senioren-Paar auf dem Fahrrad. Keine glückliche Yogatante mit grauem Wallehaar. Ich sitze da. Mit Wattekopf und blutendem Herzen auf dem Sofa und – esse Blockschokolade. Endlich ein ruhiger Betablocker-Tag. Frau gewöhnt sich an alles.


26.02.2017

Die Schwermut des Leichtmutes

Schwermut ist ohne Furcht. Ich könnte das auch positiv sagen. Aber ich will es nicht und küsse diesen vermutlich furchtlosen Mann mit düsterem Blick. Küsse ihn und zieh ihn zu mir hinab. Bürde dem Furchtlosen einen Batzen Lebendgewicht auf. Worauf er sein Dasein an mir aufgibt und mit und zu mir verschmilzt. Hinfort weiblich, der Furchtlose. Die Schwermut. Das war - nun ja - Grammatik. Wer mag schon Grammatik. Ich nicht. Ich mag eigentlich gar nichts, zur Zeit. Vielleicht den düsteren Himmel, den fahlen Mond und dass ich allein bin. Ich bin immer allein. Ok, ab und an bete ich diese welke Lust an. Einsamkeit auch. Ja, klar, auch das Erinnern blüht. Immerdar. Nun aber gut. Denn ich hasse die Sonne. Ich hasse das Licht. Grabesstille lässt meine Seele in Poesie schwelgen. Verdammt meine Sinne in vergilbte Blätter und lässt mich in kalter Asche wühlen. Die Glut vergangener Liebe heraufbeschwören und weinen. Ich liebe die Tränen des Vergeblichen. Rinnsale unwiederbringlichen Glücks. Und treffe all meine Freunde der Nacht immer und immer wieder: die heulenden Hunde und blau blühenden Königinnen, den Regen, das Sterben, starre Augen und die Glut des Abschieds in eine andere Welt. Welt der schwarzen Stunden, der bösen Stimmungen, der vergnügten Trauer. Sie alle sind mein zu Hause. Gern zerbreche ich mir den Kopf. Sehr gern. Ich will wissen, wo ich wirklich herkomme. Hat das alles einen Sinn? Oder bin ich krank? Kreiere ich - die wahrhafte Kunst! Verzehre ich mich als Mittlerin zwischen Philosophie, Musik, Literatur und – bitterer Medizin? Ich könnte das anders nennen: Ihre Exzellenz, die Bitternis, geruhte zu verbrennen, zog es vor, schwarz zu werden und sich ins Blut zu ergießen. Ich trage es gern. Schwermut, Du bist meine Vorbereitung, leichtfüßig zu werden oder auf immer zu vergehen. Wer weiß das schon.


07.01.2017

Der Junge mit der Gitarre – Peter Cäsar Gläser zum 68. Geburtstag

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!“ – Seins hörte mit 59 auf. Sein Wahlspruch, niemals ausgesprochen, Englisch war nicht so seins, wäre „Live fast die young“ gewesen. Als naiver und sehr neugieriger junger Mann, der Elektriker gelernt hatte, der Blockflöte, Klarinette und Gitarre spielte, hatte er das Glück, als 17jähriger bei der Band mitspielen zu dürfen, die später zur DDR-Legende wurde. RENFT. RENFT - oder auch die KLAUS-RENFT-COMBO - spielte damals in der Nachtbar „Intermezzo“ in Leipzig. Abend für Abend. Und weil das für seine kleinbürgerlichen Eltern eine verruchte Nachtbar war, holte ihn der besorgte und strenge Papa abends um zehn Uhr wieder ab. Er war ja unschuldige 17. Dann spielte der andere Gitarrist weiter bis zum Nachtbarschluss, der, den Klaus Renft für seinen "Neuzugang" gekündigt hatte. Peter trank damals nur Limonade, war in die bereits berühmte Christiane Ufholz verliebt, die das aber ignorierte, und wusste noch nicht, wer er war und was er werden würde. Zunächst musste er noch zur Nationalen Volksarmee. Standort Eisenach. Dort schrieb er Liebesgedichte und spielte Gitarre. Und gewann einen 3000-Meter-Regimentslauf. „Irgendwann werde ich mal etwas ganz Großes tun“. Dieser RENFT-Song war noch nicht geschrieben und getextet. Peter Cäsar Gläser kehrte mit dem späteren RENFT-Schlagzeuger Jochen Hohl im „Gepäck“, den er bei der Armee kennenlernte, nach anderthalb Jahren zur Band zurück. Jetzt erst begann seine kurze und heftige Karriere als der „Cäsar“ von RENFT. Sie währte vom ersten Hit „Wer die Rose ehrt“ bis zum 22. September 1975. Da wurde die Band RENFT verboten. Seltsamerweise ist der 22. September das spätere Geburtsdatum unseres Sohnes Moritz.

Ich sah Peter das erste Mal im „Haus Leipzig“ in Leipzig auf der Bühne. Ich war dort mit meinem damaligen Freund, der auch Gitarre spielte und auch Lieder machte. Und vor allem Texte. Er sagte zu mir: „Achte auf den Gitarristen! Das ist Cäsar!“ Und sah mich an, als hätte er mir soeben die Weltformel offenbart. – Ich, die ich mich für Rockmusiker Null interessierte, schaute notgedrungen auf den Gitarristen, auf Cäsar. Dass wir später mal 25 Jahre mit allen Höhen und Tiefen verheiratet sein würden, kam mir nicht einmal ansatzweise in den Sinn. Neben Lebenserfahrungen und Frauen lernte Peter bei RENFT auch das kennen,  was einen Rocker ständig begleitet: König Alkohol. Andere Drogen, außer Zigaretten, die er auch reichlich rauchte, gab es zu dieser Zeit nicht. Und er lebte schnell, trank sich fast um den Verstand, machte mit 28 den ersten Alkohol-Entzug. Da war ich dann schon dabei. Die Alkohol-Krankheit begleitete und überschattete sein Leben bis zum Schluss. „Wenn Du noch eine Chance bekämst, was würdest Du anders machen?“ – Das fragte ich ihn kurz vor seinem Tod. Er antwortete: „Ich würde versuchen, nicht mehr so viel zu lügen. Andere nicht mehr belügen und auch mich selbst nicht.“ Er bekam keine zweite Chance. Heute wäre er 68 geworden.

Foto: Peter Cäsar Gläser ca. 1984 - Leipzig, Lindenthaler Str. - Küche


25.12.2016

Miss Bella, Cremes und das Mysterium (Heilige) Familie

Warum Weihnachten feiern, wenn einer mit einem Schwerlaster vorher in einen Charlottenburger Weihnachtsmarkt rast? Das ist doch kein Weihnachten mehr! Solche Gedanken gehen mir natürlich auch durch den Kopf. Berlin ist eine gelähmte Stadt. Man fährt durch den festlich beleuchteten Ku’damm oder den Potsdamer Platz, die Mitte, die sich alle Mühe gegeben hat, Besonderes zu bieten. Aber es kommt nicht mehr an. Weihnachten ist beschädigt. Es hat keinen wirklichen Glanz. Der Glanz, der vorhandene, ist ein falscher. Wir fahren durch diesen falschen Glanz, ganz ruhig, wie alle Autos um uns herum, ganz ruhig. Wir wollen zu meiner Schwester. Sie wohnt im Prenzlauer Berg. Und wir treffen uns „in Familie“. Wir haben einen Wildschweinbraten im Gepäck. Den hat mein Sohn Robert auf Wunsch der Familie gemacht, weil es keiner kann, wie er. Im Auto schaukelt außerdem ein Topf mit Rotkohl und ich klemme ein großes Glas mit Bowle zwischen die Beine. Die Rosmarinkartoffeln zum Wildschwein, Bouletten, Kuchen und allerhand anderes warten schon in der großen Wohnküche meiner Schwester. Wir frönen nicht der Schmalhansküchenmeisterethik des Weihnachtsabends, wie wir es früher taten, mit Würstchen und Kartoffelsalat. Wir essen viel und trinken viel. Und es sind meine Söhne da und es sind die Söhne meiner Schwester da und wahlweise auch Freundinnen der Söhne. Später kommt noch Anna, meine Enkelin. Ich habe mich gefürchtet, dass sie ganz allein mit der S-Bahn am späten Abend gefahren ist. Früher habe ich mir über so etwas keine Gedanken gemacht. Aber die Zeiten sind andere. Erstmals ist auch Enkel Tamino - Sohn von Moritz - voll dabei. Er spricht schon und spielt hingebungsvoll mit der neuen Eisenbahn. - Wir haben wieder ein Juleklapp organisiert. Jeder der Erwachsenen hat ein Geschenk unter den Baum gelegt. Und jeder bekommt eins und muss raten, von wem es denn sein könnte. Das haben wir immer gern getan und es hat auch immer Spaß gemacht. An diesem reduzierten Heiligabend auch. Ich habe von meinem jüngsten Sohn Moritz Kosmetik bekommen, die Miss Bella, die Youtuberin, empfahl. Er hat mir zu jeder Creme ein kleines Briefchen, sogar mit Umschlag und Adresse geschrieben. Und mit einer Erklärung. Sehr süß. Ich habe mich unheimlich  gefreut, dass er sich offensichtlich vorher in meinem Umfeld erkundigt hat, was mich erfreuen könnte. Die handgeschriebenen Briefchen mit Umschlag von Miss Bella a.k.a Moritz sind natürlich der Clou. Ich glaube auch alle anderen waren dieses Mal mit ihren Geschenken sehr zufrieden. Ich glaube, dieses durchaus beschissene Weihnachten hat uns gezeigt: Wir sind eine Familie. Wir halten zusammen. Alle, die gerade in unserer Familie nicht auf der Glückssträhne zu Hause sind, fangen wir auf. Und das ist das Wichtigste. Wir sind immer da. Wir sind eine Festung. Das Schlimmste auf der Welt ist, niemanden zu haben. Der Mensch soll nicht allein sein. Das stimmt. Das hält kein Mensch aus.

Foto: Ich und meine Söhne  von links nach rechts: Ben, Moritz und Robert an Weihnachten


08.12.2016

8. Dezember – Der Tag, an dem Robert, der Maya heißen sollte, auf die Welt kam – in einem tief verschneiten Leipzig der Siebziger Jahre.

Dieses Kind wird ein Mädchen und Maya heißen. Die erste Täuschung. Dieses Kind wurde kein Mädchen. Es wurde Robert genannt. Am Abend seiner Geburt sagte meine Mutter: „Du siehst aus, als käme das Kind heute noch.“ Sie gab mir ein Whiskey-Glas mit einer braunen Flüssigkeit und meinte, ich solle das trinken und dann in die Badewanne gehen. Ich tat das, wie geheißen. Es war kein Whiskey, es war Cognac. Damaliges Lieblingsgetränk meiner abendlich trinkenden Mama. Nach Getränk und Wanne setzte ich mich auf das Sofa und dachte: Naja. War wohl nichts. – Plötzlich wurde es warm und nass um mich herum. Es lief aus mir heraus. Fruchtwasser. Blasensprung hieß das. Vorzeitiger. Also Krankenwagen anrufen und ins Krankenhaus – ins Leipziger Eitingon, wie wir das damals nannten. Es begann zu schneien, die Damen an der Pforte des Krankenhauses wollten mich abweisen und nach Zwenkau schicken. Eine benachbarte Kreisstadt im Kohlegebiet um Leipzig. „Gott im Himmel, ich danke Dir für den Blasensprung“, sagte der noch nicht Geborene später, „Ich danke Dir, dass Du verhindert hast, in Zwenkau geboren zu sein! Klingt doch bescheuert für einen Rockstar!“ – Nun gut, der vorzeitige Blasensprung verpflichtete das Krankenhaus in Leipzig, mich in den eigenen Kreißsaal zu schicken. Überbelegt. Es war die Zeit, in der in der DDR viele Kinder geboren wurden. Kinderreichtum wurde auch mit sogenannten Sozialleistungen belohnt. Kinder brauchte die Republik, die noch unverdrossen in Richtung Kommunismus unterwegs war. – Doch hatte der überfüllte Kreißsaal – kommt von Kreischen, wie ich später hörte – nur einen Platz für mich, der sich gegenüber der hohen Fensterfront befand. Da lag ich, wie ein gestrandeter Wal, die ersten Wehen setzten ein. Lag da. Unattraktiv und breitbeinig, Hebammen schauten nach, was sich da zwischen den Beinen tat. Und über mir die Fensterputzer, die versuchten, diskret wegzuschauen. „Tut uns leid, junge Frau! Wir müssen eben irgendwann hier auch mal Fenster putzen. Liegt ja immer eine da.“ – Tja, es gibt Um- oder Zustände im Leben einer Frau, in denen Fensterputzer als Zuseher bei einer Geburt egal sind. Und es kam noch ärger. Eine Hebamme lachte und sagte zur anderen: „Schau mal, das hat aber eine Vollglatze!“ – Die andere schaute genauer und rief: „Himmel, das ist doch der Arsch!“ – Einschub: Ultraschall und entsprechende Vorbildchen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Ärzte sagten bei allen Voruntersuchungen, der Kopf sei unten, wo er hingehört. Sogar im Kreißsaal, als ich dort eintraf, wurde das noch einmal behauptet. Nun also eine reine – Steißlage. Hektisch wurde das Bett zu einem Operationstisch umgebaut und eine Ärztin im OP-Kittel preschte heran. Sie sagte: Entweder wir holen das Kind innerhalb von fünf Minuten per „kleinem Schnitt“ oder wir müssen einen Kaiserschnitt machen. Dann bekommen Sie eine Narkose. „Das Kind“ war klein und dünn. Es reichte der „kleine Schnitt“ und es kam mit blauem Hintern, aber engelhaftem rosa Gesichtchen zur Welt. Halb erstickt, erst nicht schreien wollend, aber am Ende doch wohlbehalten. Das Kind, das später Robert hieß, hat der Welt als Erstes „den Arsch gezeigt“. Ist doch auch was, oder? Am nächsten Tag war die Aufregung schon ein bisschen vergessen. Der Vater stapfte von Leipzig-Connewitz durch die ganze Stadt durch den immer währenden Schnee bis zum Eitingon-Krankenhaus am anderen Ende. Väter durften damals bei Geburten nicht dabei sein. Und ich finde das heute noch gut. Mir reichten die Fensterputzer. Straßenbahn und Busse fuhren nicht. Autos kamen auch nicht durch, weil die Stadtreinigung mit dem Schnee nicht mehr klarkam. Es war ein verschlafen verschneiter Tag im sozialistischen Leipzig. Es war ein 8. Dezember. Einige Jahre später sollte an diesem Tag John Lennon erschossen werden.

Foto: Von links nach rechts: Ich, meine Mutter und der 23 Tage alte Robert, dahinter meine Schwester, man trug damals noch seltsame Kopfbedeckungen an Silvester.


20.11.2016

Peter Cäsar Gläser - Gedanken zum unerhörten Leben in einem untergegangenen Land in einer sehr sehr lange vergangenen Zeit - am Totensonntag 2016

Heute ist wieder Totensonntag. Und ich denke an unseren Freund, Ehemann, Geliebten, Vater, Chaoten, Ordnungsfanatiker, Trinker, SingerSongWriter, Gitarristen, Flötisten, DDR-Rockstar, alternden, immer wieder – nicht mit seiner Zustimmung – als Blues-Barden bezeichneten, Peter Cäsar Gläser. Wir waren 25 Jahre verheiratet. Ich kann es mir manchmal schon gar nicht mehr vorstellen. Es ist eine versunkene Zeit. Es ist eine alternde Zeit, eine beinahe tote Zeit. Obwohl ich und andere, die dabei waren, heute gern davon schwärmen möchten. Und wir tun das auch. Es war unsere Jugend. Wir haben geheiratet, wir haben zusammen gewohnt, wir haben ein Nest gebaut, wir hatten Kinder, Verwandte und sehr, sehr viele Freunde. Wir hatten ein offenes Haus. Wir versuchten, über die Grenzen der DDR - zumindest kulturell und spirituell - zu springen. In Gedanken, mit viel Alkohol, viel Spinnerei, Naivität, Weisheit und Kreation. Und ungeheuer viel Zigarettenrauch. Wir hatten Malerfreunde, Musikerfreunde und –feinde, Stasispitzel, die wir für Freunde hielten, und Freunde, die wir für Stasispitzel hielten, die es aber nicht waren, in unserer Wohnung permanent zu Gast. Wir tranken Unmengen schlechten Alkohol, wir rauchten, dass die Schwaden die Wohnung Sepia einfärbten, wir feierten und brieten Steaks für Ankömmlinge in unserer Küche, deren Namen wir nicht kannten und auch nicht behielten. Falls wir sie überhaupt erfuhren. Wir hingen die Weihnachtsbäume an der Decke auf, erzogen unsere Kinder mehr schlecht als recht, vielleicht antiautoritär, wovon sie sich noch heute versuchen zu erholen, wir liebten und hassten, betrogen und belogen. Wir liebten. Irgendwie. Wir schmachteten denen im Westen per Westfernsehen hinterher, die wir für so ungeheuer frei hielten. Aber, was wir nicht wussten: Es ging uns gut. Wir hatten eine riesengroße – für heutige Verhältnisse – billige Wohnung. Wir hungerten nicht, im Gegenteil, wir machten gemeinsam die Bockwurst-Diät, bei der Peter abnahm und ich natürlich nicht. Wir diskutierten jeden Abend die politische Lage, ohne Angst zu haben, dass uns etwas passieren könnte. Obwohl wir wussten, dass der „Feind mithört“. Es war uns egal. Ich las jeden Morgen drei Zeitungen, in denen dasselbe stand und versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir fanden alles Scheiße im Lande. Dieses System. Diese DDR. Wir wollten weg. Und das taten wir dann auch. – Wir verließen eine wundervolle Wohnung, die wir selbst ausgebaut hatten, mit allem Geld, das wir in diesen Jahren verdient hatten. Nach uns zog – wie wir hörten – ein Stasi-Offizier – dort ein. Der wohnt aber auch nicht mehr dort. Niemand wohnt mehr dort. Niemand, den wir kennen. Das Haus sieht heute von außen wunderbar restauriert aus. Wir sind in den Westen gegangen, um uns dort zu trennen. Nicht gleich. Aber nach zehn Jahren. Hier auf diesem Foto – Peter Cäsar Gläser – von mir mit Rasier- oder Frisiercreme gestylt – auf dem Schaukelpferd, auf das ich einmal nachts im Dunkeln fiel und mir zwei Zehen und zwei Rippen brach. Wir waren gut drauf. Wir waren glücklich, ohne es zu wissen. So ist das Leben. Der Totensonntag mahne all jene, die nicht wissen, dass es so sein kann. Er mahnt, der Toten zu gedenken und - dem Leben zu huldigen. Es kommt nie mehr wieder.

Foto: Peter Cäsar Gläser ca. 1986 - geboren am 7.1.1949 in Leipzig - gestorben am 23.10.2008 ebenda


31.10.2016

Aus einer vergangenen Zeit in einem untergegangenen Land I - Der schwere Weg in unsere "Kulturküche" in Leipzig-Gohlis

In der DDR wurden die Wohnungen vom Wohnungsamt „zugewiesen“. Man brauchte als Paar eine Heirat und eine „Wohnungszuweisung“, um in eine Wohnung einziehen zu dürfen. Den Mietvertrag schloss man meist mit der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV), einer Arbeiter-Wohngenossenschaft (AWG) oder – selten – mit einem privaten Vermieter ab. Als ich mit unserem jüngsten Sohn Moritz schwanger war, wohnten Peter, Robert, Ben und ich noch in einer sogenannten Teilhauptmiete. In einer großen Altbauwohnung mit alten Öfen und altem Parkett und noch älterem und zerfetztem Bodenbelag im Korridor - zusammen mit einer alternden Trinkerin und Tragödin, zusammen mit einem jungen, frisch verheirateten Paar, alle zusammen in dieser einen Wohnung. Peter und ich hatten eine eigene Küche und zwei Zimmer. Gemeinsam mit den anderen waren der Flur, die Toilette und das Bad, das wir kaum benutzten, da es dort nur kaltes Wasser gab – beheizbar mit einem alten Badeofen – und noch schlimmer, eine stumpfe, vor sich hin blätternde Badewanne. Alles war schmutzig, da keiner sich verantwortlich fühlte. In der Küche kaltes Wasser und ein Spülschrank mit herausschiebbaren Schüsseln, in die man warmes Wasser aus einem Miniboiler einfüllen musste, um Geschirr zu spülen. Wir hatten immerhin zu diesem Zeitpunkt schon eine vollautomatische Waschmaschine, die uns meine Mutter zur Geburt von Ben geschenkt hatte. Aber wir wollten dort raus! Ich hatte das dritte Kind im Bauch, die Trinkerin drohte jeden Abend mit Selbstmord, das Bodenholz der Küche war so verzogen, dass nur Eingeweihte darauf laufen konnten, ohne hinzufallen, und und und… ich erspare weitere Details. Wir machten Druck beim Wohnungsamt, vor allem ich. Wir brauchten eine Zuweisung für eine neue und vor allem größere Wohnung. Allein für uns. Da ging ich also mit meinem dicken Bauch zu jeder Sprechzeit hin, und jammerte und bettelte: drittes Kind, Teilhauptmiete, bald fünf Personen und nur zwei Zimmer in einer verwahrlosten Wohnung, mein Mann, der Rockstar, kann ja nicht einmal Besuch empfangen!! Was wir alles erzählten! Tut uns leid, war die ewige Antwort. Wir haben leider nichts für Sie. Oder wir besichtigten schrecklichste Wohnungen und hatten uns schon damit abgefunden, dass das noch eine Weile so bleiben würde. Dann kam das Angebot: 150 Quadratmeter Leipzig-Gohlis. Vier Zimmer, Küche, Bad, Riesenflur von 30 Quadratmetern. Vorher habe ein Schriftsteller, der Arztromane verfasse, darinnen gewohnt. Die Wohnung stehe schon drei Jahre leer. Warum? Da musste es einen Haken geben! Es gab einen Haken. Die Wohnung lag im Hochparterre und war nicht beheizbar. Sie hatte zwei kaputte Öfen, sonst nichts. Peter und ich entschlossen uns todesmutig, die Zuweisung für diese Wohnung anzunehmen. Wir wollten eine Gas-Zentral-Heizung einbauen lassen. Das Geld hatten wir, auch die Handwerker. Es gab ja genug Cäsar-Fans unter den Handwerkern. Das Problem war das Material. Das ewige DDR-Problem. Problem Nummer Zwei: Wir mussten im Innenhof des Hauses einen eigenen Schornstein bauen lassen, weil alle anderen Leute im Haus mit Kohle heizten. Und drittens: Um unsere dann irgendwann fertige Heizungsanlage in Gang zu bringen, brauchten wir ein Gerät, dass es nur für Westgeld gab. Auch das haben wir aufgetrieben. Für den Schornstein mussten wir den Innenschacht einrüsten lassen. Da gab es über sieben Ecken einen privaten Gerüstbauer, der erkannte unsere Not und trieb den Preis so hoch, dass das Gerüst am Ende teurer wurde, als die gesamte Heizungsanlage plus Handwerker-Rechnungen. Zum Abschluss schickten wir noch eine Malerfirma rein, die rissen alles ab, Tapeten, unter denen Zeitungen von 1949 zum Vorschein kamen, und malten den Stuck an, als gilt es das Leben. Die Decken sahen danach aus, als wären es Pralinenschachteln. Alle Türen und Fenster dunkelbraun (!) und neues Glas eingezogen. Dann noch eine Woche lang sämtliches Parkett abschleifen lassen und lackieren. Bad und Küche fliesen lassen. Die Fliesenbeschaffung war ein eigenes Kapitel. Nicht umsonst hieß die D-Mark in der DDR "blaue Fliesen". Und einen Haufen neue alte Möbel kaufen. Im Leipziger Gebrauchtwarenhaus - so hieß das damals. Es gab noch sehr schöne alte Möbel - zu dieser Zeit, weil die meisten lieber Schrankwände wollten. Kurz vor Moritz‘ Geburt war fast alles fertig. Es war Ende September, es wurde kalt. – Diese Wohnung - und vor allem die Küche - wurden später zu einem kleinen Kulturzentrum für die Künstler- und Musikerszene der Stadt Leipzig. Jeden Tag, tatsächlich jeden Tag, gingen Leute ein und aus. Schade, dass ich so viel vergessen habe. Schade, dass ich kein Tagebuch geführt habe. Als wir die Wohnung einweihten, kamen Wolf-Rüdiger Raschke, der damalige Band-Chef von "Karussell" und Jochen Hohl, der Schlagzeuger, und öffneten eine große Flasche Sekt. Der Korken sprang so heftig an eine der Pralinendecken, dass es den ersten Fleck gab. Viele weitere sollten folgen. Hier wurde gelebt, geliebt, geweint, geschwatzt und getratscht, musiziert und gemalt, gestritten, dramatisiert, belauscht und geflüstert, gegessen, getrunken und vor allem - geraucht. Dazwischen immer unsere Kinder und deren Freunde. Heute sage ich: Es war ein gutes Leben. Und: Ich möchte es nicht noch einmal erleben. - (Man beachte die einsame Kerze ohne Kerzenhalter. Wir haben damals noch nicht so viel an Sicherheit gedacht. Die Tür stand immer offen und war nie abgeschlossen. Wer wollte, ging einfach rein. Unvorstellbar heute)

Foto: Ich in der Küche (dunkel, Nord-West-Seite) ca. 1984/85


17.10.2016

 

Herzens- und Schmerzensmann - mein Sohn Robert Gläser - II

Ich muss noch einmal über meinen ältesten Sohn Robert schreiben. Er hat mich wieder einmal beeindruckt. Gestern im „Bi Nuu“ in Berlin-Kreuzberg hat er ein zweites Konzert zu seinem Album „Robert Gläser“ gegeben. Dieses Mal hab ich mich nicht von all den Freunden und beinahe Verwandten ablenken lassen, denn die waren gar nicht da. Zum größten Teil nicht. Dieses Mal habe ich zugehört. Es gab familiäre schwerwiegende Gründe, dieses Konzert vielleicht sogar abzusagen. Aber Robert wollte es nicht. Denn „Mugge geht vor Katastrophe“ – ein altes Sachsen-Gebot der im Musikgeschäft tätigen Szene. Ich weiß, dass er im Backstage-Bereich eine Flasche Baldrian zu sich nahm und dass es ihm nicht gut ging. Ich hatte große Befürchtungen, bin ich doch stets ein Seismograph, der im Hintergrund die „Bösen“ wahrnimmt und dann regelmäßig Depressionen bekommt, weil die „Bösen so böse sind“ und das auch noch von sich geben. Ich kenn das noch von den Auftritten meines Ehemannes Peter Cäsar Gläser. Da stand ich im Hintergrund und registrierte diese „Bösen“, die ihn nicht mochten, mit schöner Regelmäßigkeit. Heute frage ich mich, warum waren die – da! – Ich weiß nun, wer bei Roberts Konzerten anwesend ist, liebt Robert genauso, wie ich ihn liebe. Aber: ich beobachtete – aus meiner Rückhalt-Position - auch Menschen, die da einfach – vielleicht auch als Touristen – so hereingeraten waren. Einer kaufte die CD und ein passendes T-Shirt und meinte: „Ich dachte erst, das ist so ein Wendler-Typ, aber das ist der gar nicht. Der ist ja großartig.“ Ich sah junge Mädchen, die tanzten und wippten bis zum Schluss. Die waren höchstwahrscheinlich die Freundinnen der sehr jungen Vorband. Hat mich gefreut. Robert war in seiner seelenverletzten Art zu Sein tatsächlich großartig. Denn ich weiß, ihm war nicht großartig zumute. Und ich – als Mutter – hatte sehr viel Angst, dass alles schiefgehen würde. Aber – auf die Bühne kam wieder einmal dieses Kraftpaket, der Mann „wie ein Baum“, der mit dem Publikum eine einzigartige Symbiose eingeht. Er vergaß Texte, er fing noch mal an, er brach in Tränen aus, er zeigte alle Seelenzustände, die ein Mensch haben kann. Und die, die gekommen waren, ihn zu hören, verstanden: Ich bin ein Mensch! - Ich habe meinen Sohn selten so stark erlebt. Und ich weiß, dass er es nicht so sieht, dass er glaubt, er hätte alles besser machen können. Wie er das immer glaubt, egal, wie gut etwas war. Nein! Stimmt nicht. Es war genau richtig. Alle, die da waren, hat er glücklich gemacht. Großer Dank auch an eine großartige Band, die ihn begleitet und unterstützt hat - und an alle anderen Helfer. Ein wunderbares Konzert – auch für die Pessimistin, die ich wohl immer sein werde. Ich bin stolz, so einen starken und kreativen Sohn zu haben.

Foto: Kerry Blue

www.robertglaeser.de

https://www.facebook.com/RobertGlaeserMusik/


22.09.2016

Mein Sohn Moritz Gläser

Moritz ist mein jüngster Sohn. Wie jeder meiner Söhne, ist er ganz anders, als „gedacht“ - geworden. Ich verstehe vieles nicht, was er denkt. Und denke, dass er tatsächlich schon zu einer anderen Generation gehört. Er fragt mich oft, was bestimmte Wörter bedeuten, die für mich selbstverständlich sind. Zum Beispiel „verschmitzt“. Sein Vater Peter Cäsar Gläser schrieb in seiner Autobiografie „Cäsar. Wer die Rose ehrt“ (2007), Moritz wäre schon mit einem „verschmitzten Gesichtsausdruck“ geboren. Als Moritz das las, fragte er mich: „Liebe Mutter, was ist denn „verschmitzt“?“ Das fragte mich Moritz, der ein begnadeter Wortkünstler ist. Seine Texte, die er schon sehr früh begann zu schreiben, haben mich immer wieder fasziniert. Als eine, die selbst schreibt, besonders. Ich könnte nie schreiben, was er da macht. Es ist eine andere Welt. Angefangen hat es schon am Gymnasium, als die Deutsch-Aufgabe lautete: Schreiben Sie „Romeo und Julia“ von William Shakespeare in eigenen Worten um. Er tat das. Aber er „dichtete“ es um. Ich war vollkommen von den Socken, so großartig fand ich, was er da geschrieben hatte. Leider war die Lehrerin nicht meiner Meinung und gab ihm eine Vier. Es war aber die Zeit, als ich schon aufgegeben hatte, bei dummen Lehrerinnen für meinen Sohn zu werben. Er verließ dann diese Schule in der 12. Klasse und ging nach Leipzig. Er hatte einen Studienplatz – einer von dreien – in der Bass-Klasse der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ ergattert. Weil er – ohne Noten zu können – so großartig spielte, dass man sich für ihn entschied. Er war siebzehn und das neue „freie Leben“ in Leipzig und in einer WG führte dazu, dass er nach einem Jahr wieder exmatrikuliert wurde. Ein Schicksal, dass seinen Vater in den Siebzigern ebenfalls ereilte. Es hieß damals „wegen schlechter Studiendisziplin“. Beide gefeuert. Beide weitergemacht.  Schade, sagt Moritz dennoch heute, wäre ich nur älter und klüger gewesen. Ich sage, es war eine Erfahrung. Immerhin gewann er den 1. Preis in einem Wettbewerb der Zigarettenmarke „Cabinet“ – eine ehemalige DDR-Zigarette, die es heute noch gibt – in der Sparte Musik. Für seine ersten Rap-Gesänge, die wir alle mit Begeisterung und Erstaunen hörten, und vor allem auch für seine großartige Performance auf der Bühne. Die Zeitschrift „Magazin“, ehemals DAS Magazin, das monatlich die einzige Nackte als Fotoakt in der DDR enthielt und heißt begehrt war, druckte seine Texte. Nur Robert, mein ältester Sohn und gleichzeitig Moritzs schärfster Kritiker und natürlich auch treusorgender Bruder, fand, Moritz singe immer nur „auf einem Ton“. Tja, hat Rap so an sich, oder? Wie Robert, mit dem Moritz regelmäßig den Super-Battle ausfocht und noch immer ficht, probierte, irrte und korrigierte Moritz ständig seine Musik und sein Leben und überhaupt alles. Heute wird er 35 Jahre alt und sieht noch immer aus wie 25. Er steht nun oft stellvertretend für seinen 2008 von uns gegangenen Vater auf der Bühne und fühlt sich nicht besonders wohl in dieser Rolle. Er will nicht „der kleine Cäsar“ sein, obwohl er so aussieht. Er will etwas Eigenes machen, was ich verstehe. Zur Feier des 44. Geburtstages seines Bruders Robert im Dezember 2015 konnten die vielen Gäste sehen, was er meint. Wenn er SEINE Musik macht, steht er nicht – wie sein Vater – auf der Bühne, sondern er springt und tanzt und performt. Singt seine eigenen Texte und spielt seine eigene Musik. Dann ist er nicht mehr der schwierige und irgendwie unfreundliche Moritz, wie ihn oft die Anderen sehen. Dann lacht er auf seine unnachahmliche Art, von der ich mir wieder mehr wünsche. Inzwischen ist er auch nicht mehr der „Kleine“, der „Unordentliche“, der „Zuspätkommer“ und „Chaos-Mensch“ (O-Ton Robert). Im Dezember 2014, genau an Roberts Geburtstag, ist Moritz Vater von Tamino geworden. Dieses Kind hat Moritz noch einmal verändert. Er hat Verantwortung übernommen. Nicht nur für sich, sondern auch für einen anderen Menschen, der neu auf diese Welt kam. Ich liebe meine Söhne Robert, Ben und Moritz. Jeden auf seine Art. Sie sind verschieden. Sie streiten und sie vertragen sich. Jeder ist eine ganz eigene Kreation. Moritz – ich gratuliere Dir zum Geburtstag. Ich liebe Dich, so, wie Du geworden bist. Und auch so, wie Du noch werden wirst. Da habe ich große Hoffnungen.

Foto: Moritz und ich 1991


19.09.2016

Haste noch ne CDU für mich? – Als ich einmal Wahlbeobachterin war

Eigentlich hatte ich Zahnschmerzen. Aber – ich schleppte mich ein weiteres Mal in die Schule um die Ecke. Und betrat mein Wahllokal mitten im beschaulichen Charlottenburg in Berlin um drei Minuten vor 18.00 Uhr. Man wollte mir die erforderlichen drei Wahlscheine in die Hand drücken. Ich kann nicht besonders eindrücklich gewesen sein, am Nachmittag, da war ich schon einmal dort, um meine drei Kreuze zu machen. Die in diesem Fall gefordert sind oder eben nicht. Hier bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und zur Bezirksverordnetenversammlung am 18. September waren drei Kreuze wirksam, falls jeweils nur eins auf den drei Wahlzetteln stand, eine Unterschrift dagegen nicht. Aber – und das erfuhr ich im Verlauf des sehr sehr langen Abends: Ab sofort kann man in den aufgedruckten Kreis seiner Wahl nicht nur ein Kreuz setzen, auch ein Haken, eine Sonne oder ein Smiley haben Gültigkeit, sofern sie sich im Kreis für das ehemals ausschließlich geforderte Kreuz befinden. Kapiert? Ich erst auch beinahe nicht. Fürs nächste Mal bin ich belehrt: Es ist egal, was man in den Kreis malt, man drückt mit der Innengestaltung des Kreises neben der Partei der Wahl sein „Ja“ aus. Egal, mit welchem Zeichen oder welcher Zeichnung. So setze man also ab sofort sein ganz individuelles Zeichen. - Stand das in irgendeiner Zeitung? Wurde das im Fernsehen verkündet? Ich hörte oder las es jedenfalls nicht. Das erörterte ich im Laufe des Abends mit der „Chefin“ meines Wahllokals. Denn ich war die Wahlbeobachterin. Die einzige weit und breit. Ansonsten scheint es niemanden in meinem Wahlbezirk zu interessieren, was die bienenfleißigen Wahlhelfer nach 18.00 Uhr treiben. In meinem Lokal waren es sechs Damen und ein Herr. Sie staunten, was ich bei ihnen wolle. Mal zuschauen, was Sie hier so tun? – Das ist Ihr gutes Recht. – hieß es dann. - Ja, das wusste ich natürlich. - Es wird aber bestimmt bis 22.00 Uhr dauern. Wir haben hier unser ganz spezielles System. Wir machen das schon viele Jahre zusammen. – Ok, schreckt mich nicht. Ich bleibe dann bis 22.00 Uhr. – Und so war mein Da-Sein akzeptiert. Einer flog noch herein und gab seinen „Tipp“ ab, dann schloss das Wahllokal, ich musste formal noch einmal „raus“. Und dann öffnete sich die Tür wieder – für mich und den Hausmeister der Schule, der noch bleiben wollte „bis zum letzten Wahlzettel“. Das war beruhigend. Und so ging es also los. Die Wahlurne wurde auf dem Tisch geleert. Die „Chefin“ zählte in dem großen Buch, in dem alle Wähler standen, jene heraus, die wirklich gekommen waren. Die anderen fünf Damen und der eine Herr sortierten die orangen, die blauen und die grauen Scheine und zählten sie. Die Zahl der Wahlscheine durfte nicht größer sein, als die Anzahl der im Buch vermerkten Wähler. Ok, hab ich kapiert. Manche gehen in die Kabine und zerknüllen den Schein oder nehmen ihn mit nach draußen oder werfen ihn in den Papierkorb. Eine siebenköpfige Familie ging gemeinsam in die Kabine, da wurden sie wieder herausgerufen. Das geht gar nicht! – erzählt die „Chefin“. - Sie wären doch eine Familie und wollen alle das Gleiche wählen, hieß es. - Können Sie ja, aber nicht alle auf einmal in einer Kabine. Jeder müsse für sich hineingehen. Da gab die Großfamilie ihre ausgefüllten ungültigen Scheine wieder ab und ging. Sie wollten nicht einzeln wählen. Stimmen verschenkt. Schade. Ich hatte kapiert. Scheinanzahl Buch muss gleich oder größer sein als Scheinanzahl Tisch. War sie aber nicht. Erste Aufregung. Irgendwer musste sich verrechnet haben. Der Fehler wurde gesucht und gefunden. Es herrschte extreme Konzentration im Raum. Keiner sprach, keiner trank oder aß etwas. Es wurde nur sortiert und gezählt. Die Ergebnisse verglichen. Denn nach der ersten Großzählung wurden die Parteien ausgezählt. Erster Wahlvorschlag Erststimme für das Abgeordnetenhaus. Dann Zweitstimme für das Abgeordnetenhaus. Dann Bezirksverordnetenversammlung, für die aber viele Parteien gar nicht antraten. Alles wurde in Zehnerpäckchen gelegt, um am Ende alles zusammenzählen zu können. Um so ein Zehnerpäckchen „voll“ machen zu können, hieß es dann: Hast Du noch ne CDU für mich? Oder: Wer hat die Tierschutzpartei? Oder: Noch irgendwo ne FDP? Nee, ich hab hier die Piraten. - Dann packte man die Zehnerpäckchen zu Hunderterpäckchen, um wiederum alles zu zählen und in einer Liste zu notieren. Es war ein Geraschel und Atmen und Murmeln. Langsam machten sich Müdigkeit oder Nackenstarre breit, aber die routinierten Helferinnen und der einzige Mann im Raum schafften es,  dass am Ende alles stimmte. Alles Fertiggezählte in Tüten verpackt, Zahlen ans Wahlamt gemeldet und später von der „Chefin“ zur zentralen Stelle ins Rathaus gebracht. Neu für mich: Briefwahlen werden irgendwo im Bezirksamt parallel ausgezählt. Erstaunlich für mich: Während „wir“ gerade erst mit der „Zählung“ begannen, feierten oder greinten schon die Gewinner und Verlierer der Berlin-Wahl 2016 im Fernsehen über ihre Zahlen. Was stimmt da nicht? Fragte ich mich. Nun ja. Wer es weiß, kläre mich auf. Der Hausmeister schloss mir die Schule wieder auf und ich hüpfte zufrieden über die Zählkünste meiner Wahllokalmannschaft und ihren unaufgeregten Fleiß nach Hause und entkorkte eine Flasche Sekt. Auf Elisabeth, die Wahlbeobachterin!


13.07.2016

Einmal Westen ohne Wiederkehr. Teil Zwei. Familie Gläser wird integriert

Wie ging es weiter? Mit der „Integration“ von Familie Gläser in die Bundesrepublik Deutschland bzw. in das alliierte Westberlin? Das war so:

Klaus Renft fuhr uns nach Marienfelde, in die damalige Aufnahmestelle für Übersiedler in Berlin-Tempelhof. Dort waren fast nur Ostdeutsche und vorwiegend Polen, die ihr „Deutsch-Sein“ nachweisen konnten. Als wir ankamen, Peter und ich, zwei kleine Kinder, Ben und Moritz, und ein jugendlicher Robert, hielt man uns sofort an der Pforte für Polen. Wir müssen etwas bunter gewirkt haben. Die Wächter am Eingang des „Auffanglagers“ sprachen uns in gebrochenem Deutsch an. „Sie verstehen deutsche Sprache?“ – „Ja, wir verstehen. Wir sind aus Leipzig!“ – „Ach so, wir dachten Polen!“ – Ok, das verstand ich erst einmal nicht. Doch sollte ich es später verstehen, dann, als wir „eingegliedert“ wurden. In ein Studentenheimartiges Zimmer – zu fünft mit Doppelstockbetten – um uns herum wurde polnisch gesprochen. „Miiichai!“ – ertönte es aus dem Nebenzimmer. Robert – schon damals unser Parodist – hatte das ganz schnell drauf: „Miiichai“ – mit einem ch wie in ach. Er rief es ständig inbrünstig überall herum, so dass ich ihn schon mäßigen musste. Denn Michail wurde oft gerufen. Und überhaupt – diese Polen. Überall waren sie. Überall waren sie die Ersten. Und erstmalig bekam ich ein Gefühl dafür, eine Deutsche zu sein. Wir hatten es ja in der DDR nicht so mit dem Deutschsein, auch wenn das heute viele denken. Das Wort Deutschland wurde gemieden wie die Pest. Wir hatten es zwar im DDR-Namen und auch im SED-Namen, aber ansonsten kam es nicht vor. Nur als Siegmund Jähn ins Weltall geschossen wurde, las ich erstmalig wieder in den DDR-Zeitungen: "Der erste Deutsche im All". Aha, sind wir also doch Deutsche. Wir lachten damals darüber. Ansonsten machten wir uns darüber nicht soo viel Gedanken. Wir waren DDR-Bürger, wenn auch nicht gern. Plötzlich sollten wir also anerkannt "Deutsche" werden. Dafür mussten wir diverse Stationen durchlaufen - in diesem „Lager“. Ich zähle sie auf, den „Laufzettel“ hab ich heute noch:

Ärztlicher Dienst
Sichtungsstelle
Weisungsstelle
Bundesaufnahmestelle Berlin (Annahme des Antrages, Vorprüfung, Ausgabe des Aufnahmescheins)
Landeseinwohneramt Berlin – Meldestelle
Bundesanstalt für Arbeit
Allgemeine Ortskrankenkasse Berlin
Zentrale Beratungsstelle für Aussiedler und Zuwanderer
Sonderbetreuung und Beratung für ehemalische politische Häftlinge
BVG-Freifahrtausweise
Taschengeld
Bekleidungsbeihilfe
Friedlandhilfe
Alliierte: Franzosen. Briten. Amerikaner.
Bundesverfassungsschutz
Diverse Beratungsangebote der Kirchen, Arbeiterwohlfahrt, Landesausgleichsamt Berlin etc.

Ohne einen Stempel von all diesen Stationen konnte man die Aufnahmestelle nicht verlassen. Da war ein "Run" auf diese Institutionen, bei dem die Polen irgendwie schneller waren. Einer der Gründe für beginnende Feindseligkeiten der Ostdeutschen gegenüber den Polendeutschen, die allerdings kein Deutsch sprachen und das einfach ignorierten. Die meisten Beamten machten gegen Mittag Schluss. Dann musste man auf den nächsten Tag warten und die Nachmittage irgendwie rumbringen. Ich entschloss mich, jeden Tag um halb vier aufzustehen, nahm mir ein Buch und stellte mich ab ca. 4.00 Uhr an. Ich war nicht allein, aber es klappte, dass wir nach ca. zehn Tagen „raus“ waren.

Zwei lustige Erlebnisse: Bei den Amerikanern hatten wir es mit einer älteren Dame mit polnischem Namen und breiten amerikanischem Akzent zu tun. Sie fragte meine Musikermann Peter, neben seltsamen Fragen über die Truppenstärken an der Grenze während seines damals bereits zwanzig Jahre zurückliegenden „Dienstes“ bei der Nationalen Volksarmee der DDR, folgendes: „Und Sie sind also Musiker! Spielen Sie Reggae?“ Peter verstand sie nicht. Und guckte dumm. Sie fragte etwas lauter: „Und, spielen Sie Reggae??!! (Ich flüsterte ihm zu: Ob Du Reggae spielst, sag einfach ja! Du hast doch da so einen "Katzenjammerreggae"!) – Peter aber sagte: „Nein, ich spiele keinen Reggae.“ – Und die gestrenge Amerikanerin antwortete zufrieden: „Very good, Reggae kann ich nämlich nicht leiden!“ Sprach‘s und entließ uns wieder nach draußen.

Die zweite lustige Begebenheit trug sich bei der Übergabe unseres sogenannten Aufnahmescheines der Bundesaufnahmestelle Berlin zu. Die Beamtin erklärte uns, dass wir diesen Schein nicht verlieren dürfen. Es sei wie eine neue Geburtsurkunde – für die ganze Familie. Aufgezählt waren: Gläser, Peter, geboren in Leipzig. Gläser, Elisabeth, geboren in Leipzig, Leipzig, Robert, geboren in Leipzig, Gläser, Benjamin, geboren in Leipzig und Gläser, Moritz, geboren in Leipzig. Sie schaute noch einmal irritiert auf die Urkunde und fragte plötzlich: „Haben Sie ein Kind, das mit Nachnamen Leipzig heißt? Da steht "Leipzig, Robert", geboren in Leipzig?“ – „Das haben Sie geschrieben, sagte ich, „war wohl bisschen viel Leipzig auf einmal…“. Wir lachten und sie änderte die Urkunde. So wurde aus „Robert Leipzig“ wieder ein „Robert Gläser“. Und wir konnten das Aufnahmelager verlassen. Ausgestattet mit etwas Geld und einer Art Zuweisung für eine Pension in Berlin-Charlottenburg. (Das ist aber eine neue Geschichte).

P.S. Ich hab noch etwas vergessen. Robert hatte, ehe wir nach Westberlin ausreisten, nagelneue Schuhe im „Exquisit“ gekauft, also in einem der DDR-Läden, in denen alles fünfmal teurer, als in normalen Läden war. Diese Schuhe – sein ganzer Stolz damals - hatte er in dem engen Doppelstockbett-Zimmer in Marienfelde in eine Plastiktüte gesteckt und an die Tür gestellt. Die Tüte hab ich aus Versehen mit den anderen Abfalltüten in den Müll gegeben. Robert rannte dem davonfahrenden Stadtreinigungsauto noch rufend und gestikulierend hinterher. Vergebens. Das hat er mir mindestens ein Jahr nicht verziehen.

Foto: Laufzettel für das "Aufnahmeverfahren" - Marienfelde Aufnahmelager


14.06.2016

Als wir staatenlos waren und von Ost nach West wechselten – im Gepäck drei Kinder und drei Koffer und sonst nichts

Nein, ich freu mich nicht! Ich möchte nicht schon wieder Geburtstag haben. Morgen ist wieder so ein 15. Juni. Es zählt sich so über die Jahre dahin. Früher, ja früher, da war das noch was. Wie ersehnte ich den 10. herbei. Endlich zwei Zahlen! Wie fieberte ich dem 14. entgegen. Endlich ein Personalausweis, mit dem ich in Erwachsenenfilme gehen konnte, mit meinem Freund! Wir küssten uns zwar nur und es wäre egal gewesen, was da vorn auf der Leinwand läuft. Aber so ein Personalausweis in der DDR, das war etwas vollkommen anderes als heute. Es war der AUSWEIS. Wir vergötterten dieses blaue Ding und verglichen die Fotos und die Geburtsstädte. Ich hatte Leipzig. Nicht so toll. Meine Mutter hatte ja Rio de Janeiro. Mein Vater Lichtenstein. Dem ich gern ein „ie“ verpasst hätte, denn ohne das „ie“ war es leider nur ein Kaff in Sachsen. Mein erster Ehemann war (noch) in Niederschlesien geboren. Die Stadt hieß Waldenburg. Er liebte es, in Waldenburg geboren zu sein. Als er seinen Personalausweis später erneuern ließ, stand plötzlich – ohne, dass er gefragt wurde – Wałbrzych drin. Er wurde schier wahnsinnig. Was ist das? Ich bin nicht in Wałbrzych geboren! Doch die DDR hatte ab sofort eingeführt, dass die Städte der ehemaligen „Ostgebiete“ in der Sprache der jetzigen Bewohner im Ausweis standen. Und das waren nun einmal die Polen. Ich – damals noch auf DDR-Art politisch korrekt – versuchte ihn zu beruhigen: „Das ist jetzt eine polnische Stadt. Ist doch schön! Bist Du halt in Polen geboren.“ – Ich erspare mir die Antworten.  - Wir waren beim Ausweis. Dem Personalausweis der Deutschen Demokratischen Republik. Man musste ihn ständig bei sich tragen. So stand es drin. Und wehe, wenn man kontrolliert wurde, und das geschah in jungen Jahren oft, und man hatte ihn nicht dabei! Der Blaue war ein kleines Büchlein mit vielen Seiten, falls man mal ins Ausland wollte. Für die Stempel. Manche hatten sogar welche drin. Möglich waren nur Ungarn, Sowjetunion (auf Einladung und mit Visum), Rumänien, Polen, Tschechoslowakei, Bulgarien. Unsere sozialistischen Bruderländer. In den Achtzigern hatten manche einen Stempel aus der Bundesrepublik Deutschland. Besuche bei großen Familienfeiern oder aber privilegierte Künstlerreisen waren vermehrt möglich. Natürlich nicht für mich. Außer Polen und Tschechei nichts gewesen. Ich wollte ihn los sein, den Blauen. Und ich wurde ihn los. Und tauschte ihn gegen Staatenlosigkeit. Entlassen aus der Staatsbürgerschaft der DDR. Für 48 Stunden. Mein Mann Peter und ich kämpften uns mit drei Kindern und drei Koffern durch die engen Kontrollgänge des „Tränenpalastes“ in der Friedrichsstraße in Berlin. Meine Freundin Anne brachte uns nach Berlin – mit dem Lada. Sie rief noch: „In 25 Jahren werde ich 60 – dann komm ich Euch besuchen!“ Dann bogen wir um eine Ecke. Die Grenzer schauten finster und kontrollierten unsere Koffer. Wir hatten nichts. Nicht einmal eine Mark. Weder Ost- noch West-Mark. Eine Westberlinerin stand hinter uns und fragte: „Ausgereist? Wo wollt Ihr hin?“ – „Bahnhof Zoo“ – sagte ich mutig. Und war dann sehr entmutigt, als ich nach Passieren der Grenzkontrollen auf der Westseite des Bahnhofs Friedrichstraße stand. Wir alle, wir fünf, schauten dumm aus der Wäsche: Das sieht doch aus, wie im Osten! – Dreckig, Soldaten mit Hunden und - allerdings besser gekleidete S-Bahnfahrende. Ein Intershop. Ich verstand das nicht. Die freundliche Dame erklärte uns: „Das ist auch Osten. Aber hier dürfen nur Westberliner oder solche wie Ihr hin.“ – Ok, ich verstand erst einmal nichts mehr. Wusste aber, dass am Bahnhof Zoo Klaus Jentzsch wartet. (DDR-Menschen auch als Klaus Renft bekannt.) Er wollte uns abholen. Aber wir mussten erst einmal in die S-Bahn steigen und gen Zoologischer Garten fahren. Klaus stand am Bahnsteig. Begeistert über unser Kommen. Und hatte auch gleich einen Journalisten im Schlepptau. Der sollte mich und die kleinen Kinder und die Koffer in die Wohnung von Klaus bringen, der damals beim KaDeWe um die Ecke wohnte. Peter, Robert und Klaus wollten über den Breitscheidplatz laufen. Zwischenstation Europacenter. Das mit dem Mercedesstern. Der Bahnhof Zoo war damals noch so, wie zu Zeiten von Christiane F. und ihren „Kindern vom Bahnhof Zoo“. In den Ecken saßen betrunkene Schnorrer mit Bierbüchsen, vor dem Bahnhof lagen tatsächlich Heroinspritzen. Ich war ein bisschen entsetzt. Den Westen hatte ich mir schöner vorgestellt. Robert brachte später die Nachricht des Tages. „Mutter stell' Dir vor, wir sind durch ein Kaufhaus (Europacenter) gelaufen, da fließt ein Fluss!!“ – Für den Fluss konnte man dann schon mal ein paar Tage staatenlos dem Ungewissen entgegenlaufen. Wir hatten kein Geld, keine Wohnung, keine Ahnung, was werden sollte. Aber wir hatten uns. Und wir hatten Freunde. Nach drei Tagen meldeten wir uns in der Aufnahmestelle Marienfelde in Tempelhof. Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Ein neuer Ausweis – „vorläufiger, behelfsmäßiger“, wir waren jetzt Westberliner im Alliiertenstatus - war auch dabei. Ich war jung und wusste nicht, was noch alles kommt. Manchmal denke ich – Gottseidank! (Fortsetzung folgt)

Foto: Peter und Elisabeth Gläser - frisch in Westberlin


22.05.2016

Als ich ein Junge war – und dann nicht mehr. Mein heimlicher Weg zum ersten Kuss

Als ich ein Junge war. Da war ich zehn. Da wünschte ich mir den Vornamen „Jura“. Das war irgendwie russisch, klang aber in deutschen Ohren wie ein männlicher oder auch weiblicher Vorname. Ich wollt nicht, dass jemand weiß, was ich bin. Ich wollt ein Junge sein. Besser, ich hätte Jura studiert, aber nein, ich wollte nur so heißen. Russische Jungen, hörte ich, werden ab und an so genannt. Das „a“ klang dennoch weiblich. Ach, ich weiß nicht, was da so in meinem Kopf vorging. Auf jeden Fall lehnte ich die Geschlechtertrennung ab, schor mir die Haare auf beinahe Glatzenniveau und trug Lederhosen. Kurze selbstverständlich. Es war der Sommer, in dem ich elf Jahre alt wurde. Ich wollte ein Junge sein. Ich war sportlich und ich wurde im Schwimmbad aus der Mädchentoilette geworfen, was ich mit teuflischer Lust registrierte. Ich war dennoch in Peter aus meiner Klasse – einer Spezial-Sport-Klasse – verliebt. Und später in Uwe im Kinderferienlager. Der mich zwar enorm kumpelhaft fand, aber die erhofften weiblichen Lockmittel offensichtlich bei mir nicht entdecken konnte. Da war ich halt die, mit der man Pferdestehlen konnte. Mehr nicht. Ich weiblicher Knabe war nicht so sexy wie der-die in der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“. – Der Umzug in eine andere Stadt bewahrte mich vor weiteren Feinabstimmungen an meiner sozialen Skulptur „Das Mädchen, das ein Junge sein will“. Ich kam in eine neue Klasse, ich war zwölf, es regte sich etwas Unbekanntes in mir. Die Lederhose wurde zu klein und ich ließ mir die Haare wieder wachsen. Ich hatte meinen ersten Freund: Norbert. Das war so aufregend, dass ich den ersten pubertären Ausbruch mit wütenden Tiraden gegen meine Mutter antrat: Ich lass mir das von Dir nicht nehmen! Ich habe jetzt einen Freund! Basta! – Sie sagte wider Erwarten: Was willst Du denn? Ich hab doch gar nichts dagegen! – Komisch. Probleme hatte ich ausnahmsweise mal nicht mit der Mutter, sondern mit Norbert. Ich konnte ihn nicht küssen. Denn ich wollte es richtig machen. Doch wo konnte ich erkunden, wie richtiges Küssen geht? Nirgends. Ich durchwühlte das elterliche Arbeitszimmer und fand am Grunde des Bücherschrankes in einem Versteck ein „Aufklärungsbuch“, das ich aufgeregt und heimlich durchlas. Und ich fand „Die schönsten Abenteuer des Giacomo Casanova“, dessen Name mir bis zu diesem Tag unbekannt war. Ich las auch dieses Buch in meinen Solo-Nachmittagsstunden, wenn die Eltern auf der Arbeit waren. Allerdings war es nicht ganz so hilfreich, wie das „Aufklärungsbuch“, das den Sexualakt nüchtern schilderte, als wäre das etwas notwendigerweise – leider, leider – zu Absolvierendes. Ok, ich war nun informiert. Ich war auch irritiert, weil ich erstmalig feststellte, dass meine Eltern etwas vor mir versteckt hielten. Und weil auch ich erstmalig ein Geheimnis hatte. Ich legte die versteckten Bücher wieder zurück. An den alten Platz. Und irgendwann haben wir es dann „geschafft“. Norbert und ich. Natürlich nur das mit dem „Küssen“. Ich kann mich weder erinnern, ob es am Ende richtig war oder gar gut. Es war. Sonst nichts. Ich war kein Junge mehr. Ich war ein Mädchen. Hatte mittellange Haare und sah schon so gut aus, dass die Jungs unten vor der Tür ständig klingelten. Norbert war der erste, aber nicht der letzte.


14.04.2016

Meine Mutter war Diplom-Kommunist und ich liebte den Schifferklaviermann - Traumfamilien 2

In der DDR stand im Klassenbuch, was die Eltern für Berufe haben. Bei mir lange Zeit Diplom-Ingenieur – mein Vater. Diplom-Journalist – meine Mutter. Wir wurden ständig nach den Berufen unserer Eltern gefragt. Warum das so wichtig war? Gut war es, zur herrschenden Arbeiterklasse zu gehören. Wir waren ein Arbeiter- und Bauernstaat. Wir hatten eine Diktatur des Proletariats. Aber das lernte ich erst später. Meine Eltern nannten sich Kommunisten. Ein gewaltiges Wort. Der Kommunist war der neue Mensch, den wir bewunderten. Er begegnete uns auf Plakaten und im Lesebuch. Meist war es ein Arbeiter mit kräftigen Armen und einem Hammer in der Hand. Oder er drehte an großen Rädern herum. Dazu eine Frau, die auch irgendetwas in der Hand hatte. War es eine Sense? Ich glaub, das sollte die Bäuerin sein. Der Kommunist war in erster Linie männlich, wie unsere Regierung. Die bestand auch nur aus Männern. Wilhelm Pieck, der Präsident. Walter Ulbricht, der Staatsratsvorsitzende und gleichzeitig der 1. Sekretär der Partei. Die Partei. Es gab für uns nur die eine. Dass noch ein paar andere da waren, dass die später dann Blockflöten genannt wurden, wusste ich als Erstklässlerin nicht. Kommunisten waren alle, die gut waren. Alle, die arbeiteten und für unser Wohl sorgten. Alle, die für den Frieden kämpften und uns gegen die „Bonner Ultras“ verteidigten. Ich stellte mir die Kommunisten als überirdische Wesen vor. Gut und freundlich. Alles teilend. Und immer einen exzellenten Rat auf den Lippen. Natürlich wollten wir alle Friedenskämpfer sein und Kommunisten werden. Und so sagte ich – auf Nachfrage meiner ersten Lehrerin, Frau Leipold - dass meine Mutter Diplom-Kommunist wäre. Die Lehrerin konnte sich das Lachen kaum verbeißen, aber nickte mild. Ich verstand nicht, was es da zu lachen gibt. Schließlich war meine Mutti doch die Beste. Die Allerbeste, wie sie täglich nach der Arbeit berichtete. Sie war Betriebszeitungsredakteur im VEB Schwermaschinenbau Lauchhammer. Ein riesiges Werk, das heute – ich hab es nachgeprüft – dem Erdboden gleichgemacht ist. Der zweite große Betrieb – in dem die meisten Eltern arbeiteten - war die Großkokerei. Wir Lauchhammer-Kinder lernten früh, dass die Arbeiter und Forscher und Friedenskämpfer der Großkokerei eine Großtat vollbracht hatten. Sie ertüftelten, wie man aus Braunkohle Koks herstellen kann. Was vordem nur aus Steinkohle ging, die wir in der DDR nicht hatten. Koks brauchte die Republik, um besser zu werden und irgendwann die „Bonner Ultras“ wirtschaftlich einzuholen. Die Herstellung von Braunkohle zu Koks führte dazu, dass Lauchhammer das gefühlt dreckigste Nest der Republik war. Wehte der Wind aus Richtung Großkokerei, lag er einen halben Zentimeter dick auf den Fensterbrettern. Was die Hausfrauen oder die werktätigen Frauen zu besonderen Saubermachorgien anspornte. Wir Kinder trugen immer helle Kleidung und sehr gern weiße Kniestrümpfe. Und natürlich – der Wettbewerb. Wer hat die saubersten Fenster, ein Thema in der Neustadt, die extra für die Kokerei-Arbeiter gebaut wurde, in der wir unsere erste Wohnung bezogen. Vier Zimmer, Küche, Bad. Bad mit Wanne und Toilette. Ofenheizung und kein warmes Wasser. Dahinter ein Spielplatz für die vielen Kinder, von dem ich heute noch träume (auch der ist mittlerweile plattgewalzt). Wir zogen etwas später ein, als die anderen. Ich war vier Jahre alt und fühlte mich schrecklich. Lauter neue Kinder. Meine ersten Bekanntschaften hießen Ines und Lutz. Über uns wohnte Marlit. Gegenüber eine Familie, deren Vater immer Akkordeon spielte und dazu einer Schiffermütze trug. Und ein gestreiftes Nicky, wie ein T-Shirt damals hieß. Wir feierten viele Hausgemeinschaftsfeste. Und zogen an Sylvester durchs Haus. Voran der Schifferklaviermann- und -vater. Abends riefen die Eltern oder Großeltern uns aus den Fenstern nach oben. Abendbrot! Am liebsten aß ich bei Gündels mit. Die hatten eine Küche, die der unseren in nichts ähnelte. Fett und irgendwie sehr deutsch. Anders als die meiner Oma, die böhmisch kochte oder die meines Vaters, der sich an den ersten „ausländischen“ Gerichten mit viel Paprika und Knoblauch versuchte. Bei Gündels gabs Bouletten, Mischgemüse und Kartoffeln. Oder Schmalzstullen. Während es bei uns die Scheußlichkeit von Nudeln mit einer Art Kümmel-Bolognese ohne Tomaten gab. Ich wollte bei Gündels sein. Weil dort nicht so viel über den Frieden, den Kommunismus und die Arbeit gesprochen wurde. Dort tuschelte man über die Nachbarn und dazu sang der Schifferklaviermann Seemannslieder. Zum zweiten Mal wünschte ich mir, zu jemand anderem zu gehören. Zu denen. Nicht zu meinen jungen aufstrebenden Eltern, die keine Zeit für mich hatten. Mussten sie auch nicht. Ich war in der Schule ein Selbstläufer und brav wie ein Musterkind. Dafür durfte ich zum Geburtstag zwanzig Kinder einladen. Das durfte sonst niemand. Alle wollten meine Mutter zur Mutter haben, weil sie so schön war. Tja, irgendwie will jedes Kind immer das Andere. Ich wollte die Tochter des Schifferklaviermannes sein und bei Gündels fettes Zeug essen und interessanten Klatsch und Tratsch hören. Ich fand meine Familie nicht normal. Und wollte einfach nur normal sein. Ein Wunsch, den ich noch oft haben sollte. Ok, ich hatte auch eine Freundin, deren Vater Steuerberater war. Das fand ich exotisch. Ich stellte mir vor, dass der neben dem Fahrer eines Autos sitzt und ihn beim Fahren berät. Was für ein Beruf! Was war dagegen schon Dipl.-Ingenieur oder Dipl.-Journalist. Ja, meine Mutter war Dipl.- Journalist und –Kommunist. Eine weibliche Form hatten wir nur bei Berufen, die von Männern nicht ausgeübt wurden, wie Kindergärtnerin oder Krankenschwester. – Irgendwann zogen wir weiter. Ich hatte zwischenzeitlich noch eine kleine Schwester bekommen. Und als ich die dritte Klasse in Lauchhammer beendete, war unser Ziel mal wieder – Leipzig. Mein Vater hatte ein neues Jobangebot.

Foto: Meine Schwester und ich - Lauchhammer zu Beginn der 60er Jahre


11.04.2016

Herzens- und Schmerzensmann - mein ältester Sohn Robert

Mein Sohn Robert Gläser. War immer was Besonderes. Zum Beispiel verweigerte er konsequent sozialistische Beschulung. Und widmete sich lieber dem, was er für richtig hielt. Das hieß zu Beginn "Hexenschuss", später "L'Attentat", dann "Reininghaus" und noch später "Cäsar und die Spieler". Erst Schlagzeug, dann Bass, auch mal Singen. Robert suchte und suchte. Gründete Bands wie "The Buffdicks", wie war das großartig, und trat im roten Minirock auf, der auch mal beim "Springen" auf der Bühne "Dinge freilegte" (wow). Verrückt, dieses Kind, unbezähmbar, unbezahlbar, unbeirrbar. - Was mir schnell auffiel, war sein einzigartiger Humor. Schon als Zwölfjähriger konnte er alle in seiner Umgebung parodieren, dass wir vor Lachen "ins Essen fielen". Damals sagten viele: Du musst Schauspieler werden. Aber ihm war das Auswendiglernen von Goethe-Texten zu langweilig oder auch zu überflüssig. Oft hab ich mir Gedanken gemacht - über dieses ungewöhnliche Kind. Oft hab ich mir Sorgen gemacht. Aber - einige Jahre später schenkte er mir meine Enkelin Annamaria und meinen Enkel Mio. Unbedingt zu würdigen - die Mütter. Denn sie haben einen großen Anteil an diesen wunderbaren Kindern. Robert hat einen untrüglichen Familiensinn, der mich manchmal sogar nervt. Immer an Weihnachten möchte er die Familie zusammenhalten und natürlich müssen alle dabei sein. - Er hat mich gelehrt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als die Familie. Unsere Familie. Er hat mich gelehrt, dass es egal ist, was Du tust, dass Niederlagen zum Leben gehören, dass wir sie als Chance begreifen können, dass Erfolg immer nur ein kurz währendes Glück ist. Dann geht es weiter. Glück ist fragil. Die Liebe ist ewig. - Ich bin stolz, dass Robert immer wieder dieses Glück und diese Liebe sucht, sie nicht als unerreichbar erklärt und jetzt sein neues Album "Robert Gläser" herausgebracht hat. Da ist all das enthalten, was ihn umtreibt, was ihn treibt, was ihn hält.

Foto: Robert 1983

www.robertglaeser.de


01.03.2016

Traumfamilien Teil 1 - Explosionen, Hustensaft, Eier und ein ausgepumpter Magen

Frühe Erinnerungen. Meine Oma und ich spielen die Hauptrollen. Meine Oma und ich sitzen vor dem großen Kachelofen. Sie zeigt mir, wie man den heizt. Erklärt und erklärt und hält ein Streichholz in der Hand, schaut nicht mehr auf die Hand, sondern mir ins Gesicht, erklärt und plötzlich schießt ein Feuerpfeil mit lautem Knall nach oben. Die Streichholzschachtel explodiert, weil Oma sie angezündet hat. Sie ist ganz schwarz im Gesicht. Ich renne flugs in die Küche, stelle einen Stuhl an den Küchenschrank, hangele mich hoch und hole eine Flasche heraus, die ich kenne. Laufe zurück: "Hier Oma, nimm schnell ein bisschen Hustensaft!" - Hustensaft, denke ich, hilft gegen alles. Szene 2: Oma fragt, was ich essen will. Ich sage: "Ein Ei". Sie: "Ein gekochtes oder ein gebratenes?" Ich: "Ein gekochtes." Als es fertig ist, merke ich, dass ich genau das nicht wollte. Ich schleiche mich in die Toilette und versuche, das Ei hinunterzuspülen. Es gelingt mir nicht, das Ei schwimmt hartnäckig oben. Plötzlich steht Oma hinter mir. Ich fühle mich ertappt. (Später hat sie erzählt, dass sie das Ei gern selbst gegessen hätte, aber für mich aufgehoben hat. Es gab damals noch Lebensmittelmarken) - Szene 3. Ich bin krank. Und sitze mit Oma in einem Krankenhaus. Ich habe seit Tagen nichts gegessen. Es heißt, ich hätte Gelbsucht. Die Oma spricht mit einem Arzt, während ich mich in den Flur schleiche. Da sitzt eine dicke Bäuerin. Um sie herum eine große Kinderschar. Also muss ich auch dorthin und schauen, was es gibt. Die Bauersfrau hat einen Riesensack, aus dem sie mit Schmalz bestrichene Brötchen herausholt und an die Kinder verteilt. Ich nehme mir auch eins und esse es auf. Der Rest ist eine Nebelerinnerung: Oma sieht, dass ich das Brötchen gegessen habe. Ruft die Ärzte. Mehrere Weißkittel zerren mich in einen Raum, auf einen OP-Tisch, stecken mir Schläuche in den Mund, ganz tief hinein. Pumpen mir den Magen aus. - Seltsam, dass mein bisher vierjähriges Leben sich nur zwischen meiner Oma und mir abspielt. Der Opa ist gestorben, als ich ein Jahr alt war. Die Eltern, meine Mutter, mein Vater, sind nicht vorhanden. Sie studieren - irgendwo. Ich wohne mit Oma in Leipzig in der Straße der Befreiung. In einer großen Stadtvilla, die nur wenige Wohnungen hat. Die Wohnungen sind sehr groß und für mich als kleines Kind undurchschaubar. Nebenan wohnt eine Frau mit ihrer Tochter. Die Tochter ist schon etwas älter als ich. Es heißt, dass diese Frau eine Kriegerwitwe sei. Ich weiß nicht, was das ist, aber die Kriegerwitwe sieht wunderschön aus. Schöner als meine Oma. Vermutlich ist sie jünger. Sie hat ein Eisbärfell. Oder besser: Bei ihr liegt ein Eisbär mit richtigem Kopf vor einem Kamin, in dem ein Feuer brennt. Ich liebe diesen Kamin, sitze stundenlang auf dem Fell und träume. Ich liebe den Eisbär, obwohl ich weiß, dass er tot ist. Die Liebe zum Eisbärfell soll mich ein Leben lang begleiten. Wenn ich mir später Situationen imaginiere, in denen ich mich wohl fühle, liege ich immer auf diesem Eisbärfell. Wahlweise allein, später mit Liebhaber und Rotweinglas. Der Traum ist immer noch in mir. Dafür hat mich ein anderer Traum gottseidank verlassen. Jahrelang träumte ich, dass ich an den Spitzen eines schmiedeeisernen Zaunes hängenbleibe und in die Tiefe stürze. Ein Albtraum, den ich mir nicht erklären konnte. Als ich vor ein paar Jahren das Haus in der Straße der Befreiung in Leipzig, die jetzt anders heißt, besuchte, sah ich meinen Zaun. Und wusste nun, dass es ihn wirklich gibt. Ab sofort träumte ich den Zauntraum nicht mehr. Der Eisbär ist geblieben, auch die Kriegerwitwe, die ich mir zur Mutter gewünscht hätte. Und ihr wundervolles Rhabarberkompott, das sie aus den Tiefen eines silbernen Gefäßes schöpfte. Sie hatte auch andere Geheimverstecke, in denen ich nach Schokolade aus dem Westen suchen durfte. Zum ersten Mal wünschte ich mir, zu einer anderen Familie zu gehören. Ich wollte Kriegerwitwenkind sein. Mit Kamin und Eisbärfell und anderen Geheimnissen. - Dann sind wir aus Leipzig weggezogen. Meine Eltern waren plötzlich jeden Tag da. Sie hatten fertig studiert und arbeiteten in ihrem ersten Job. Ich ging in den Kindergarten. Meine Oma und mein Vater hassten sich und stritten jeden Tag. "Wie konnte sie nur diesen dahergelaufenen Kommunisten heiraten!"- klagte Oma gern und meinte ihre Tochter. Später hat meine Großmutter uns - und ganz besonders mich - verlassen und zog zurück in ihre alte Heimat. Für mich ging eine Kinderzeit voller Großmutterglück zu Ende. Das wusste ich damals noch nicht. Die neue Zeit mit Mama und Papa war selbstverständlich auch aufregend.

Foto: Meine Großeltern Laurie und Friedrich


27.01.2016

Tagesablauf - Mittwoch - Oder - Mit siebzehn hat man noch Träume

4.30 Uhr aufstehen. Meine Träume sind mir heute Nacht zu aufregend. Also: Aus der Traum. - Besser im stillen Zimmer am Laptop sitzen und die letzten Nachtirrlichter auf facebook lesen. Sohn Nr. 1 eine Bekräftigungsnachricht schicken. Halte durch! Er hat sich viel vorgenommen. Sorgen machen um Sohn 2, viel später am Tag dann telefonieren. Sorgen gemildert, alles nicht so schlimm. Frühstücksbrei essen, meine neueste Erkenntnis auf dem Gebiet der Ernährung. Dann Kaffeetasse mal vier. In die erste ein Löffel Kakao. Soll gute Laune erzeugen. Was ich bestätigen kann, ich mache seit einem knappen Jahr den Selbstversuch und könnte ab und an vor Fröhlichkeit bersten. Wenn die Umstände danach wären. Später all die wirren Nachrichten, sowohl der Lückenpresse, als auch der alternativen Internetverlautbarungen lesen. Aufregen. Aufregen. Nägel kauen. Und schwören: Nicht mehr so viel lesen! Nicht mehr so viel kauen! Noch ein Kaffee.  Moderationsskript für heute und morgen schreiben und an den Moderator mailen. Haare waschen und an Anna denken. Die Enkelin kommt um 12.00 Uhr. Wohin gehen wir heute? - In den "Wiener Wald"? - Nein, heute nicht. Heute mal indisch essen. - Auch schön. Neben uns eine Gruppe junger Manager, ok - und Managerinnen -, die sich über die Kosten von Workshops unterhält. (Oder schreibt man da unterhalten?) - Ich überlege, hätt ich in diesem Alter so tödlich Langweiligem interessiert zugehört oder wenigstens so getan? Spüre leichte Aggressionen. Esse schneller. Die Young-Work-Shopper haben's eilig. Gottseidank. Wir können sitzenbleiben und Pläne schmieden. Ja, natürlich gehen wir - wie immer mittwochs - in den Pudel-Netto, der ein Schnauzer-Netto ist, aber bei uns eben Pudel heißt. Dort kaufen wir das, was früher Brotbüchsen hieß, retroschick, und ganz viel Joghurt, den ich ebenfalls neu in den Speiseplan einbaue. Ich las kürzlich über Mikroben, die sich im Körper befinden. Sie sollen die Crux sein. Wer die falschen Mikroben hat, kann Diäten ohne Ende exerzieren, es wird nichts nützen. Joghurt ist schonmal ein guter Weg, mikrobiotisch, obwohl der Professor, von dem ich das hab, es auch nicht ganz sicher weiß. Wer weiß was sicher in diesen unsicheren Zeiten? Wir probieren Parfüme aus - in der grünen Parfümerie. Grausame Düfte von Bulgari und  Jette Joop. Anna liebäugelt neuerdings mit dem Helene-Fischer-Parfüm. Es sei "gar nicht so schlecht". Puh, Helene Fischer! Ok, ok, ich riskier 'ne Nase. Leider sticht es und verändert sich später noch stechender in etwas Billiges. Besser das neue Lacoste. Anna braucht unbedingt einen Nude-Lipliner, graubräunlich, der neue Hit. Die jungen Mädchen haben damit farblose Lippen und sehen aus, wie die schöne Tatortleiche auf der Pathologen-Pritsche. Meine kleinen Sticheleien nützen natürlich nichts. Tun sie nie. Anna will diese Lippen. Die sind "voll in". Wir fotografieren noch "unsere" Villa, die wir später haben werden. Wir wissen noch nicht, wie sie in unser Leben kommt. Deshalb: Visualisieren. Visualisieren. Visualisieren. Auf der Rückfahrt kleine Diskussion im Auto: Was würden wir tun,  wenn wir wüssten, dass wir nur noch eine Woche zu leben haben. Anna sagt: Ich würde alles tun, was ich mir jetzt verbiete! - Erstaunlich. Ich dachte immer, das mache nur ich. Dass Siebzehnjährige sich schon alles verbieten, war mir neu. Was für eine Jugend! Brav und anspruchsvoll. Energisch und karrierebewusst. Was war ich doch für ein dummes Hascherl - damals, als es hieß: Mit siebzehn hat man noch Träume...

Foto: Selfie Anna und ich 27. Januar 2016


27.12.2015

 

Mode, Diäten und so. Teil IV - Von Marketingstrategen, Bäderinhalten, Tuben und Hoffnungen

  Revitalift Laser X3. Wer kann dazu schon NEIN sagen. Ich jedenfalls nicht. Das ist doch ein Versprechen! Klingt, als räume mal einer gründlich auf. Mit Falten und Schlaffheit im Gesicht. Ausgerüstet mit einer wissenschaftlichen Technologie! Ich weiß, es ist Blödsinn. Aber es wirkt immer wieder. Dieser Name allein. Revitalift Laser X3. Herzlichen Glückwunsch, Ihr Namenserfinder. Es hat gewirkt. Ich schaffte mir das hundertste Tübchen oder - in diesem Fall - Fläschchen an. Und ich reihe es ein - in die endlosen Tiefen meines Badregals, das ab und an entfläschelt oder enttübelt wird.  Haarwaschmittel, Haarspülungen, Haarspitzenöle, Haarwuchs- und Lockenversprechen. Nagellackentferner. Gut, die funktionieren wenigstens. Nagellacke. Puder aller Couleur. Lippenstifte ohne Zahl. Mascara. Zahnseiden. Ladyrasiergels. Fußcremes. Bodylotions. Cremes. Für Tag. Für Nacht. Für Sonstwas. Hyaluronfiller und allerlei andere Filler. Und immer wieder Duschbäder. An Duschbädern kann ich nicht vorbei gehen. Vor allem, wenn darauf exotische Pflanzen angepriesen werden, deren Ursprung und Identität ich nicht kenne. Sowas wie "Adrianawurzeln aus Australien", die schon die alten Aborigines... Ich kaufe sie. Einmal im Jahr werfe ich an die fünfzig angebrochene Plastikflaschen weg. Genauso wie sinnlose Lippenstifte, die nicht die richtige Farbe haben. Die schlecht deckenden Make ups, die zu braun, zu hell, zu bröcklig, zu fettig, zu trocken, zu dünn, zu dick sind. Ok, es gibt eins, das ist das Billigste, was ich bisher fand, und das funktioniert am besten. Wie es überhaupt bei Kosmetika nicht wirklich wichtig ist, ob etwas von Chanel oder Clinique ist. Oder von Helena Rubinstein. Frau wird davon nicht schöner, nur ärmer. Die eignen sich als Geschenk, weil man damit Eindruck machen kann. Und die Beschenkten können sich ebenfalls einen Eindruck machen, davon, dass Luxuskosmetik super aussieht und gut verpackt ist. Aber nur an sich. Nicht an IHR. Ein billiges P2-Produkt tut es auch. Und nun verrate ich die Marke, die in der Drogerie-Kette dm zu finden ist. Ich bin hier nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und muss nicht fürchten, schleich zu werben, also sag ich es: P2. Die Billigmarke, die alles bereit hält, was das Jungmädchenherz begehrt. Ich, als Großmutter, bin genauso zufrieden, obwohl ich mir die etwas teureren Marken leisten könnte. Aber wozu, wenn P2 es doch tut? Vor allem - sehr gut tut. Tja, was gibt es noch zu sagen? Ach so. Revitalift Laser X3 ist von L'Oreal. Ich habe das jetzt eine Woche nachts aufgetragen. Und sehe noch genauso aus wie immer. Ist ja auch was! Ich könnte auch viel schlechter aussehen - in meinem Alter.

  P.S.: Insidertipp von meiner Enkelin Anna. Der "nyx-Highlight & Contour"-Schminkkasten. Ist leider im Moment ausverkauft. Und den gibt's nur bei Douglas. Wenn es den wieder gibt. Demnächst.


20.12.2015

Gespräche at home I

Wieso putzten Fensta? Machste doch sonst nich!

Ich prokrastiniere.

Wat machste?

Pro-kras-ti-nieren.

Ick wär' für krasset Dinieren!

Woher kennst Du das Wort - dinieren?

Kann ick nich och maln bildungsbürjerlichet Wort kenn'?

Bildungsbürgerlich? Aha. Ist das jetzt in Deinen Kanon eingeflossen?

Ah,  dit wär' ooch schön. Ma wiedern Kanon sing'. Wie isset mit "Im Frühtau zu Berje"?

Hehe, war nicht "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen" der berühmte Kanon?

Aber nich inne DDR. Da jabs vielleicht Jlück, aber Sejen! Nee!

Schade. Ich würde gern die Fensterputzerei segnen, vielleicht ist Gott dabei, wenn ich so in den Himmel schau... vielleicht tut er es ja...

Also ick find, det is Stuss.

Mmh. Stuss ist auch so ein Wort. Weißt Du überhaupt, wo das herkommt?

Na, aus meim Kopp!

Quark, das kommt aus dem Hebräischen und heißt Unsinn oder Torheit.

Stuss is Stuss - Unsinn is Unsinn und Torheit, das hat die Pechmarie. Die rennt durchs Tor und lässt sich mit Pech bejießen, weil se keene Betten jeschüttelt hat. Und überhaupt: Wenn die durchn Brunnen da unten anjekomm is, hab ick noch nie vastandn, warum se Schnee runterschütteln soll, uf de Erde. Die is doch unten! Und die Pechmarie steht ohm inn Himmel! Kann ick nich vastehn, son Stuss, sone Torheit meinetwejen!

Weil Holle und Hölle eben EINS sind. Frau Holle verkörpert gewissermaßen das ALL-EINE, die frühere Ununterschiedenheit des Universums. Da ist Unten wie Oben.

Ach nee, dann putz mal keene Fensta. Falls de Pechmarie heute noch Schnee schickt, haste des denn umsonst jemacht. Kannste och wat Besseret tun.

Schnee schickt die Goldmarie und die scheint dieses Jahr Ferien zu haben. Was soll ich Besseres tun? Ich hab ja auch Urlaub!

Weiß nicht, putz halt wat andret, liesn Krimi oder facebooke. Und dann lass uns dinieren. Da weeß ick, wattet is und Du, watte tust! Ick hab och wat Schönet jekocht. Kiek ma!


22.11.2015

Der Toten-Märchenwald oder ein Sonntag im November

Totensonntag. Stiller Sonntag. Grauer, schneeverregneter Sonntag. Du Bleierne Zeit, die mich an Margarethe von Trottas Film denken lässt, an Schwestern, die durch einen düsteren Märchenwald irren, den imaginären Kindermärchenwald - und sich niemals mehr finden. Zu verschieden. Ich denke an meine Großmutter, die mir von so einem Märchenwald vorlas. Ich denke an zwei Ehemänner, die "gegangen" sind, ich denke an meine Mutter. An meine Freundin Monika, die im letzten Monat "vor der Zeit" an Krebs starb. Ich denke an den "Witwenwettbewerb" auf den Friedhöfen - im Kampf um das bestgepflegte Grab. Gestern schien es dort, auf den Friedhöfen, als sei Jahrmarkt im Himmel. Gerüstet wurde für den grauen Sonntag, der heute ist, auf das ein letztes Bunt-Aufgebot von meistliebender Erinnerung zeuge. Ich denke an meinen Vater, der schon mit sechsundvierzig Jahren auf einer einsamen Landstraße auf ein unbeleuchtetes Fahrzeug der damals Sowjetischen Armee auffuhr und der nach zwei Stunden tot war. Ohne Sicherheitsgurt. Der war damals noch nicht üblich. Ein Tod, der mich für Jahre todtraurig zurückließ. Wer kennt sie nicht, heiße wellenförmige Trauer, die uns überfällt, weil noch nicht alles gesagt war, weil das Unerwartete zustieß. Unerbittlich. Kein Gebet, kein Trost. Kein Zurück. Nichts. Heute wieder weine ich still - wenn ich an dieses Kind denke - das im März nicht geboren wird. Auch das ein Tod. Auch das eine Trauer. Eine bittere Fantasie. - Und ich denke an alle jene, die ich liebe. An die, die mein Leben lebenswert machen. An meine Familie, meine Kinder, meine Enkel, meine Freunde. Wir alle sind gekommen, wir bleiben, wir gehen. Manchmal haben wir das Glück, uns verabschieden zu können. Manchmal harren wir zu lange. Manche sind niemals wirklich geboren. Das ist das Leben. Das ist der Tod. Seltsamer November. Dir gehört dieser Tag.


01.11.2015

Wie ich einmal in der RTL-Hans-Meiser-Talkshow als Expertin auftrat und Flugangst mich beinahe hinwegraffte

Meine lieben Studienkolleginnen Karin Deuser, Daniela Köppe - nein, nicht mit mir verwandt - und ich haben 1995 ein Buch geschrieben. Ein Extrakt und eine Erweiterung unserer Diplom-Präsentation an der Universität der Künste Berlin 1994: "90-60-90 - Zwischen Schönheit und Wahn" - so hieß das. Offensichtlich müssen das einige Medienvertreter gelesen haben. Denn: Ab sofort waren wir "Expertinnen". Und wie das so ist, wenn man die Expertinnen-Karriere einmal eingeschlagen hat, wird der Experten-Name in einschlägigen Redaktionsverteilern verewigt. Während Karin, eine weitaus bessere Rednerin als ich, wenn es um die Verkündigung unserer Botschaften ging,  bei Spiegel-TV saß, geriet ich in die Fänge der Nachmittags-Talk-Shows. Die erste war bei Hans Meiser, lang, lang ist's her. Es ging um Schönheitsoperationen, ein Thema, das wir in unserem Buch nur am Rande und eher philosophisch-soziologisch berührten. Das war den anrufenden Experten-Scouts egal. "Sie machen das schon!" Ich zierte mich nach allen Regeln der Kunst. Trieb mein Honorar in die Höhe und - sie ließen nicht locker. "Sie machen das schon!" (Ertappte mich gerade dabei, dass ich "Sie schaffen das schon!" schreiben wollte). Irgendwann ermattete ich, sagte "ja" und kaufte mir ein kritisches Buch über Schönheitsoperationen. - Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch niemals geflogen und hatte das auch nicht vor. Ich war sehr esoterisch drauf - zu dieser Zeit - und dachte Sätze wie "Der Mensch hat keine Flügel, also soll er auch nicht fliegen". Meine Welt war ohne Flügel in Ordnung. Dann erhielt ich einen Anruf. Aus Köln-Hürth. Von der Hans-Meiser-Produktionsfirma. "Ihr Flieger ist gebucht, melden Sie sich am Lufthansa-Schalter um 14.00 Uhr in Tegel" - "Aber ich fliege nicht!" - rief ich entsetzt - "Ich kann nicht fliegen!" - "Jeder kann fliegen! Also, es ist alles gebucht, seien Sie pünktlich, Sie werden dann in Köln von einem Fahrer abgeholt". Sprach es und legte auf. Ich legte auch auf und ging zu "Karstadt" und kaufte einen Wintermantel. Und dachte übers Fliegen und Schönheits-OPs nach. Um es kurz zu machen: Ich flog. Und ich trank ein gefühltes Fläschchen Valium, so dass ich beinahe vom Sitz fiel und mir die Spucke aus dem Mund lief - im Flieger. Der Stewart sprach mich an: "Geht's Ihnen gut?" "Ja, mir geht's gut, bin nur bissel gedopt. Sagen Sie, warum sehe ich immer dieselbe Wolke? Stehen wir in der Luft?" "Haha, Sie sind gut. Wir fliegen in 10.000 Meter Höhe mit 750 Stundenkilometern!" "Aha". Ich griff zu meinem Fläschchen und nahm noch einen Schluck. In Köln wankte ich durch den Flughafen und sah jemanden, der ein Schild mit meinem Namen trug. "Sind Sie Frau Gläser?" - "Ja". "Geht's Ihnen nicht gut?" "Doch. Bestens. Ich lebe noch!" - Unverständnis und eine Kopfbewegung in Marschrichtung zum Auto, das uns dann in die Studios nach Hürth fuhr. In der Garderobe erst einmal stundenlanges Sitzen, dazwischen Schminken, ich erkannte mich kaum wieder, und Begutachtung der anderen Gäste. Die waren in "Opfer" und "Experten" unterteilt. Dazu kam das damalige "Gesicht 95 oder 96". Ich weiß gar nicht mehr, was das für ein Jahr war. Jedenfalls war das "Gesicht" der Star. Sie hatte Beine, die ungefähr in Höhe meines Nabels endeten, und war sehr gut drauf. Noch lagen Schönheitsoperationen für sie in weiter Ferne. Hofiert und angebetet wurde sie von allen Redaktionsjünglingen, die ihr auf Schritt und Tritt hinterher sabberten. Plötzlich kam Michael Jackson in die Garderobe. Alles erstarrte. Kurz. Denn sogleich begriff man, wir sind hier in einer Freakshow. Es geht um Schönheitsoperationen. Da war also einer, der schon einige OPs hinter sich hatte, um als M-J-Double zu arbeiten. Dann eine Frau, die in ihrem früheren Leben die Nofretete war und so viele Operationen hinter sich hatte, um dieser Inkarnation zu gleichen, dass fürderhin keiner in Deutschland mehr sein Messer an sie legen wollte. Sie berichtete in der Sendung, dass sie demnächst nach Brasilien ginge, dort blühe das Schönheitsoperationswesen und dort fände sie jemanden, der ihre Selbstwerdung hienieden vollendet. Eine kleine ältere Frau, wie sich später herausstellte, war sie über siebzig, hatte ihre Operation filmen lassen, in der ihr tatsächlich das gesamte Gesicht abgelöst wurde, straffgezogen und wieder neu angenäht. Nichts für weinerliche Gemüter wie mich. Und dann -  der Superstar. Ein Arzt, der Schönheitsoperationen anbot und durchführte, auch die der älteren Dame, und durch die Sendung führte. Gemeinsam mit Hans Meiser. Es war eine gigantische Werbeshow für diesen Chirurgen. Bei insgesamt sechs Sendungen zu unterschiedlichen Themen chirurgischer Verschönerung bzw. Veränderung. Ich begriff sofort, dass ich als die kritische Expertin vorgesehen war. Sprach wie im Wahn ein paar Sätze. Alles schnell, schnell. Konnte mich später an nichts mehr erinnern. Der Schönheitschirurg gab mir hinterher seine Karte. Das "Gesicht 95" flog mit mir zurück nach Berlin. Wir betranken uns mit Minisektflaschen, sie erzählte mir von ihren weitreichenden Modelplänen. So vergaß ich mein Valiumfläschchen und landete glücklich. Ganz große Vorsätze: Niemals mehr fliege ich. Niemals mehr geh ich in eine Talkshow. Beides hab ich nicht eingehalten.

Foto: Ich 1995 - fotografiert von Daniela Köppe

 


27.10.2015

Ich will schreiben können wie Peter Hodina

  Irgendwie wollen doch fast alle Schreiber schreiben wie jemand anderes, den sie so viel spannender finden, als sich selbst. Ich möchte schreiben können, wie Peter Hodina. Peter Hodina ist mein Facebook-Freund. Ich kenne ihn auch persönlich. Man kennt nicht jeden Facebook-Freund persönlich. Aber Peter Hodina kenne ich. Nur kurz. Ein Abend in Berlin. Im Café Einstein, dem originalen. Dort bezahlten wir eine horrende Rechnung fürs Kennenlernen. Wir tauschten unsere jeweiligen Bücher aus. Ich mein kleines bescheidenes. Er sein kleines bescheidenes. Gottseidank schreiben wir so unterschiedlich, wie es unterschiedlicher nicht sein kann. Es kommt kein beißender Neid auf. Aber ich studiere Dich, Hodina. Ich will schreiben wie Du! Und das - wie ich. Aus der kleinsten Alltagsbeobachtung eine Philosophie machen. Aus den Winzigkeiten des Lebens das herausholen, was sie aufhebenswert macht. Und nicht nur das. Ich will Deinen versteckten Humor - nicht kopieren - vielleicht ein bisschen adaptieren. Ich glaub, ich kann das. Durch exzessives Lesen Deiner literarischen Miniaturen in mir das wecken, was da ist. Vielleicht auch das, was da war. Ich lerne von Dir. Und habe die irre Hoffnung, dass da noch etwas ist, was die Zeit verdeckte. Und so breche ich eine Lanze - stellvertretend durch meine Ode an Hodina - für all meine Facebook-Freunde, die mein Leben so bereichert haben. Die mein Leben verändert haben. Schön ist es, Menschen kennenzulernen, die man unter anderen Bedingungen, nennen wir sie analog, niemals kennengelernt hätte. Seit 2010 bin ich im viel geschmähten und dennoch geliebten Netzwerk. Ich habe Freundschaften fürs Leben geschlossen, ich habe Freundschaften beendet, die keine waren. Ich habe geliebt, gelitten und gehasst. Ich hab mich beinahe um mein Leben geschrieben. Und bin dann beinahe verstummt. Die Realität holte mich ein. Peter Hodina lebt in seiner Realität. Die ist selbstverständlich eine andere, als die meine. Heute habe ich von ihm gelernt, dass ich unsere wunderbare Facebook-Welt nicht aufgeben werde. Nicht für das, was sich Realität nennt. Ich habe - wie fast täglich - etwas von ihm gelesen. Ich konnte lachen. Ich konnte mich freuen - über seine unaufdringliche und unerbittliche Weisheit. Ich konnte ihn, wie meist, bewundern. Danke, Peter Hodina, lassen wir uns unsere Facebook-Welt nicht kaputt machen. Dank Dir und all den anderen Freunden, die bleiben.

Peter Hodina ist ein österreichischer Philosoph und Autor. Seine Bücher heißen "Steine und Bausteine" - davon gibt es mittlerweile I, II und III. Man kann sie kaufen. 

 


27.09.2015

Haben wir eigentlich eine Chance? - Eigentlich - nicht! - Manchmal muss es eben - Lachen sein.

Zwei junge Männer - vielleicht Kreative oder Jungunternehmer - stehen vor bodentiefen Fenstern in einem Loft. Gleich wird ein "Meeting" oder eine "Präsentation" beginnen. "Haben wir eigentlich eine Chance?" - fragt der eine den anderen. "Eigentlich - nicht! - antwortet der. Und sie lachen und stoßen an. Natürlich mit Mumm. Denn "Manchmal muss es eben Mumm" sein. Eine meine Lieblingsfernseh-Werbungen der letzten zwanzig Jahre. Manchmal muss Mumm. Alliteration. Kann man sich merken. Und - viel wichtiger -  sich damit identifizieren. Wie oft steht man vor schier unlösbaren Herausforderungen. Wie oft weiß man schon vorher, dass es nicht klappen wird, was man so sehr ersehnt. Wie oft findet man sich in der Verlierersituation geschmäht, allein gelassen und - muss damit umgehen. Was bleibt, sind Vorwürfe und Resignation. Oder Hoffen und Beharren. Oder eben - Lachen. Dazwischen das Lachen. Lachen ist es, was uns befreit. Wenn wir jetzt nicht lachen, was dann? Weinen? Sich die Haare raufen? Sich zerfleischen? In Depressionen verfallen? Alles Möglichkeiten. Alles schon probiert. Und? Hat sich etwas geändert? Hat sich etwas zum "Guten" bewegt, wenn wir depressiv, wenn wir in banger Erwartung wie die Kaninchen vor der Schlange hockten? Wenn wir alles hinwarfen? Nein. Also Lachen. Ich habe in den letzten Jahren das Lachen schätzen gelernt. Und gleich mal nachgeschaut, warum das so sein könnte: Lachen ist nicht nur lustig und befreiend. Lachen ist auch gesund fürs Immunsystem und noch für so allerlei. Wenn wir Menschen lachen, werden in der Gesichtsregion 17, und am ganzen Körper 80 Muskeln betätigt. Die Augenbrauen heben sich, die Nasenlöcher weiten sich, der Jochbeinmuskel zieht die Mundwinkel nach oben, die Augen verengen sich zu Schlitzen, der Atem geht schneller, Luft schießt mit bis zu 100 km/h durch die Lungen und die Stimmbänder versetzen sich in Schwingung. Männer lachen mit mindestens 280 Schwingungen pro Sekunde, Frauen sogar mit 500. (Haha, Frauen lachen anscheinend intensiver!) Das Zwerchfell bewegt sich rhythmisch. Im Gegensatz zu all den oberen gespannten Muskeln, erschlaffen die Bein-Muskeln – wir kippen nach vorn - vor Lachen. Da entspannt auch schon mal die Blasenmuskulatur. Wir pinkeln uns vor Lachen in die Hose. Körperliche und seelische Erholung pur - durch Lachen. Nicht umsonst verdienen sich heutzutage einige Leute ihr Geld mit sogenannten Lachtherapien. Bären können übrigens nicht lachen. Und Ratten – die können es, wie ich vor zehn Jahren in einem "Welt"-Artikel las. Komisch ist, dass diese segensreichen Lach-Gesundheitsleistungen immer eintreten, egal, worüber wir lachen. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal mit einem Freund in München in einem Kabarett war. Das Programm war so - nun nennen wir es - grauenhaft - dass wir ununterbrochen lachen mussten. Wir lachten über die Kaskaden an schlechten Texten. Und auch darüber, mit welcher Emphase sie vorgetragen wurden. Mein Freund ärgerte sich dann auf dem Nachhauseweg über den hohen Eintrittspreis, den wir dafür gezahlt hatten. Ich aber sagte: Wir haben den ganzen Abend gelacht. Ist doch egal, worüber! Das Gefühl des Lachens tat genauso gut, als hätten wir über etwas vermeintlich "Wertvolleres" gelacht. - Ich hab mir für diese seltsame Zeit, in der wir uns gerade befinden, vorgenommen, noch mehr zu lachen, als ich es ohnehin schon tue. Es ist gesund, es macht mehr Spaß, als depressiv zu sein, und - es kostet nichts. Wir haben immer eine Wahl. Ich wähle DAS LACHEN. Auch, wenn's manchmal schwer fällt.


09.09.2015

Wie ich zum ersten Mal prokrastinierte, aber noch nicht wusste, was das ist und damit die Einheitspartei entzückte und fiel - in bodenlose Peinlichkeit

Ich war 17. Hatte noch Träume und einen Freund. Ich ging noch zur Schule und die Partei - die einzige wahre sozialistische Einheitspartei der DaDaEr - hatte irgendeinen Geburtstag. In meiner Erweiterten Oberschule (Gymnasium) wurde ein großer Wettbewerb ausgerufen. Alle Schüler sollten nicht nur, alle mussten teilnehmen. Das Thema: "Der Geburtstag unserer Partei". Ein runder. Schreibt einen Aufsatz, eine Reportage oder eine Gedicht. Ihr habt ein halbes Jahr Zeit. Dann ist Abgabe. Nicht mitmachen geht nicht. - Ach, ein halbes Jahr Zeit. Ich vergaß den Wettbewerb. Es gab ja so viel interessantere Dinge. Ich war verliebt. Ich belegte einen Schreibmaschinenkurs in der Volkshochschule. Ich schlenderte fast täglich mit meiner Freundin -  hin zur Marietta-Bar, dem Szenetreff der Stadt. Und weil ich mir - als Schülerin - so jung und dumm vorkam, stellte ich mich überall als Studentin vor. Der Sommer verging mit Motorradfahren und Strandherumliegen, mit Freund oder bester Freundin. Schule und Partei waren vergessen. Im Herbst kam der Tag, an dem unser Deutschlehrer sagte: "Morgen ist Abgabetermin". - Wofür? - fragte ich. - "Na, Euer Wettbewerbsbeitrag zum Jahrestag der Partei. Ich nehme doch an, Ihr habt das über den Sommer erledigt." - Ich sagte nichts, ging nach Hause und überlegte, einen Aufsatz zu schreiben. Aber was und worüber? Ich hätte erzählen können, wie meine Mutter eines Tages ihr "Dokument" (den Parteiausweis) in der Küche suchte und darüber schier wahnsinnig wurde. Mit hochrotem Gesicht und wirren Haaren alle Schubladen aufriss und immerzu schrie: "Wo ist mein Dokument? Wo ist mein Dokument?"- Ich fragte sie, ob man ihr nicht einfach ein neues ausstellen könne. Was sie verneinte. "Das gibt ein Parteiverfahren! Da kann ich ausgeschlossen werden! Man darf sein Parteidokument nicht verlieren!" - "Findest Du diese Partei nicht etwas grausam, liebe Mutter, wenn sie eine normal menschliche Verfehlung, nämlich etwas zu vergessen, so hart bestraft?" - Ich wusste, dass ein Ausschluss aus der geliebten Partei für sie einem Todesurteil und republiklebenslänglicher Acht gleichkam. "Wie kannst Du so etwas sagen! Diese Partei ist alles für mich! Sie ist mein Leben! - Mmh, ich hätte mir ja gewünscht, dass vielleicht meine Schwester und ich oder mein Vater ihr Leben gewesen wären. Doch es war die Partei. Später noch mehr, als zu dieser Zeit. Oder hatte ich das nur erstmalig bemerkt? - Nun ja. Die Partei war etwas sehr Wichtiges in diesem Land. So viel hatte ich schon kapiert. Nun sollte ich ein Loblied singen. Dieses Mutter-Erlebnis konnte ich natürlich nicht in Aufsatzform gießen. Dann wäre ich vielleicht von der Schule geflogen. Es gab läppischere Anlässe dafür. Also saß ich an diesem Abend und schaute erst einmal in die Glotze, selbstverständlich Ost-Fernsehen, etwas anderes erlaubte meine Mutter nicht, dann telefonierte ich mit meiner Freundin und erfuhr, dass sie schon längst ihren Aufsatz fertig hatte. Der Abend verging und ich fragte meine Mutter: "Könntest Du mir einen Aufsatz über die Partei schreiben?" "Elisabeth, Du wirst das doch wohl allein können und wenn es ein Gedicht ist!" - Ein Gedicht! Das war es. Ich schrieb ein Gedicht. Es dauerte fünf Minuten. Einen Schmachtfetzen, der mir zwar ein bisschen peinlich war, aber was soll's. Abgeben. Und durch. - Leider erfuhr ich zwei Wochen später, dass ich den Wettbewerb mit meinem Schnellschuss gewonnen hatte. Sieg und Fall - in bodenlose Verwirrtheit. Ich gewann also mit dem Verzweiflungsprodukt meiner Faulheit einen Wettbewerb, an dem ungefähr 700 bis 800 Schüler teilgenommen hatten. Man, das war so abgrundtief peinlich. Partei war doch uncool! (Würde ich heute sagen) - Das Schlimmste stand mir noch bevor. Eine Art Feierstunde, in der die ersten drei Plätze ausgezeichnet wurden und mein "Gedicht" von einem total unsexy-braven Schüler mit einer braunen Strickjacke vorgetragen wurde. Und es kam schlimmer: Mein Gedicht mit meinem Foto wurde in der größten Zeitung - der Bezirkszeitung - abgedruckt. Also, da es nun jeder wusste, konnte ich nicht mehr zu meinem Schreibmaschinenkurs, für eine Weile nicht mehr in die geliebte Marietta-Bar, den Szenetreff, denn die wussten ja jetzt, dass ich erst in der 11. Klasse war und Schmachtgedichte auf die Partei schrieb. Bis heute kann ich die obere Zahlenreihe nicht blind schreiben. Mein "Preis" für meine erste Leistung nach überlanger Prokrastination war ein Kugelschreiberset.


05.08.2015

Lenny Kravitz platzt die Hose und ich schau zu

"Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn"...mit heißem Bemühn geturnt auf dem Trampolin, dazu RTL-explosiv und RTL-exclusiv studiert, Lenny Kravitz' zwischen den Beinen geplatzter Hose und deren herunterhängendem Innenleben medizinisch interessiert zugesehen, dabei immer noch Trampolin, ein Wiedersehen mit Lena Meyer-Landruth (hieß die so), dazwischen zwanzig Roller mit dem Sixpack-Trainer (Sixpack soll ein "definierter" Bauch sein, für alle, die das nicht wissen), Lena hat früher geweint, wenn jemand bei "Gute Zeiten. Schlechte Zeiten" gestorben ist. "Da war ich fünfzehn". Jetzt ist sie 24. Wie die Zeit vergeht. Auch für Mathieu Carrière. Den hab ich auch studiert, während er in ein Glas pinkelte, um hernach durchaus erstaunliche Dinge von sich zu geben, wie "das ist hier Unterhaltung" oder "mir ist egal, was die Leute von mir denken" (recht hat er) und dann noch eine vierzehnjährige Israelin auf dem Laufsteg, ich dazu Trampolin, Trampolin, Sixpack, sie sehr dünn, kindlich fast, mit dem Gesicht von Claudia Schiffer, wenn so geschminkt, sehr cool, ausgerufen als das neue Gesicht von "Dior", eine klassische vom Aschenputtel-zur-Millionärin-Karriere, weil sie arm war und die Mama geschieden und mit vier Jobs kaum in der Lage, die drei Kinder durchzubringen. Aber jetzt ist ja alles gut. "Mama, Du kannst den Job aufgeben!" - ruft sie begeistert in ihr Handy. Wenn der Kinderschutzbund und noch so allerlei Menschenerziehungsberufene nicht protestieren würden (ein Kind auf dem Laufsteg!!! verträgt die kleine Kinderseele den Stress. Nein, natürlich nicht!). Nun ja, als sie arm war, hat das auch keinen interessiert. Bissel Neid ist immer dabei. Normal. Aber darüber spricht man ja nicht gern. Ich weiter Trampolin, Lücke zwischen den Beinen der Moderatorin studiert, sieht - rein medizinisch gesehen - aus wie ein Gerippe, aber ultramodern oder vielleicht jetzt schon nicht mehr, wie ich mir angelesen, -studiert, habe. Krönung: Eine goldene Kette gekauft. Muss auch mal sein. Das also mein Tag. Noch vierzig Roller mit dem Sixpack-Trainer. Die Nacht gehört der "Nachtprinzessin" und das ist ein Krimi. Was sonst!


04.08.2015

Mein Aufstieg auf den Kalvarienberg oder Warum ich den Katholizismus liebe

Ganz oben hängt er. Ganz in Gold. Hängt am Kreuz. Vorher trug er das Kreuz. Es war seine Passion. Sein Leiden. Keine Leidenschaft. Oder doch? Ich steige mit meiner Freundin Frieda auf den Kalvarienberg in Graz. Gehe mit ihr den steinigen Passionsweg. Ich leide mehr an geschwollenen Füßen, denn an den Leiden des Herrn. Fotografiere all die Skulpturen, all die Kunstwerke, die der Glauben über die Jahrhunderte hervorgebracht hat. All diese katholische Herrlichkeit, die Österreich mir jedes Jahr zu Füßen legt. Diese Pracht und diese bunte Sinnlichkeit faszinieren mich immer aufs Neue. Ich denke an Dali, der Stunden vor seinem Tod noch zum Katholizismus übertrat und ich weiß, warum. Man weiß ja nie... Selbst Darwin sagte: "... dass das Universum kein Resultat des Zufalls ist. Dann aber steigt in mir immer der furchtbare Zweifel auf, ob die Überzeugungen des menschlichen Geistes, der aus dem Geist niedriger Tiere entwickelt worden ist, irgendeinen Wert hätten oder überhaupt vertrauenswürdig wären. Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in solch einem Geist Überzeugungen wären?" Ja, an allem ist zu zweifeln. Auch das. Auf beiden Seiten. Nicht mehr zweifeln muss ich an meiner Leidenschaft für Jesus. Als Kind wurde ich mit Jesusbildern und -erzählungen gefüttert. Es gab da eine Konkurrenz zwischen meiner katholischen Oma und meinem evangelischen Onkel Karl. Immer, wenn ich mit meiner Oma Onkel Karl besuchen musste, zog er mich sofort in sein Arbeitszimmer, um mir von IHM zu erzählen. Und nicht nur das! Er zeigte ihn mir. In schrecklichen schwarz-weißen Bildern. Ich hab mich nie wohl gefühlt - in protestantischen Kirchen. Sie erregten ein Grauen in mir. Denn sie waren grau, karg und vor allem streng. Besonders gern zeigte mir Onkel Karl Johannes den Täufer, wie er in seinem Blute - nur noch als Kopf - in einer Schüssel schwamm. Und er schaute mich irgendwie triumphierend an und ich dachte: Warum? Warum, Onkel Karl, zeigst Du mir das? Er hatte dann meist ein Einsehen und tröstete mich mit bunten Bildchen aus der evangelischen Christenlehre. Ja, diesen Kinderjesus war ich bereit zu lieben. Er lief übers Wasser, hatte goldene Haare und einen großartigen Heiligenschein. Er strich den Menschen über ihre gebeugten Häupter, machte sie gesund und fütterte sie mit seinen unendlichen Vorräten. Und versprach ihnen eine Welt in Frieden und Glück. Dann, wenn er wiederkomme. Dass er zwischenzeitlich ans Kreuz geschlagen ward, auferstanden und gen Himmel zum Vater gefahren, wusste ich natürlich. Und so endeten meine Besuche im Erzgebirge immer damit, dass ich mit vollem Kopf und Herzen und mit dem Zug nach Hause fuhr zu meinen Eltern, die eine andere Zukunft für mich vorgesehen hatten. Ich hatte Onkel Karl ja gefragt, bevor ich nach Hause fuhr: Kommt Jesus auch zu mir, dann, wenn er wiederkommt? Ja, er kommt auch zu Dir! - wusste Onkel Karl und schaute mir tief in die Augen. Auch meine Oma bestätigte das. Ich sah meinen hübschen Jesus vor mir, mit langen blonden Haaren und einem weißen Wallegewand. Ich sah ihn, wie er plötzlich in Lauchhammer - in der sozialistischen Braunkohle- und Schwermaschinenbaustadt der Niederlausitz, in der wir damals wohnten - auf unserem Spielplatz im Sandkasten steht und zu mir sagt: Hier bin ich! Dazu Musik! Eine sphärische Musik. Glück pur! Ich vergaß Mutter und Vater, die am Bahnhof standen, um mich aus diesem Traum abzuholen. Abends erzählte ich meinem Vater, dem atheistischen Professor in spe, von meinem Jesus. Dass er dereinst kommen werde. Zu uns allen. Und dass das doch wunderbar sei. Quatsch, sagte mein Vater, alles Quatsch! Er zog ein Buch aus dem Arbeitszimmerschrank, in dem Menschenaffen waren. Und begann, meine Welt zu zerstören. Lange Zeit konnte ich ihm das nicht verzeihen. Gott sei Dank - wir werden irgendwann erwachsen und können selbst entscheiden. Vielleicht hätte mein Vater alt genug werden müssen, um vielleicht wie Dali... wer weiß! - Ich laufe den Grazer Kalvarienberg hinauf. Oben steht das Kreuz. ER hängt am Kreuz. Das machen nur die Katholiken. Ihren Jesus derartig üppig zu vergolden. Onkel Karl hätte die Augen niedergeschlagen und irgendwas in seinen Bart gemurmelt - von Verschwendung oder so. Vor dem Goldjesus stehen drei Gestalten: Eine schaut heuchlerisch. Es ist seltsamerweise der Johannes. Eine schaut desinteressiert. Das ist Maria, die Gottesmutter. Eine - die in der Mitte - weint aufrichtig und bitterlich: Maria Magdalena. Die Tochter aus gutem Hause. Keine Brave. Keine, die tat, was man von ihr verlangte. Andere Gedanken haben, kann verrückt sein. Verrückt machen. Sündig. Sündig und besessen. So hieß es, sie sei eine Sünderin. Eine Verrückte. Bis Jesus kam und die Verrückte wieder in die Mitte verrückte. Und so folgte sie ihm bis in den Tod. Und wird die erste sein, die ihn sieht an diesem Sonntagmorgen der Auferstehung. Noch weint sie. Sie weint die einzig wahren Tränen in dieser Goldjesus-Szenerie. Und weiß noch nicht, dass alles gut wird. Das hilft sogar mir, den Glauben nicht zu verlieren. Danke Graz, danke Frieda, danke Kalvarienberg. Das ist der Zauber des Katholizismus. Er ist sinnlich und deshalb liebe ich ihn. (Ja, Frieda, ich kenne auch die Schattenseiten)

 Foto: Kalvarienberg Graz - von mir fotografiert am 29.7.2015


13.07.2015

Hast Du Depressionen, spiele mit den Karten, die Du hast. Und das - so gut es geht!

Wenn ich Depressionen habe, hab ich gar keine. Wenn ich Depressionen habe, gefällt mir die Welt nicht, so wie sie ist. Und ich gefalle mir nicht - in ihr. Das hat nicht viel zu bedeuten. Denn, wer bin ich schon! Muss mir die Welt gefallen? Ist die Welt für mich gemacht? Nein! Ist sie nicht. Sie ist, wie sie ist. Deshalb muss ich mit dem, was ich habe, in dieser Welt, weitermachen. Es ist, wie bei einem Kartenspiel, sagt meine kluge Freundin Frieda zu mir. Irgendwer hat mir die Karten zugeteilt. Und sie gefallen mir nicht. Ich kann sie hinwerfen. Oder ich kann sagen: Ok, hab ich eben diese Karten. Ich mach was draus. Das ist vielleicht das Geheimnis eines irgendwie am Ende zufrieden gelebten Lebens: Die Karten neu mischen. Diese beschissenen Karten. Und - es könnte sein, wenn ich eben nur diese habe, dass ich trotzdem ein gutes Spiel spielen kann. Ein Spiel spielen. Vielleicht sollten wir dieses Leben als Spiel betrachten. Wie dieser Spieltheoretiker Varoufakis. Der hat jetzt erst einmal eine Reihe oder Rolle rückwärts geturnt. Kluger Spieltheoretiker. Mir geht es ja nicht um Banken oder Geld. Oder manchmal schon. Geld ist nicht unwichtig. Geld ist Energie. Varoufakis hat seine Guten schon im Kröpfchen. Ich kämpfe noch mit den schlechten - Karten. Vielleicht sollte ich einen Nordhäuser Doppelkorn trinken und für eine Viertelstunde lustig herum scherzen. Ist doch alles nur ein Spiel. Ist doch nur Schnaps. Schnapsidee! Ich habe Depressionen. Mal wieder alles in den Sand gesetzt. Na und? Also nachdenken. Spielen. Wer hat das gesagt: Fallen, aufstehen, Krone aufrichten, weitergehen? Marlene Dietrich? Ich werde jetzt meine Haare waschen. Das wäre der erste Schritt zum "Krone aufrichten". Der zweite wäre, sich neue Texte auszudenken. Auch, wenn partout nichts im Kopf ist. Nichts. Das Nichts beängstigt nicht nur mich. Sondern die Menschen an sich. Das Nichts ist todesähnlich. Das Nichts ist einfach nichts. Und das hält der Mensch im Kopf nicht aus. Ich auch nicht. Ich werfe meine bösen Karten in die Runde. Und siehe da. Der erste Lichtblick! Ich habe einen Traum! Das hat schon so manchem geholfen. - Schlechte Karten? Gibt es. Schlechtes Spiel? Auch. Aber wir haben es in der Hand.


30.06.2015

Das Land meiner Wahl? Wie ich in der DDR einmal wählen ging

"Das Land meiner Wahl" - sang eine DDR-Pop-Gruppe in den Achtzigern - damals in der DDR. Und sie meinten die DDR. Das hat mich ziemlich empört. Der Text war auch noch von Kurt Demmler, einem der Haupttexter der Gruppe "Renft", die 1975 verboten wurde und in der mein Mann Peter Gläser Gitarrist und Sänger war. Das Land meiner Wahl? "Wer nur die Einzahl kennt, hat niemals gewählt", dieser Gedanke des Dichters Andreas Reimann sprach mir eher aus der Seele und passte zu unserer Wirklichkeit. Denn wir hatten keine Wahl. Nur diese: Die Kandidaten der Nationalen Front. Das waren Kandidaten der SED und der Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und DBD, das war die "Demokratische" Bauernpartei. Unsere Wahl war, diesen "Einheitsblock" zu wählen - oder nicht. Also kam man in das Wahllokal und erhielt einen großen Zettel mit den "Kandidaten der Nationalen Front" und man faltete den Zettel und warf ihn in die Urne. Das machten alle. Das war die Zustimmung. Wie aber nicht zustimmen? Keiner wusste es genau. Ich hatte gehört, wenn man den Wahlzettel quer durchstreicht, würde das nur "ungültig" bedeuten, aber kein NEIN. Also ging ich in den Achtzigern in mein Wahllokal und frage laut die missmutigen Wahlbeisitzer, die genauso aussahen, wie sie heute aussehen: "Was muss ich tun, wenn ich dagegen stimmen will?" Alle erstarrten. "Da müssen Sie jeden Namen einzeln durchstreichen!" - sagte jemand zaghaft. "Gut, haben Sie einen Kugelschreiber?" - Man reichte mir einen. Es gab zwar eine Wahlkabine, aber ich ging nicht hinein. Weil da eben nie einer reinging. Nahm also meinen "Wahlvorschlag mit den Kandidaten der Nationalen Front" und strich auf dem Tisch, an dem die Wahlbeisitzer saßen, vor ihren Augen jeden Namen einzeln durch. Dann warf ich den Zettel in die Urne und ging stolz erhobenen Hauptes hinaus. Peter hingegen faltete den Zettel brav und warf ihn ein. Das bedeutete Zustimmung. Er machte sich Sorgen, dass mein Verhalten Folgen für uns haben könnte. Es hatte keine. Jedenfalls keine merkbaren. Ich glaube heute, wir waren zu bekannt. Offiziell gab es ja eine Wahlmöglichkeit: Ja oder Nein. Ich hatte eben mit Nein gestimmt. Das einzige war, dass ich zur Leipziger Messe im Hotel "Merkur", in dem ich damals arbeitete, nicht mit den West-Hotelgästen in Kontakt kommen durfte. Das wurde elegant gelöst: Ich wurde zur "Sozialistischen Hilfe" in die Wäscherei beordert. Ob es da einen Zusammenhang gegeben hat, habe ich nie herausbekommen.

Foto: Bundesarchiv Bild 183-21044-0131, Leipzig, Herbstmesse 1953, Pavillon der Nationalen Front. Das war später in den Achtzigern ein Veranstaltungsort der Leipziger Avantgarde, den wir NATO nannten.


03.06.2015

Meine Hochzeit Nr. 2

Er war der Mann, den ich wirklich geliebt habe. So gut und so heftig ich das damals vermochte. Ich war rücksichtslos. Ich hätte mich gar nicht für ihn interessieren dürfen. Und sagte nicht: Geh nach Hause zu Deiner Frau, kümmere Dich um Deine Kinder! Ich tat das damals nicht. Weil ich ihn und nur ihn wollte. Wofür auch immer. Später hab ich mich oft gefragt: Warum glaubte ich so absolut und unentrinnbar, dass es dieser und immer wieder dieser sein muss? Es ist ein anderes Kapitel. - Eines Tages jedenfalls zog Peter zu mir, ein halbes Jahr später war er geschieden. Ja, das ging damals so schnell - in der DDR. Zwei Monate später beschlossen wir zu heiraten. Auch das ging schnell. Nach weiteren vier Wochen war es so weit. In einem Leipziger Standesamt standen wir ganz allein, ohne Trauzeugen, die brauchte man nicht, ohne Blumen, die wollten wir nicht. Auch zogen wir uns nichts Besonderes an, saßen einfach so im Flur des Standesamtes und warteten, bis wir "drankamen". Neben uns eine große Hochzeitsgesellschaft, mit Braut und Schleier und Bräutigam und Zylinder. Und mit Blumenmädchen und viel Geschrei. Die kamen gar nicht auf die Idee, dass wir auch ein zu trauendes Paar sind. Die dachten, wir sitzen da still herum und warten auf irgend etwas anderes. Irgendwann wurden wir aufgerufen und gingen ins "Heiligste". Das Trauzimmer des Standesamtes Leipzig-Stötteritz. Die Standesbeamtin sah uns etwas befremdet an und hielt uns eine Art Aschenbecher hin. Was wollte sie damit? Sie wollte..."Die Ringe". Wir hatten keine. Missbilligend stellte sie das Gefäß in die Ecke und fragte: Und die Gäste? Haben wir auch nicht. Mmh. Na gut. Dann fangen wir eben an. Als wir uns zur "Eheschließung" anmeldeten, mussten wir Musik für den "großen Moment" bestellen. Wir suchten auf einer Liste irgendwas von Bach aus. In einer Nische des Zimmers, hinter einem Holzperlenvorhang, saß ein älterer Herr und spielte das Gewünschte. Er fand das sicher genauso komisch wie wir, als die Standesbeamtin dennoch mit großer Geste begann, ihre Rede zu halten. Und als sie fertig war, als wir "Ja" gesagt hatten, legte er wieder los, auf seiner Hammondorgel. Die Ringzeremonie und die Kussaufforderung ließ sie, sichtlich aus dem Konzept gebracht, dann eben weg. Irgendwann lachte der Nischenpianist, wir lachten sowieso und verabschiedeten uns. Vielleicht lächelte auch sie, die Frau Beamtin, ich weiß es nicht mehr. Sie reichte uns das grüne Familienbuch, mein neuer Mann Peter griff es sich, schob es unter seine Jacke und - raus. Ein bisschen Tradition bewahrten wir. Wir hatten einen Freund, der Fotografik an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, zur Thomaskirche ans dortige Bachdenkmal bestellt. Wir fragten ihn lediglich, ob er uns fotografieren würde. Er kannte den Anlass nicht und hat ihn wahrscheinlich auch nicht erfahren. Zumindest nicht an diesem Tag. Ich bin heute sehr froh, dass ich diese Bilder habe. Wie jung und wie schön wir waren! Und tatsächlich irgendwie glücklich. Niemand hat etwas gewusst. Diese Hochzeit war eine ganz und gar heimliche. Wir dachten, das sei eine richtige Hippiehochzeit. Lässig und cool. Wobei es das Wort cool noch nicht gab. Es war ein 30. September, die Sonne schien und wir gingen in die neue kubanische Kneipe, die gerade in der Nähe des Alten Marktes eröffnet hatte. Dort feierten wir ganz allein unsere Hochzeit. Später - im Mondschein - schlenderten wir lachend und Kuba-Rum-beschwipst nach Hause. Peter sagte zum Abschluss dieses denkwürdigen Tages: WENN DAS DIE RICHTIGE FRAU GLÄSER WÜSSTE! - ich sagte nichts. Mein Rumpelstilzchen war erst ein Vierteljahr geschieden.

Foto: Elisabeth und Peter "Cäsar" Gläser vor der Thomaskirche Leipzig.


15.05.2015

Maskeraden - Diäten, Mode und so - Teil 3

Heute mal: "Und so". "Und so" ist alles, was keine Diät ist und keine Klamotten. Also Frisuren, Schminke, Parfüm. Hab ich was vergessen? Ja, natürlich. Cremes und Tinkturen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Damals in den wilden Pubertätszeiten war ich von Pickeln geplagt. Ich traute mich morgens kaum, in den Spiegel zu schauen. Was hat Gott mir über Nacht schon wieder geschickt? Verheerendes natürlich. Wie so ein rotgelber Knoten ein Gesicht entstellt! Gut, es gab da Jungs in der Klasse, die waren rotgeschwollen und voller widerwärtiger Pickel und Mitesser. Ich - so als Mädchen - krankte schon an einem oder zweien dieser Dinger, die uns die unbeschwerten Tage der Jugend vergällten. Also musste irgendetwas her. Schwefelpuder! Half aber nicht. Juckte und fiel runter. Penaten-Creme. Die im Osten irgendwie anders hieß, aber weiß war und dick auf den Knoten saß. Hässlich! Dann kam der Geheimtipp: Theaterschminke F 18. Kauf Dir Theaterschminke F 18! Niemals werde ich dieses Zauberwort in eine Welt ohne sichtbare Pickel vergessen. Es gab sie in kleinen Döschen und ich kaufte sie. Schmierte sie ins Gesicht und - siehe da - ich sah aus, wie die schönen Damen in den Illustrierten. Nur ganz nah ran gehen durfte keiner. Schön war ein wenig Dämmerung. Am allerbesten Barlicht! Gern hätte ich meine gesamte Jugendzeit in der Bar verbracht. Das rötliche Licht schluckte alle Flecken und machte aus mir eine Königin. Theaterschminke F 18 tat es also. Verschaffte mir Linderung in meinem Schönheitsleiden und ich fühlte mich wesentlich besser. F 18 war der erste Baustein in meiner Schminkkarriere. Nun zu den Augen. Wir wollten alle lange Wimpern und es hieß, die wachsen von Rizinusöl. Also in die Apotheke, Rizinusöl kaufen. Wimpern einpinseln. Es brannte und die Wimpern blieben so, wie sie waren. Wenn schon nicht mit sanfter Medizin, dann eben mit brachialen Methoden. Mascara gab es noch nicht im kleinen sozialistischen Land. Nur einen noch kleineren Kasten mit einem schwarzen Brocken, der bespuckt werden musste, um dann mit einem Bürstchen spärlich die Wimpern anzufärben. Länger wurden die dadurch nicht. Das Zeug hielt kein Tränchen aus und hatte keinen wirklichen Effekt. Aber es gab Geheimtipp Nr. 2: Schwarze Schuhcreme. Schwarze Schuhcreme, dazu eine Zahnbürste. Und die Wimpern wurden lang, dick und - sie glänzten. Rochen vielleicht nicht so gut. Doch was roch damals gut, in der DDR? Wir hatten ja noch nicht einmal Deo. Ich kann mich erinnern, dass ich richtige Schuhcremeorgien an meinen Augen feierte. Dass ich einmal in einer "wichtigen" Sitzung von Jugendfunktionären in der Schule saß, mit gefühlten Drei-Zentimeterwimpern. Alle starrten mich an. Ich war dreizehn. Roch nach Schuhcreme, war dick theatergeschminkt und hatte trotzdem alles Einsen in der Schule. Das passte natürlich nicht. Solche Mädchen mussten doch wenigstens dumm sein oder faul. Tja, dazu trug ich ein Kopftuch wie Tippi Hedren. Fand ich damals super. Ich wollte meine Haare wachsen lassen und bekopftuchte den Übergang. Meine Pläne waren weitreichend. Ich wollte mindestens die Schönste der Stadt werden. Und arbeitete hart an diesem Ziel. Misstrauisch bekämpft von Eltern, Lehrern und der Mangelwirtschaft. Begeistert unterstützt von den Jungs, die meine Fortschritte beklatschten. Also: Theaterschminke F 18 und schwarze Schuhcreme waren meine Einlasstinkturen in die geheimnisvolle Welt der Frauen. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir. Gottseidank wusste ich das nicht.


05.05.2015

Blaue Ersatzflüssigkeit in Großmutterköpfen.

Manchmal fällt mir nichts ein. Gott sei Dank bin ich nicht allein damit. Immer schon bewundere ich diejenigen, die nicht wissen, wie sie ihren Schreibfluss stoppen können. Ihr Kopf muss so voller wertvoller Gedanken sein, dass sie unentwegt schreiben müssen. Mit Leib und Seele drücken sie ihre Tastaturen und entleeren ihre Köpfe. Ich bin leider oft leer - im Kopf. Nichts drin, außer Gedankenkino in Dauerschleife. Der Mitteilung nicht wert. Klar, das ist ein alter Hut. Wir Schreiber denken unentwegt über dieses Problem nach. Was ist es, das wir den Lesenden in spe sagen könnten, dürfen, gar müssen. Ich muss leider nichts. Manchmal denke ich sehnsüchtig an Max Goldt. Der kann sogar die blaue Ersatzflüssigkeit aus der Tampon-Werbung zu Gold machen. Oft will ich mich unbändig zwingen, es ihm gleichzutun. Was bedeuten würde: Ich denke an irgendetwas und schreibe irgendetwas. Zum Beispiel könnt ich - so werbemäßig - an Ferrero Küsschen denken. An diese jungen Leute, die sie sich schenken, wenn sie ansonsten nichts mit einander anfangen können - bei ihren spontanen Partys. Ok, ist nur Werbung. Ist das, was junge Werber sich vorstellen, wenn sie ans süße Leben denken. Blaue Ersatzflüssigkeit kann man nicht kaufen, aber Ferrero Küsschen. Die ja. Oder ich denke an Boris Becker, der einstmals, als er noch nicht so aussah, wie er jetzt aussieht, staunend rief: Bin ich schon drin? Was etwas anzüglich klang. Damals warb er fürs Internet, in dem "Drinzusein" was Tolles war. Ersatzflüssigkeit, Boris und der nämliche Internetanbieter sind längst entschwunden. Ach, denk ich an meine gestrige Zugfahrt! Ich wollte einen Krimi lesen. Leider geht das nicht mehr, wenn man keine Ohrenschützer dabei hat - in modernen Zügen. Alle reden durcheinander. Oft nicht miteinander. Zum Beispiel diese Frau gestern: Zunächst führte sie ein Gespräch mit ihrem Handy. Es ging darum, dass sie ihre kranke Mutter besucht hatte. Sie erzählte ausführlich einer imaginären Person und uns  - nicht Imaginären - von der Krankheit der Mutter, Schläuchen, Blut, Mut und „süßen“ Pflegern. Es klang sehr lieb, nur musste ich die Erzählung leider fünfmal hören. Nach dem ersten Gesprächspartner rief sie weitere an. Die Mutter-Besuch-Story variierte. Nach Anruf Nr. 3 hätte ich den Erzählpart übernehmen können, derweil der Krimi in meinem Schoß ungelesen herumlungerte. Umsonst. Meine Augen wären zugefallen, hätte es nicht diese Gruppe Studenten gegeben, die, um mich gruppiert, Platz nahm. Alle schrieben Bewerbungen, über die sie sich lautstark austauschten. In ihre Laptops und Tablets. Immerhin sprachen sie kaum mit Handys. Ich finde, das ist ein Fortschritt, nachdem ich des Öfteren staunend in der U-Bahn nach Berlin-Friedrichshain als alte Dame ohne Smartphone in der Hand saß. Unter all den jungen Menschen, die in ihre Handys starrten, als gilt es das Leben. Wäre ein U-Bahn-Mord passiert, keiner dieser Smartphone-Bewohner hätte eine Zeugenaussage über die Mitfahrer machen können. Keiner sah nach rechts oder links. Nur nach vorn. Vorn ist das Handy-Licht. Meine Zug-Studenten aber unterhielten sich über die Formeln ihres Baustudiums und über Dozenten, die sie nicht mochten. Untereinander. Sie saßen sich gegenüber und sie sangen laut ihre Lieblingshits und lobten gegenseitig ihre geistigen, körperlichen und anderen charmanten Vorzüge. Es ging ja um Bewerbungen. Fast hätte ich glauben mögen, die alte Zeit bräche wieder an, hätten sie nicht von sich als "Studierende" gesprochen, was bei mir immer wieder ein leichtes Sprach-Kotz-Gefühl erzeugt. Schwamm drüber. Sie nannten sich ja nur in ihren Bewerbungen "Studierende", nicht in der Zugwirklichkeit. Ich dachte an „Damals“, als wir - noch als genderverschonte Studenten - Zug fuhren und uns - vermutlich ebenso lautstark - unterhielten. Ohne Handys, ohne Laptops. Nicht ahnend, was Generation 2.0 oder eine Energiesparlampe sein werden. Nicht ahnend, dass wir alt werden. Ich stellte mir diese jungen schönen "Studierenden" alt vor. Und überlegte, was sie dereinst an den ihnen nachfolgenden Generationen bedenklich finden könnten. Ich hatte auch Hoffnung. Als ich meine Reisetasche versuchte, aus dem Gepäckträger zu hieven, sprangen gleich drei junge Männer herbei und wollten unbedingt helfen. Später dachte ich ernüchtert: Oh, Du bist in deren Augen eine Großmutter! Das haben wir doch auch gemacht! Für Großmütter aufstehen, Großmüttern die Tasche tragen. Großmütter belächeln. Nur wussten wir nicht, dass die Großmütter uns auch belächelten. Manche Dinge ändern sich nicht. Das ist doch wunderbar. Und so beruhigend.

Foto: Ich - ca. 22 Jahre alt


19.04.2015

Mode, Diäten und so - Teil 2

Zieh doch mal den Bauch ein. Sagte mein Vater. Da war ich 13. Mach doch mal eine Diät. Sagte meine Mutter. Da war ich vierzehn. Damals tauschte sie sich per Brief immer mit ihrer Schwester aus - über die neuesten Abnehmstrategien. Die wohnte in Berlin und wusste Bescheid - über Wodka- und Bockwurstdiät, über Punkte-Diät und Kohlsuppenwochen. Ja, das gab es alles schon in der DDR. Man glaubt es kaum. Denken doch heute manche, dass wir eventuell nicht genug zu essen hatten. Stimmt nicht, wir hatten genug. Nur keine so große Auswahl. Spätestens seit den sechziger Jahren begannen auch die DDR-Frauen, zunehmend dick zu werden. Die Lebensmittelmarken der Nachkriegszeit waren abgeschafft und man und frau aßen nach Herzenslust. Auch meine Mutter hatte in dieser Zeit wahrscheinlich ihr höchstes Gewicht. Dann aber ging es abwärts. Ich habe selten eine Frau kennengelernt, die so besessen vom Dünn-Sein war, wie meine Mutter. Tja, das färbt ab. Oder erzeugt das Gegenteil. Zwischen diesen Polen bewege ich mich. Immer noch. - Fett macht dick. Kuchen und Schokolade machen dick. Brot macht dick. Wasser macht dick. Butter macht dick. Kartoffelsalat macht dick. Dieses Leben macht einfach dick. So in etwa lauteten die Glaubenssätze neben moralischen Fingerzeigen, die mir die Mama einimpfte. Manche behaupten ihre Stellung noch heute in meinem Kopf. Oder wo sie auch hausen. Unvergessen ist die Zeremonie, mit der meine Mutter jedes Stück des von ihr heißgeliebten Kuchens aß. "Ach nein, Kuchen macht dick! Ich esse heute keinen." Zehn Minuten später: "Na gut, die Hälfte!" Sie schnitt das Kuchenstück in der Mitte durch. Nach einer weiteren Viertelstunde: "Ach, ich nehme noch eine Hälfte!" Sie schnitt die Hälfte in zwei Hälften. Und nahm eine davon. Dazwischen immer Laberlaberlaber. "Ach was soll's, ich schneid' das nochmal durch!" - Sie schnitt das verbliebene Bisschen noch einmal durch. Tja, am Ende dann schob sie auch den letzten Rest in ihren Mund. Und weg war er, der Kuchen. Unter Schmerzen gegessen. Die Strafe dafür war hart. 200 Gramm. Sie stand unentwegt auf der Waage. Täglich mehrmals. "Warum müsst Ihr so dick sein!" sagte sie vor ein paar Jahren zu mir. Und meinte mich und meine Schwester. "Vielleicht hättest Du Dir einen anderen Vater für Deine Kinder aussuchen sollen." Ich weiß nicht mehr, was sie antwortete, auf jeden Fall war sie beleidigt. Als sie nach dem Tod meines Vaters einen neuen Mann kennenlernte, ging die Abnehmorgie richtig los. Unvorsichtigerweise hatte der Neue ihr gestanden, dass er schmalhüftige Frauen liebe. Diese kommen aber in unserer Familie nicht vor. Doch meine Mutter, die alles, was sie einmal begann, obsessiv zu Ende führte, nahm den Kampf auf. Schmalhüftigkeit - das wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schaffen! Und sie schaffte es und errang kurz vor Ende ihres Lebens die heißersehnte Größe 36. "Ich hab die 36". - Das sagte sie passend oder unpassend wie ein Mantra in jegliches Gespräch hinein, egal, worum es ging. Bauch weg. Hüften weg. Busen weg. Und dann mit knapp 80 bei H&M einkaufen gehen. Ich kann mich erinnern, als ich sie zu dieser Zeit besuchte, dass sie ein braunes elastisches Schlauchkleid trug, in dem sie tatsächlich wie ein umwickelter Besenstiehl aussah. "Na! Bin ich nicht schlank!" - rief sie jedes Mal und drehte sich glücklich im Kreis. " Ja, Mama, Du bist wirklich superschlank." Das größte Kompliment, das man ihr machen konnte. Das zweitgrößte: "Du siehst zwanzig Jahre jünger aus!" Am besten beide auf einmal. Das machte sie seliger, als alles andere auf der Welt. Als sie dann vergaß, wer ich bin, und am Ende gar, wer sie selber war, als sie vergaß, was 36 ist und dass jemand in ihrem Leben mal Schmalhüftige bevorzugte, als sie all das vergaß, hat sie für den Rest ihres Lebens nochmal so richtig "reingehauen". Und schaffte es tatsächlich wieder hoch - zur Kleidergröße 44. Erst in dieser Zeit begriff ich, wie sehr sie Schokolade geliebt hat. Ja, sie war eine ganz Süße. Ich überschüttete sie bei allen Besuchen mit Pralinenschachteln. Und sie riss sie auf, als gilt es das Leben. Essen ist der Sex des Alters. Ist was dran!

Foto: Meine Mutter mit 81.


08.04.2015

Mode, Diäten und so

"Ich lese das immer, was Du da schreibst, auch wenn ich nichts kommentiere." Sagte kürzlich eine Freundin, die ich ein paar Jahre nicht gesehen hatte. "Was meinst Du denn? Was schreibe ich?" - "Na, da im Internet schreibst Du doch immer so Zeug über Mode, Diäten und so." Aha. So kommt das also an? Klingt erst einmal niederschmetternd. Wollte ich über "Mode, Diäten und so" schreiben? Eigentlich nicht! Eigentlich sagt es, vielleicht doch! Ich, die Mode- und Diätenkolumnistin? Eine Frauenzeitschrift kaufe mich ein! Ich lieferte jede Woche einen knackigen Beitrag, obwohl ich doch - eigentlich - über das Leben an sich, die Liebe, Politik und das große Ganze schreiben wollte. Wollte ich das? Mal scharf nachdenken. Doch, ich will schon, aber ich kann nicht. Der Rechercheaufwand ist mir zu groß. Die Angriffsfläche ebenfalls. Schuster bleib bei deinen Leisten, sagte meine Oma immer. Und ich überlegte jahrelang, was Leisten sind. An Schuhen. Ich bleib bei meinen Leisten. Mode ist es nicht, liebste Freundin. Davon hatte ich noch nie viel Ahnung. Für Mode fehlt mir der entsprechende Body, wie das heute heißt. Mode für Mollige mag ich schon gar nicht. Eine meiner Schwiegermütter riet mir eines Tages, ich solle in einem Geschäft, das "Dick, aber schick" heißt, meine nächste Hose kaufen. Da blieb mir der Mund offen und ich dachte an die nächste Diät. Und dass diese Schwiegermutter doch eine niederträchtige Schlange ist. Niemals beträte ich freiwillig einen Laden, der "Dick, aber schick" heißt. "Du musst zu Dir stehen! Nimm Dich an! Sei die, die Du bist!" - säuseln meine esoterischen Freundinnen. Leider verriet mir keine, wie das geht. Sei mutig und entscheide: Nimmst Du die "Ku'damm-Boutique" oder "Dick, aber schick"! - Natürlich die Ku'damm-Boutique, die ich schüchtern betrete und betreten die fünf Kleidungsstücke auf der ersten Stange ein wenig verschiebe. Dann tritt mir eine große Blonde entgegen, schützt ihre Stange vor mir und sagt: "In Ihrer Größe haben wir nichts!" - "Ich suche etwas für meine Nichte..., stammele ich. "Das sagen sie alle!" - hat sie natürlich nicht gesagt, aber gedacht. Schnell fliehe ich in einen heißen Ku'damm-Nachmittag. Hinaus, hinaus! Ich überlege fieberhaft, ob ich doch mal einen Blick in "Dick, aber schick" werfe. Vielleicht sind dort Verkäuferinnen, die meine Problemzonen mit Verständnis dezent verhüllen. "Dick, aber schick" beginnt mit 42. Eine Größe, die früher nicht im Dicken-Bereich angesiedelt war. Heute zieht ihr Besitz bereits die Exerzitien der Fitnesscenter nach sich, sollte frau nach dem Überschreiten von 36 bis 40 in der Zahl 42 nicht die Weltformel erkennen, sondern eben ein Problem. Dick, aber schick. Ab Größe 42. Aha. Die blonde Verkäuferin, die vermutlich ihre Gewänder nicht im eigenen Laden kauft, taxiert mich. "Was suchen Sie denn?" - "Ach, nichts Bestimmtes..." - Ich stütze meine zitternden Arme an einer Hosenstange und denke: Schwarz! Schwarz macht schlank. - "Das Vollweib trägt Farbe!"- lese ich an der Wand. Die Hosen sind eine Regenbogenkaskade. Lila, gelbe, grüne, blaue, rote, rosa Hosen. Dazu Größe... ach, ich denk sie mir nur. Und wanke mit einer Grünblauen in die Umkleidekabine. Sollte ich dereinst eine Boutique mein eigen nennen, werde ich all mein Kapital in eine Umkleidekabine investieren. Sie sei groß, nicht zu hell, mit bräunlichen Spiegeln, die schmeicheln, sie sei kühl und mit leiser Musik ausgestattet. Kein Schwitzen, kein lila Wasser-Leichen-Licht. Keine Enge. Kein Mord am letzten Rest des Frauen-Selbstbewusstseins! - Doch hier - bei "Dick, aber schick" ist dieser Ort des Opfergangs in eine mittlere Depression noch vom alten Schlag. Ich ziehe die Hose über das rechte Bein und lass es sein. Vielleicht doch wieder eine Diät? Noch nicht einmal dafür hab ich Rezepte. "Du schreibst doch da über "Mode, Diäten und so"? - Ich muss nochmal nachdenken. Fortsetzung folgt.


26.03.2015

Das perfekte Mängelwesen. Ich.

Irgendwann sagte eine weise Freundin: Und Deine Eltern sitzen immer mit am Tisch. - Bedrohliches Szenario. Leider stimmt es. Sie sitzen nicht nur mit am Tisch. Sie schleichen sich in meine Träume. Sie sprechen durch mich. Liegen wie ein zäher Mehltau auf meinem Denken. Ab und an kann ich sie verscheuchen. Ab und an verhandle ich. Ab und an triumphieren sie noch. Vom Vater hab ich die Statur, vom Mütterchen keine Frohnatur. Vom Vater hab ich den Hang zum Perfektionismus. Von der Mutter auch. Ist es da ein Wunder, dass ich als permanentes Mängelwesen durch die Welt tappe? Dass ich Fingernägel kaue, dass ich bewegungsunfähig stundenlang herum grübele. Dass ich mich nicht aufraffen kann, wenigstens eine gute Köchin zu sein. Oder Bilder male - für die Nachwelt. Dass ich, wenn ich einen Auftrag bekomme, stets bis zum letzten Moment warte, um dann in harter Nachtarbeit die Frist nicht zu versäumen. Dass ich Fristen versäume. Dass ich Angst vor dem Briefkasten habe. Dass ich mich immer noch frage: Was kannst Du eigentlich wirklich? Warum bist Du nicht Ärztin oder Architektin geworden? Wie es der Vater wollte. Warum kennst Du die Muskeln nicht auf Latein? Und hast alle mathematischen Formeln vergessen. Warum bist Du nicht groß und blond? Und so dünn, wie Mama es wollte. Vom Vater hab ich die Statur. Und das schnelle Denken. Vom Mütterchen das hoffnungslose Basteln an weiblicher Raffinesse und den Optimismus, dass alles machbar ist. Den zähen Glauben an Romantik. Und den Hang, zu tief ins Glas zu schauen. Von beiden die Hoffnung auf eine wunderbare Welt, in der alle Menschen sich in den Armen liegen und glücklich sind. "Du kämpfst nicht!" - warf mir meine Mutter noch in ihren späten Jahren vor. Das stimmt nicht, liebe Mutter. Ich kämpfe auf meine Art. Ich kämpfe um jeden Tag. Ich verdiene mein Geld selbst. Ich habe drei Kinder großgezogen. Nein, ich hab es nicht perfekt gemacht. Du leider auch nicht. Vielleicht habt Ihr Euch wiedergefunden. Da oben. Ihr naiven Glückssucher der Nachkriegszeit. Im Himmel soll alles leicht sein. Manchmal im Traum höre ich Eure Stimmen, die ich am Tag immer weniger erinnern kann. Manchmal verzeihe ich Euch. Manchmal auch mir. Ich bin schon lang erwachsen.


19.03.2015

Rocky rockt mein Unbewusstes

Fahre ich Auto, kann es passieren, dass ich anhalten muss. Panikattacke. Relikt aus den Nuller-Jahren des neuen Jahrtausends. Ich hatte sie nicht nur im Auto, sondern überall. Jetzt nur noch im Auto. Jetzt selten. Jetzt fast gar nicht mehr. Aber heute. Heute fuhr ich meinen üblichen Weg zur Arbeit und hörte im Radio Frank Farians „Rocky“ von 1976. Von dem Farian, der so bekannte und skandalträchtige Gruppen wie Boney M. und Milli Vanilli gegründet hat. Und ab und an auch selbst sang. Zum Beispiel dieses „Rocky“. Als ich es zum ersten Mal hörte, dachte ich, dass so etwas doch niemand ernst meinen könne. Was für ein Kitsch! Heute weiß ich: Es ist ernst gemeint. Heute bin ich milder. Ich kannte schon einige Leute, die bei „Rocky“ Tränen in den Augen hatten. Es ist so ähnlich wie bei Jonny Hills „Ruf Teddybär Eins-Vier“. Man könnte diese, auf ein paar Lebensweisheiten reduzierten Schlager Augen-Feuchtmacher wider Willen nennen. Vernunft oder Intelligenz haben keine Chance. Da werden irgendwelche archaischen Gefühle heraufgelockt. Umso älter ich werde, umso mehr. - Heute also „Rocky“. „Rocky“ im Autoradio. Ich musste ans Sterben denken. Kommt ja vor – in „Rocky“. Ich dachte wehmütig an all die Dinge, die schon vorbei sind und an das, was noch kommen mag. Wird es, wenn schon Überraschungen, auch ein paar gute geben? Werde ich es schaffen, aus dem Hamsterrad auszusteigen? Was mach ich, wenn ich alt bin? Werde ich überhaupt alt? Mich erfasste eine Welle von Schmerz, ein taubes Gefühl im Kopf, die Hände zitterten und ich dachte, wie so oft, ich könne das Lenkrad nicht mehr halten. Panik. Durch „Rocky“?? Das kann nicht sein! Was ist aus Dir geworden, dass Du Dir von Frank Farian Gefühle diktieren lässt? Eine sentimentale Kuh? Ich hielt mein Lenkrad und dachte an die dunklen Mächte in mir. Die gnadenlos Erinnerungen hochholen und nicht fragen, ob ich sie will. Gibt es einen Ausweg? Klar. War doch nur eine Stimme und eine Stimmung. Radio aus. Weiterfahren.


10.03.2015

Mein neues Leben

Hier muss ein erster Satz stehen. Dann geht alles, wie von allein. Mein erster Satz ist heute nicht der da, sondern dieser: Klarheit ist der neue Rausch. Las ich heute bei einer Facebook-Freundin. Ich kann es nicht bestätigen. Klar ist es wunderbar, klar zu sein. Nüchtern und dazu - mit relativ leerem Magen - Kräutertee und Trampolin. Dem harten Leben ohne mit der Wimper zu zucken ins Auge blicken. Klarsehen. Klardenken. Klarhandeln. Was für eine Aussicht! All die guten Dinge aus dem Bilderbuch des wohlfeilen Lebens fliegen mir zu. Ab und an eine Zigarette. Die gönne ich mir. Ok, ich denke darüber nach, auch die ins abgelegte Lotterleben abzuschieben. Ja. Da steh ich. Bereit zu neuen Taten. Was könnte ich tun? Mir fällt nichts ein. Zu Partys kann ich nicht, weil es mich zum Weintrinken animiert. Schön essen gehen kann ich nicht, weil ich nicht auch noch vegan werden will und alle anderen gastronomischen Verlockungen nicht meinen rigiden Essensregeln entsprechen. Kein Fett. Kein Zucker. Kein Sonstwas. Ins Kino gehen? Bedeutet Popcorn und Sekt. Da gibts auch Cola? Zum Klarbleiben? Zu viel Zucker. Ins Theater! Ich sehe zu klar, um Theater im nicht-beschwipsten Zustand zu ertragen. Bücher lesen. Das geht und das tu ich. Ich lese meine Regale leer. Und kann doch keinen klaren Gedanken fassen. Ich frage mich: Ist das das Leben, das Du Dir vorgestellt hast? MEIN NEUES LEBEN. Irgendwie nicht. Verreisen, das wäre es! Was dort für Gefahren lauern? Die gleichen, wie hier. Du musst Dein Leben ändern! - Hab ich doch grad. Klarheit ist der neue Rausch. Ein Rausch der Sinne ist es nicht. Ein verkopfter Rausch. Ein verrauschter Kopf. Rauschschmiss! Ich taumele klaren Blickes ins Ungewisse.

Foto: Ich - 2015.


23.02.2015

Mauervorsprünge - oder was ich einmal werden wollte

Schauspielerin werden. Das wollte ich. Als ich acht Jahre alt war. Und Mitglied einer Laienspielgruppe. Mit der ich "Kreismeister" wurde. Genau genommen wurde unsere Laienspielgruppe Kreismeister im Kreis Senftenberg beim Wettbewerb der Laienspielgruppen. Senftenberg war die nahe Kreisstadt und Cottbus die etwas entferntere Bezirksstadt. Beide liegen heute im Land Brandenburg - in der Niederlausitz. Wir spielten ein Vögel-Stück. Ich war die Frau Spatz und schimpfte sehr viel mit meinem Spatzen-Mann. Mehr weiß ich nicht mehr, nur, dass wir Spatzenkostüme hatten und Kulissen, die wir selbst aus Pappe bauten. Es kam die Bezirksmeisterschaft, bei der wir mit unserem Spatzenvögel-Stück weit hinten landeten. Ich war außer mir. Und erzählte - wieder zu Hause in Lauchhammer - meiner Mutter empört von den Machenschaften der Jury, die uns nicht zum Meister gekürt hatte. Meine Mutter meinte, dass vielleicht doch die Anderen.... irgendwie besser...gewesen sein könnten. "Aber die haben nicht so einen Mauervorsprung wie wir!" entgegnete ich. Vorüber meine Eltern noch jahrelang lachten. Dieser Papp-Mauervorsprung, den wir tagelang bemalt und zusammengebaut hatten, war unser ganzer Stolz. Nach der Cottbuser Niederlage probten wir kein neues Stück, ich vermute, die Laienspielgruppe ging wegen Mangels an Erfolg ein. Ich auch - in meinen schauspielerischen Bestrebungen. Ich bekam ein Gefühl dafür, wie sehr man sich blamieren kann. Dies frisch erblühte Schamgefühl verengte mir den Mund - so dass ich kaum noch ein Gedicht vor der Klasse deklamieren konnte. Schauspielkarriere ad acta gelegt. Ich wollte Kriminalist werden. Die Lehrer fragten im Jahresabstand nach unseren Berufswünschen. Sie wurden notiert. Warum auch immer. Und mussten laut geäußert werden. Ich sagte ab sofort: Ich will Kriminalist werden. Wir wurden als Mädchen damals noch Lehrer, Koch oder - Verkäuferin. Diese durfte weiblich sein, weil es kaum Männer gab, die den Verkäufer-Berufswunsch hegten. Einige Jahre sagte ich also stets: Ich möchte Kriminalist werden. Worauf ein Großteil der Klasse - von Jahr zu Jahr mehr - laut lachte. So dass ich mich - nachdem ich meinen Chemielehrer verehrte - auf "Ich möchte Chemiker" werden verlegte. Der Chemielehrer war streng. Besonders, wenn ich lackierte Fingernägel hatte, die ich der Klasse zeigen musste, um deren gemeinschaftliche Missbilligung zu empfangen. "Was sagt denn Deine Mutter dazu?" - fragte der Chemielehrer. "Meine Mutter meint, davon bekommt man keinen schlechteren Charakter!" - antwortete ich frei phantasierend. Ich dachte, das könnte sie gesagt haben, trug sie doch stets lackierte Fingernägel. Worauf er den Kopf wiegte und meinte: "Ja, da könnte Deine Mutter recht haben." Er ließ mich ab sofort in Ruhe. Und ich behielt auch meine Eins in Chemie. In der neunten Klasse wechselte ich an die Erweiterte Oberschule (Gymnasium). Der neue Klassenlehrer war der neue Chemielehrer. Ein netter Kerl, aber Chemie hat er mir gründlich verleidet. Was also werden? Ich wusste es nicht mehr. Irgendwas mit - Schreiben? Ich unterließ es standhaft, Berufswünsche laut zu äußern. Und weil das so blieb, studierte ich nach dem Abitur - aus Verzweiflung und Ratlosigkeit - Philosophie. Hinter diesen Abschnitt meines Lebens setze ich einen winzig kleinen - Mauervorsprung.


10.02.2015

Meine erste Hochzeit

Da bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Erster Freund. Erstes Mal. Und - "es hat Zoom gemacht". Hat geklappt. Irgendwann musste ich das meiner Mutter sagen: Ich bin - glaub ich - schwanger. Wann heiratet Ihr? - war keine Antwort, sondern eine Frage. Wann heiratet ihr. Denn es war eine Zeit, in der noch geheiratet wurde - wegen eines Kindes. Du sollst doch keine "Sitzengelassene" sein. Also "musste" ich heiraten. Sicher hätte ich protestieren können. Und ich glaube nicht, dass meine Eltern mich gezwungen hätten. Aber ich war immer ein braves Kind. Ich war siebzehn und in einem Viertel Jahr achtzehn. Das richtige Alter. Also Hochzeit. Ich habe mich um nichts gekümmert. Das übernahmen der Angetraute in spe, seine und meine Eltern. Nur ein schreckliches weißes Kostüm, mit weißer Bluse und silbernem Stehkragen erstanden meine Mutter und ich einen Tag vor der Hochzeit. Es gab einfach nichts anderes. Ich war im fünften Monat, aber man sah es noch nicht, das Kleinste passte. Die Hochzeit fand an einem 17. Juli statt. Alle Verwandten und auch ein paar Freunde wurden herbei gerufen und unter den Klängen von Mendelssohns "Hochzeitsmarsch", gespielt von einem Altherrenquartett, marschierten wir in den Hochzeitsraum des Standesamtes. Es war feierlich. So feierlich, dass mir schlecht wurde und ich begriff, hier passiert irgendetwas, das mein Leben verändern könnte. Ich hatte gerade die 11. Klasse beendet und wollte mein Abitur machen. Ich wohnte bei meinen Eltern. Mein Freund durfte bis zu diesem Tag nicht bei mir übernachten. Selbst als sie wussten, dass ich schwanger bin und wir gemeinsam in einem Osterurlaub waren, buchten sie für ihn und für mich unterschiedliche Zimmer. Wir waren ja noch nicht verheiratet. (Ich bin natürlich heimlich nachts zu ihm geschlichen). - Also Standesamt: Alle weinten. Ganz besonders laut meine Oma. Ich verstand nicht, was es da zu weinen gibt. War das nicht ein Tag der Freude? Nein, war es nicht. Ich hatte einen Ziegelstein im Bauch und gab mich der kurzen Überlegung hin, dass ich auch "NEIN" sagen könnte. Aber dann, nachdem die Standesbeamtin ihre langweilig herunter geleierte Rede beendet hatte, fragte sie natürlich: Wollen Sie den hier anwesenden Herrn - na ja und so weiter. Ich sagte: Ja. Und ärgerte mich gleichzeitig, weil ich gern NEIN gesagt hätte. Danach mussten wir in ein Fotostudio und uns fotografieren lassen. Und später ins "Haus des Handwerks" zum Mittagessen. Mir war schlecht und mir gingen allerhand böse Gedanken durch den Kopf. Warum hast Du nicht NEIN gesagt? Dann zogen wir in die Wohnung meiner Eltern, die für die vielen Gäste viel zu klein war und brachten irgendwie den Nachmittag herum. Ich schaute mir die Geschenke an, die in erster Linie aus Haushaltsgegenständen für einen Haushalt, den wir nicht hatten, bestanden. Aber egal. Vielleicht ist mir deshalb nur noch der überdimensionale Pantoffel aus Holz im Gedächtnis geblieben, den jemand mit "Pantoffelheld" in Ritztechnik plus bunten Blumen verziert hatte. Er lag noch jahrelang in meinem Kleiderschrank und irgendwann, wir waren längst geschieden, warf ich ihn in eine Mülltonne. Weitere Rituale blieben uns erspart. Das weiße Kostüm und das bescheuerte Brautdiadem flogen gleich am Nachmittag in die Ecke und wurden gegen ein tragbares Kleid getauscht. Mir blieb dieses mulmige Gefühl im Magen. Und so konnte ich mich auch nicht auf das üppige Abendbüfett freuen, das meine Schwiegermutter aus dem Interhotel der Stadt "organisiert" hatte, in dem sie Küchenchefin war. Tausendmal an diesem Abend musste ich mir anhören, dass das ein Büfett wäre, wie es auch "Partei und Regierung" bei ihren Gelagen verspeisen. Es gab da allerlei Dinge, die ich noch nie gesehen hatte und auch nicht so schnell wieder sehen würde. Geschweige denn essen. Zum Beispiel stand da ein großes Brett, auf dem sich Forellen befanden, die aussahen, als ob sie noch lebten. Sie waren steif und gebogen und schauten genauso traurig wie ich. Ich hab an diesem Tag keinen Bissen herunterbekommen. Ich kann mich an kein einziges Gespräch erinnern, nur noch daran, dass mein frisch gebackener Ehemann das erste Mal mit mir in meinem Kinderzimmer übernachten durfte. Auf Liegen über Eck. Das nannte sich Hochzeitsnacht. Er schlief sofort ein.
 

Foto: Hochzeitsfoto: Rainer und Elisabeth König, geborene Pfeifer


05.02.2015

Ich bin ein Buddha.

Ich sitze. Und wo ich sitze, sitze ich. Ich steh nicht so schnell wieder auf. Der sitzende Zustand ist der meine. Sitzen und nachdenken. Sitzen und schreiben. Sitzen und sich unterhalten. Sitzen und lesen. Sitzen und essen. Im Sitzen kann man fast alles machen. Hab ich zu viel getrunken, schlafe ich auch im Sitzen, mit dem Kopf auf der Tastatur. (Ist schon lange nicht mehr vorgekommen, denn ich trinke ja (fast) keinen Alkohol (mehr)). Als ich in die 1. Klasse kam, hatte ich sofort zwei Lieblingsfächer, die das noch lange bleiben sollten. Sport und Zeichnen, wie Kunsterziehung damals hieß. Sport also: Ich habe unter dem Beifall der Mitschüler 50 Liegestütze gemacht, wenn es sein musste, auch noch mit jemandem auf dem Rücken. Ich kletterte wie ein kleiner Affe kratzige Seile nach oben und ich rannte – meinen Mitschülern davon – bis ich in eine Spezial-Sportklasse delegiert wurde. Damals empfand ich große Befriedigung bei anstrengendem „Kreistraining“ an jedem Nachmittag und die Wochenenden gehörten diversen Wettkämpfen. Ich schaffte es unter die ersten Zehn (Mädchen) im Ranking, das damals noch nicht so hieß, der 12jährigen 60-Meter-Sprinterinnen und stand damit sogar im damaligen „Sport-Echo“ der DDR. Unglücklich verliebt war ich auch. In Peter. Der das nicht einmal registrierte, in jedem Diktat eine Fünf schrieb, aber der Allerschnellste war, schneller als ich. Wir haben nie ein Wort miteinander gesprochen, obwohl wir in die gleiche Klasse gingen. Leider wuchs ich nicht mehr weiter, bei 1.60 war Schluss, so dass irgendwann langbeinige Gazellen mühelos an mir vorüberzogen. Ich sattelte auf 800 Meter um, später auf 3000. Jeden Abend nach dem Training schlich ich müde nach Hause und ging gleich ins Bett. Gottseidank machte ich die Schule irgendwie mit links. Trotzdem fragte meine Mutter eines Tages, ob das jetzt immer so weiter gehen wird. Ich dachte schon lange: Da gibt es doch noch was Anderes? Zum Beispiel – diese interessanten Jungen. Sie waren nicht unter den Sportlern, die richtig interessanten und irgendwie bösen Buben waren woanders. Im Park oder auf Kinderspielplätzen an der Tischtennisplatte oder auf den zentralen Plätzen der Stadt. – Kurzum, ich wollte nicht mehr so hart trainieren, gab noch ein kurzes Gastspiel in einem Ruderclub, um meine Sportlaufbahn dann mit 14 Jahren zu beenden. - Seitdem meide ich Sport in allen Varianten. Ich weiß nicht, wie man Sport mögen kann. Es ist so anstrengend! Ist der Mensch nicht sein Leben lang damit beschäftigt, sich das Leben leichter zu machen? All diese Erfindungen – Heizung, Waschmaschine, Auto, auch Fahrrad  - machen das Leben leichter. Warum soll ich in ein Fitnesscenter gehen und mich quälen? Diese Gedanken quälen mich gerade. Denn noch - bin ich ein Buddha.  Denken ist niemals anstrengend.


29.01.2015

German Angst und German Freude

Angst. Doppelgänger. Gesundheit. Schadenfreude. Oder Weltschmerz. Worte, die das Deutsche auf fremde Zungen exportierte. Interessant, dass man uns und unserer ansonsten nicht so beliebten Sprache ausgerechnet solche Worte "abkauft". Und nicht so etwas wie den Metallklorollenhalter. Oder die Straßenbahnhaltestelle. Wahrscheinlich zu lang. Zu bedeutungslos. Wir Deutsche sind die selbsternannten Bedeuter des Bedeuteten. Trotzdem Welt-Angsthasen. German Angst ist so cool. Wir sind romantische - Doppelgänger. Sorgen uns Tag und Nacht um unsere Gesundheit und haben gern mal eine Schadenfreude. Statt ausgelassener Freude bevorzugen wir -  Weltschmerz. Im Übrigen ist auch Zeitgeist typisch deutsch. Der ist ein ganz besonderer deutscher Geist. Temporärer Spiritus. Bruder des Weltschmerzes. Weltschmerz ist nichts anderes, als eine Haltung des Geistes. Bevorzugt des deutschen Geistes. Und während die Amerikaner sich bei uns das Fahrvergnügen leihen - aus dieser harten, deutschen Sprache - bauen wir fleißig weiter Autos. Und haben Angst, dass wir die Führung verlieren könnten - beim Schneller-Höher-Weiter des Autobaus. Der Dauerbrenner auf Partys ist es zu lamentieren. Kommt überall gut an, das beliebte Spiel der Erwachsenen: Ist es nicht schrecklich? Dieses, dieses, das und dies. Alles! Dieses Leben. Diese Verpflichtungen. Diese Arbeit. Miete. Sorgen. Nöte. Diese EU. Diese aufmüpfigen Ossis. Diese Frauen. Diese Männer. Diese Veganer. Diese Kinder. Dieses Bildungssystem. Diese Nachbarn. Diese... ich hol mal kurz meinen Duden und füge beliebig Wörter ein. Ok, ok - mach ich nicht. (Kleine Randbemerkung: Ich habe fünf Duden im Bücherregal, weil meine Mutter die offenbar im Sonderangebot günstig erstand und mir fünfmal hintereinander zum Geburtstag einen schenkte. War allerdings in den Neunzigern. Natürlich schau ich da jetzt nicht rein, es gibt ja duden.de). - Vom UNS zu mir: Auch ich bin mitnichten von elfenhafter Leichtigkeit. Weder körperlich und schon gar nicht geistig. Natürlich zermartere ich mir Tag und Nach das Hirn, was der Sinn dieses Leben sein könnte. Leider kann ich keinen abschließenden Bericht liefern. Was ich weiß: Es geht rasend schnell vorbei. Ich sollte jeden Tag beim Aufwachen kreischen vor Glück, weil ich noch so einen Tag geschenkt bekomme. Vielleicht noch ein Jahr. Oder ein Jahrzehnt. Je weiter ich davon entfernt war, mir diese Gedanken zu machen, desto intensiver badete ich in deutschem Weltschmerz. Die Welt braucht meinen Schmerz nicht, aber ich brauche die Welt, fällt mir da in Abwandlung eines mahnenden Spruches der frühen Ökobewegung ein. Adieu, Weltbetrachtung. Ciao, Weltschmerz. Ich geh jetzt zur Straßenbahnhaltestelle, um hernach einen Metallklorollenhalter zu kaufen. Leben geht immer weiter. Irgendwie. Ach, ich hab noch was vergessen: Wir sind höflich, wir Deutschen. Und pünktlich sind wir auch. Wir reden nicht so laut. In der Öffentlichkeit. Mit Ausnahme der Sachsen. Ein Vorurteil? Sachsen sprechen sächsisch. Und das ohne Hemmungen - überall. Ich liebe - wie alle anderen auch - meine Vorurteile. Sie strukturieren meine Wahrnehmung. Jeder hat sie. Ausnahmslos. Sehr lobenswert diejenigen, die sich dessen bewusst sind. Und ab und an den Versuch starten, vorurteilslos irgendeine Sache zu betrachten. Ich gebe zu, mir gelingt das nicht immer, aber immer öfter. Ich bin übrigens aus Sachsen. Und ich spreche leise.


12.01.2015

Das Ungenügen an mir (selbst) oder die neue wunderbare Kunst

Peter Sloterdijk schreibt in seinen Notizen 2008-2011, die er "Zeilen und Tage" nennt, über Jonathan Meese, der in einer Debatte - vermutlich einer Künstlerdebatte - junge Diskutanten mit der These begeisterte, dass die Kunst heute so wunderbar sei, weil man bei ihr endlich gar nichts mehr können müsse. Und - jeder charakterisiere seinen mentalen Status durch die Bedeutung, die er diesem Satz beilege. Ja, nun? Darf ich glücklich sein, ohne etwas zu können, meine Erzeugnisse dennoch Kunst nennen zu dürfen? Oder gehe ich in mich - wie immer - und frage: Ist es Kunst? Ist es Gebrauchskunst? Ist es gar schnödes Kunstgewerbe, was ich da drechsle. Ich drechsle ja kein Holz,  mische keine Farben, ich behaue keinen Stein, schreibe keine Noten und spiele auch nicht Klavier oder Geige. Ich schreibe Worte. Einfach Worte. Aneinanderreihen. Das kann schließlich jeder. Jeder hat in der Schule schreiben gelernt. Jeder kann sprechen. Also irgendwie mit Worten umgehen. Jeder kann es. Nur manche besser. Und während der Bildende Künstler endlich froh sein darf, dass er seine Kreation, die möglicherweise ohne ein Können entstand, einfach Kunst nennen darf, muss der Wortedrechsler vorsichtig sein. Es kann ihm zu sehr ins Schreibwerk geschaut werden - von all den Wortkönnern per se. Den Schreibern per Unterstufe. Oft frage ich mich: Darfst Du Dich Autorin oder Texterin nennen? Kannst Du es besser, als andere? Was ist es, was Dich unterscheidet, dass Du es zum Beruf machst? Ja, ich kämpfe mit mir. Kämpfe täglich mit dem Ungenügen an mir. Selten schreibe ich etwas, zu dem ich begeistert sage: Ja! Das ist Dir gelungen! Das ist super! Selten klopfe ich mir auf die Schulter und rufe: Phantastisch! Das wird den Anderen gefallen. Denn die Anderen sind es ja, für die wir schreiben, malen, musizieren oder was diese freie Kunst heutzutage noch so alles kann. Ich glaube daran, dass manche mehr Talent haben, als andere. Ich glaube daran, dass das, was in der Kunst bleibt, mit Können zu tun hat. Das Bleiben ist es. Ein überhitzter Kunstmarkt, ein verschwatztes Feuilleton kann für eine gewisse Zeit seine Lieblinge hochschreiben, wie man das heute nennt. Aber bleiben sie? Selbst unsere Nationalheiligen Goethe und Schiller werden es schwer haben, die neuen Zeiten zu überstehen. Man wird sie weiter loben und für ewig bedeutend erklären. Aber werden sie gelesen? Freiwillig? Wenn ich mir die heutige Jugend ansehe, liest die lieber im Handy, als in den Folianten der Bibliotheken oder der elterlichen Bücherregale. Wir befinden uns mitten in einer Zeitenwende von beispiellosem Ausmaß. Alles wird auf den Prüfstand gelegt. Egal, ob die Hersteller es per definitionem "konnten" oder nicht. Kunst ist am Ende das, was bleibt. Und dieses Bleibende kann auch wieder verschwinden. Wie wir alle. Wie unsere Gewissheiten und Vorstellungen von uns und von der Welt. Ich bleibe demütig.


30.12.2014

 MülltonneWoran man im Alter hängt

 Ja, in dem Alter bin ich schon. Ich denke darüber nach, wie das so weitergeht mit dem Alter, mit dem Altwerden. Und auch darüber, was ich loslassen werde und muss. Und woran ich hänge. Der Mann im Haus gegenüber - ich nenne ihn Hausmeister Krause - steht jeden Tag im Blaumann vor der Tür und wartet auf die BSR - die Berliner Stadtreinigung. Hausmeister Krause bewacht seine Tonnen und überlässt sie den jungen kräftigen Kerlen von der Stadtreinigung nur für kurze Zeit. Unruhig und beinahe streitlustig hält er an den Tonnen fest und läuft mit zum Auto, in das die Entleerung stattfindet. Dann kommt sein Part. Er schiebt die Tonnen zurück in den Hof. Hausmeister Krause ist ungefähr 90. Groß und dünn. Und er raucht. Steht vor dem Haus, raucht und wartet auf seine Freunde von der Stadtreinigung. Er hat einen Blaumann an. Er arbeitet. Mit den Tonnen. Er hat eine Aufgabe. Einmal nachts stand ein Rettungswagen vor der Tür. Die Sanitäter wollten Hausmeister Krause retten. Offensichtlich hatte jemand angerufen, dass es ihm schlecht ginge. Ich stand aufgeregt auf dem Balkon und rauchte. Wird das seine letzte Fahrt? Aber nein! Mit Todesverachtung machte er sich von den Rettungssanitätern los und stieg selbständig in das Rettungsfahrzeug. Und kam am nächsten Tag wieder nach Hause. Zu seinen Tonnen. Zu seiner Arbeit, die ihn am Leben hält. Das ist ein Jahr her. Und Hausmeister Krause hält weiter Tag für Tag an seinen Tonnen fest. Seine Tonne Leben! Ich liebe es, ihm zuzuschauen und lerne von ihm: Solange Du eine Aufgabe hast, ist es noch nicht vorbei.

 

 Foto: Die Mülltonnen meiner Umgebung 2015 - Berlin-Charlottenburg


22.12.2014

Weihnachten in Familie

Den Weihnachtsmann hab ich nie gesehen. Ich hörte ihn immer nur klopfen. Vermutlich klopfte mein Vater heftig an die Küchentür, scharrte mit den Füßen und dann ging er. Der Weihnachtsmann. So sollte ich glauben. Ich aber machte mir Gedanken, wie er hineinkommen ist. Nur kurz. Denn jetzt kam die Bescherung! Für die wir unsere Sonntagssachen anzogen. Ja, in meiner Kindheit gab es diese besondere Kleidung, die den Sonntagen vorbehalten blieb. Ich vertrieb mir den ellenlangen Heiligabend-Tag meist mit Fernsehen. Es gab die extralange Sendung mit Meister Nadelöhr, dem Briefträger und dem Schneemann. Sie unterhielten sich meist über irgend etwas, was ich nicht so gern sah. Aber Filme. Es gab vorzugweise Trickfilme. Am liebsten sah ich Zeichentrickfilme. Die waren am seltensten. Weniger gern Puppentrickfilme, die waren mir zu langsam. Noch weniger gern Scherenschnittfilme, die waren mir zu schwarz-weiß und oft auch irgendwie gruselig. Dennoch freute ich mich jedes Jahr auf diesen langen Nachmittag in der "Schneiderstube". So viel Zeichentrick war sonst das ganze Jahr nicht. Gegen 17.00 Uhr beendete meine Mutter diese Weihnachtsvorfreude mit dem Ruf: Bescherung! Dann legte sie noch schnell die Schallplatte mit dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf und wir durften "rein" - ins "Arbeitszimmer", dort fand die Bescherung statt. Geschenke, an die ich mich erinnere, waren ein Puppenhaus mit Beleuchtung und Möbeln. Und natürlich Puppen. Ein Kaufmannsladen mit Kasse und kleinen Waschmittelpaketen. Immer wieder viele Kinderbücher und - zu dieser Zeit nicht so beliebt - Pullover, Hosen, Kleider oder Schals und Mützen. Das schönste Geschenk meiner Kinderzeit waren ungefähr fünfzehn (alte) Puppen, für die meine Oma neue Kleidung genäht hatte. Kleider, Röcke, Blusen, Mäntel, Mützchen und Unterwäsche. Sie saßen alle nebeneinander auf dem Schrank und warteten auf mich. Unvergesslich schön! - Später wollte ich selbst Kleider, Röcke, Mäntel, Mützen und Unterwäsche. Und Bücher, Bücher, Bücher. Lesen war schon als Kind meine Lieblingsbeschäftigung und ist es bis heute geblieben. Was wir am Heiligabend gegessen haben, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall setzte sich mein Vater immer schnell in die Küche ab und saß vor dem Ofen und beobachtete die Gans und später die Pute mit siebenerlei Fleisch, von dem zu Schwärmen meine Mutter nicht müde wurde. Die gab es aber erst am nächsten Tag. Mir hat die Pute nie so geschmeckt. Und als ich erwachsen war, wechselte ich wieder zu Gans oder Ente. Tradition ist es bis heute, dass sich die ganze Familie zu Weihnachten - entweder bei mir oder meiner Schwester - trifft. Oft kommen noch Freunde hinzu und Freunde der Kinder. So ist es schon passiert, dass wir um die fünfzig Weihnachtsfeierer waren. In diesem Jahr sind wir voraussichtlich 14 Menschen, die sich zur Heiligen Nacht versammeln. Gestritten haben wir nie - obwohl wir eine sehr diskussionsfreudige Familie sind. Einmal - das war noch in Leipzig - brachte meine Mutter ihren neuen Mann mit. Peter und ich schauten in der Küche in die Röhre nach der Gans und sie fiel heraus - aus dem Ofen auf den Teppich. Wir hatten ein paar Tage vorher die komische Idee, in der Küche einen Teppich auszulegen. Den konnten wir nach diesem Fettsturz entsorgen. Der Neue war total verblüfft, dass wir alle nur lachten. In seiner Familie wäre so etwas der Beginn eines schrecklichen Abends gewesen. Außer, dass ein Schwibbogen abbrannte, kann ich mich an nichts Schreckliches erinnern. Und denke gern an all die Weihnachtsfeste und auch an die, die nicht mehr unter uns sind. Ich hoffe, dass auch 2014 ein Fest meiner Familie wird.


14.12.2014

Möhren, Gänsebraten oder Sex?

Veganer, Vegetarier, Frutarier, Flexitarier, Vollwertköstler, Blutgruppendiätler, Ayurveda-Genießer. Essensregler und -beschränker. Zutaten- und Kalorienampelstudierer. Bio- und Waagenfetischisten. Wir sind mittendrin - in der Überflussgesellschaft, in der Nahrungsmittel wie Porno sind! Und Porno wie Nahrungsmittel. Ich las letzte Woche einen der vielen Artikel, in dem es - auch - um Essen als neue Religion ging. Ich las, dass es in der menschlichen Gesellschaft schon immer so gewesen sei, dass entweder das Essen oder eben der Sex tabuisiert werden. Wenn das stimmt, dass nunmehr wieder das Essen im Tabubereich angekommen ist, müsste Sex sich in die Gefilde der völligen Enthemmung bewegen. Eine Tendenz, die nicht zu leugnen ist. Die menschliche Sexualität wird jedes Geheimnisses beraubt. Es gibt Sexualkunde-Lehrpläne für Schüler im vorpubertären Alter, für deren Inhalte ich unter den Tisch kriechen möchte. Vor Scham und auch Empörung. Und ich sehe auf der Facebook-Startseite der "LAG Queer - Die Linke. Sachsen", ein Foto, vermutlich von einer Demo, das mich tatsächlich leicht "aus den Latschen kippt". "Porno statt Adorno" - naja, ist noch ganz lustig, aber es geht weiter: "Sperma im Haar statt Kuchenbasar", "Rudelfick statt Physik", "Muschi, Pimmel, Regenbogen - So wird ein Kind erzogen" - das also und noch mehr sind die Forderungen dieser Gruppierung, die sich auch die Abschaffung des Zweigeschlechtermodells in der Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben hat. Auf Regenbogenfahnen, die dieses unwirkliche Szenario umwehen. - Nun, ich weiß nicht, was derart "Enthemmte" so essen. Gemäß ihrem Motto: "Bei uns kannst Du sein, wie Du bist!" (vorn im Bild auf einem Groß-Plakat) dann doch ALLES, oder? Tja, nun denke ich angestrengt darüber nach, wie die sexuellen Vorlieben, Hemmnisse oder Enthemmungen der Essensreligiösen sein mögen? Wenn ich tagtäglich Gebote und Verbote einhalten muss und ständig mit dem Essen und dem darüber Nachdenken beschäftigt bin... ich weiß es nicht. Ich muss wohl private Feldstudien anstellen. Und dann soll das alles ja auch noch Politik sein. Cui bono? Wem nützt es? Ich habe keine Antwort. Erst einmal freu ich mich auf den Gänsebraten.


10.12.2014

Ich gendere Dir - was?

Mörder, Mörderinnen und Mördx. Diebe, Diebinnen und Diebx. Scharfrichter, Scharfrichterinnen und Scharfrichtx. Peiniger, Peinigerinnen und Peinigx. Kannibalen, Kannibalinnen und Kannibalx. Kinderschänder, Kinderschänderinnen und Kinderschändx. Bonzen, Bonzinnen und Bonzx. Sorry, mein Rechtschreibprogramm streikt. Meine Rechtschreibprogrammin hat sich noch nicht zu WortIn gemeldet und ich bin Wortx. Guten Abend, Freunde, Freundinnen und Freundx. Schön, dass das x endlich zu Ehren kommt. Ein(e)(r)(x) zu Unrecht bisher stiefmütterlich/väterlich/x behandelte(r)(x) Buchstabe/stabin/stabx
Hehe, schreit da der Unterstrich - und ich? Und das Sternchen lächelt verführerisch: Nimm mich! - Danke, Ihr Lieben, ich will weiter schreiben - können.


08.12.2014

Der diskrete Charme der Jahresendflügelpuppe

Habt Ihr in der DDR überhaupt Advent gefeiert? Fragt mich meine Freundin, für die die DDR ein fernes unbekanntes Land ist. In einem Land, in dem Religion "Opium fürs Volk" sein sollte, keine unberechtigte Frage. Dieses Opium wurde nicht gern verteilt. Meine Frohe Botschaft lautet dennoch: Es gab Weihnachten. Es gab den Advent. Natürlich sprach man seltener von Jesu Christi Geburt. Auch das Wort Christkind tauchte in offiziellen Verlautbarungen nicht auf. Es sei denn, man ging in die Kirche. Ja, es gab Menschen, die gingen an Weihnachten in die Kirche. Sich das Krippenspiel anschauen. Auch Engel gab es in der DDR. Und damit meine ich die figürlichen Darstellungen, denen man unterstellt, "Jahresendflügelpuppe" oder "Jahresendflügelfigur" geheißen zu haben. Noch steht der Beweis dafür aus. Das Gerücht in Bezug auf diese politisch-motivierte sprachliche Entgleisung hält sich aber hartnäckig. - Ich habe Engel gekauft. Aber sie hießen - Engel. Wir wussten, was ein Engel ist. Klar gab es Sprachverordnungen. Wie es sie heute auch gibt. Es gab Tabu-Wörter, wie es sie heute auch gibt. Zunehmend stelle ich fest, wie sehr die Sprachzwänge in den Gefilden der heutigen "Freiheit" denen der Sozialismus-Aufbauer ähneln. Der Wahn, missliebige soziale Umstände mit Worten zu kurieren, treibt lächerliche und auch ärgerliche Blüten und Auswüchse. Folgt mir "Zurück in die Zukunft": Ja, wir hatten eine eigene DDR-Sprache, eigene Wortschöpfungen vom Akten-Dully bis zum Weich-Container, wobei dieser - es sollte ein Sack sein - wahrscheinlich auch ins Reich der Legenden gehört. Wir hatten das labberige Malimo - ein Stoffgewirk, erfunden von Heinrich Mauersberger aus Limbach-Oberfrohna im Erzgebirge - wir hatten Broiler, Dispatcher und den Klassenfeind. Wir hatten Wandzeitungen, das "Abkindern" eines Ehekredites und die Bück-Ware unter den Ladentischen. Die Liste der DDR-Wort-Eigenarten ist lang. - Zurück in den Advent. Zurück zur Jahresendflügelpuppe. Erklärt wird deren angeblich verordnete Existenz mit der Religionsfeindlichkeit des DDR-Systems. Die war zweifelsohne vorhanden. Trotzdem gab es Kirchen und Pastoren. Gab es Gemeinden. Gab es ein Theologiestudium an den Universitäten. Auch wurde Weihnachten nicht abgeschafft, wie beispielsweise in der Sowjetunion. Die strich kurzerhand den Heiligen Abend - der ohnehin wegen der Kalenderverschiebungen erst im Januar war - und ließ stattdessen das Jolka(Tannenbaum)-Fest an Sylvester feiern. Mit Väterchen Frost und Snegurotschka - dem Schneemädchen, ein Engelersatz.  Väterchen Frost - ein Ersatzweihnachtsmann. Wir aber behielten den richtigen Weihnachtsmann -  alter ego des Christkindes. Und behielten den Heiligen Abend, den man getrost so nennen durfte,  auch den 1. und 2. Weihnachtsfeiertag mit Gänsebraten, Geschenken und Verwandtschaft. Davor  Advent, Adventskränze und vier Kerzen darauf. Klar, es wurde kaum darüber gesprochen, was das Weihnachtsfest bedeutet, aber verboten war es nicht. Klar, Engel waren nicht unbedingt die Favoriten am Weihnachtsabend. Aber verboten waren sie nicht. Und der Begriff Jahresendflügelpuppe wäre zwar irgendwie passend gewesen - so als DDR-Ersatzsprache - wie heutzutage ein Winter- oder Lichterfest statt eines Weihnachtsmarktes. Aber ich verweise diese Wortschöpfung ins Reich der Legende. Ich habe das in meiner DDR-Lebenszeit niemals gehört. Meine Mutter übrigens - die große Kommunistin - legte am 24. Dezemberabend zu Beginn der "Bescherung" stets die Schallplatte mit dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf und dirigierte eigenhändig "Jauchzet, frohlocket..."  ich seh' sie heute noch vor mir. Und weiß - dass das Heilige nicht verbietbar oder ausrottbar ist, dass es sich immer wieder durchsetzt. Menschen brauchen das Heilige neben dem Profanen. Zu Weihnachten ganz besonders.


30.11.2014

Als mir Helmut Schmidt seinen Mantel zuwarf...

war ich Garderobiere - im  Hotel "Merkur" in Leipzig. Es hatte schon seinen Grund, dass dieses Devisenhotel in den Achtzigern "Merkur" hieß. Die Japaner hatten es gebaut. Trutzig, mit für meinen Geschmack viel zu kleinen Fenstern, erhob es sich in der Nähe des Hauptbahnhofes und weckte die Sehnsüchte der Leipziger. Als Peter und ich beschlossen, die DDR zu verlassen, löste er die Band auf. Ich überlegte, wie ich am besten Geld verdienen könnte. Und zwar viel, um eine fünfköpfige Familie allein über einen längeren Zeitraum zu ernähren. Die "Bearbeitung" eines Ausreiseantrags konnte Jahre dauern. Ich bewarb mich im Hotel "Merkur" für den Dienst an der Garderobe. Von einem Insider hatte ich gehört, dass es dort viel Trinkgeld geben sollte. Außerdem dachte ich, wenn wir den Ausreiseantrag stellen, würde ich DIESEN Job nicht verlieren. Es gab nur noch einen "darunter". Das war der Klofrauen-Job. Und da - hieß es - sollte es noch mehr Kohle geben. Also nur zu. Ich arbeitete im Vier-Schicht-System und stand an allen Garderoben des Hotels. Es war eine andere Welt. Die Welt des Geldes. Schnell war ich Bestandteil dieser Welt. Geldscheffeln, was das Zeug hält! Am besten Westgeld. Das wir offiziell abgeben mussten. Es wurde uns nicht weggenommen, sondern in sogenannte Forum-Schecks für die staatlichen Intershop-Läden zwangsumgetauscht. All unser Bestreben hieß: Trinkgeld. Trinkgeld. Trinkgeld. Noch heute gebe ich reichlich Trinkgeld, weil ich weiß, wie es ist, auf der "anderen Seite" zu stehen. Wir Garderobenfrauen waren in der Hotel-Hierarchie ganz hinten. Doch lachten wir darüber. Wir wussten: Wir verdienen mehr, als all die Büroangestellten, mehr, als die an der Rezeption, mehr, als die Kellner, vielleicht sogar mehr, als der Hoteldirektor. An uns kam kaum einer vorbei, neben dem Mäntel-Aufhängen verkauften wir die begehrten Karten für die Nachtbar, Zigaretten, Zigarren, Schokolade und allerlei anderen Kram. Wir konnten das Gekaufte sogar in Plastiktüten (DDR-Sprache: Plastetüten) stecken, die mit einem Hotellogo bedruckt waren. Was zumindest die Ostler super fanden. Wir kassierten West- oder Ostgeld - und Trinkgeld. Wir hatten unsere Systeme, wie wir Westgeld nicht abgaben, sondern - trotz Taschenkontrollen - unbemerkt aus dem Hotel schafften. Es war eine Herausforderung. Das ständige Ans-Geld-Denken veränderte mein Bewusstsein erheblich. Ich wurde Bestandteil einer verschworenen Gemeinschaft von West-Geld-Abzockern, bis ich die Notbremse zog. 1987 kündigte ich den Job. Peter gründete eine neue Band und übernahm wieder das Geldverdienen. Heute denke ich, das war der Job in meinem Leben, bei dem ich am meisten lernte. Zum Beispiel über Geld, Macht und Betrug an den eigenen Idealen. Ideale, die bisweilen fragwürdig waren. Zum Beispiel, dass Geld per se schlecht ist. Natürlich war und ist Geld in allen Systemen eine Energie mit enorm prägenden Effekten. Es macht sogar glücklich. Je nachdem, wie viel man hat, muss man sich zu dieser Energie verhalten. Was ich noch lernte? Dass es in der DDR Hotelprostitution gab, an der der DDR-Staat ganz unverhohlen mit verdiente. Wie überhaupt die DDR als Staat sich mit dieser Art Hotellerie in vielerlei Hinsicht prostituierte. Ich lernte, wie man das System austricksen konnte. Und erlebte die Angst, aber auch den Kick dabei. Ich lernte auch, dass frau für richtig viel Trinkgeld besser blond sein musste. Und ich lernte täglich, wie es ist, in einer (Hotel)Uniform nicht als Individuum wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel, als mir Helmut Schmidt - wie fast alle anderen auch - achtlos seinen Mantel hinwarf... ich wiederum staunte, dass Herr Schmidt gar nicht so groß war, wie ich bis zu diesem Tag dachte. Ich meine natürlich - in Zentimetern.

Foto: Ich mit blonden Haaren an der Garderobe des Hotels "Merkur", Leipzig 1986


26.11.2014

Die Dauerwelle meines Lebens

 Achtziger. Wer sich an die Achtziger erinnert, hat sie nicht erlebt. Ich las das in den Neunzigern auf großen weißen Fahnen, die für das Falco-Musical im Theater des Westens in Berlin warben. Ich dachte: Häh! Was muss ich jetzt dabei denken? Versteh ich nicht! Ich fuhr Tag für Tag dort vorbei und irgendwann machte es "Klick": Ach, das war ein Jahrzehnt, in dem andere sich so zugedröhnt haben und das volle Leben lebten, während ich mit drei Kindern in einer Riesenwohnung in Leipzig saß und auf meinen Mann wartete, der mal kam und mal nicht. Er war kein treuer Mann. Damals hab ich mich verzehrt nach seiner Liebe und dachte, ich könne ohne ihn nicht sein. Wie dumm von mir. Aber nicht mehr zu ändern - all die durchwachten Nächte, all die sinnlos geleerten Rotweinflaschen. Und nicht nur die. Auch rumänischer Weinbrand und irgendein saurer osteuropäischer Sekt verbitterten mir die Tage des Verrats an unserer überirdisch großen Liebe. Du musst etwas tun! Du musst etwas tun. Ich schrieb Tagebücher, die heute verschollen sind. Legte mir Liebhaber zu und begann zu fotografieren. Töpfern wollte ich lernen. Ich studierte Psychologie und ging zu allen Performances, die die Leipziger Subkultur zu bieten hatte. Ins Kino und auch mal ins ungeliebte Theater, wenn Freunde von mir mitspielten. Freunde überhaupt. Ich hatte einen übergroßen Freundeskreis und er wurde immer unüberschaubarer. Wir hatten ein "offenes" Haus. Heute würde ich sagen: Ich war eine Salondame. Nur dass der Salon eine düstere Wohnküche war und die Dame eine wild gewordene Hausfrau mit Halbbildung, aber ausbaufähig. Ich konnte über alles reden. Das fiel mir noch nie schwer. Und so redete ich über alles und mit allen, die da kamen. Und sie kamen reichlich. Zuerst wollten sie immer meinen Mann, den berühmten Rockstar, besuchen. Beim zweiten Mal schon - kamen sie zu mir. Und so scharte ich einen Kreis aus Künstlern und Intellektuellen um mich, den mein Mann in seinen späteren Memoiren die abendlichen Besucher "unserer Kulturküche" nannte. Es verging kein Abend, an dem wir nicht mit Freunden ausgingen oder zusammensaßen. Dazwischen wuselten unsere drei Kinder und aus heutiger Sicht haben wir uns ganz sicher zu wenig um sie gekümmert. Auch das kann ich nicht mehr ändern, so traurig es mich manchmal macht. Dennoch: Es war eine wilde Zeit, wenn ich es mit meinem heutigen Leben vergleiche. Eine wilde Zeit, die ich als brav empfand, weil ich glaubte, dass die - dort drüben - noch viel wildere Zeiten erleben. Deshalb wollte ich dorthin. Und das setzte ich auch durch. Wir verließen dieses bunte Leben in der grauen DDR, um in das gelobte Land zu gelangen, in dem dann alles ganz anders wurde, als gedacht, erträumt, befürchtet. Das Ende der Achtziger war das Ende einer Ära. Für mich. Für uns. Für die ganze Welt. Ach so, die Dauerwelle? Die einzige Dauerwelle meines Lebens hatte ich natürlich in den Achtzigern.

Foto: Ich - Leipzig 1984


23.11.2014

Du hast die Haare schön - Haariges zum Sonntag

 "Herren-Bärte sind nicht nur sexy sondern auch modern. Der Trend geht wieder zu mehr Haar am Männerkörper und damit sind auch Herren- Bärte wieder gefragt. Und eines steht außer Frage, Herren-Bärte wirken erotisch auf die meisten Frauen." - lese ich in der Zeitschrift "Men's Health". - Aha. Der "gepflegte Drei-Tage-Bart" ist Nummer 1 der Damen-Hitliste. Bart ist allerdings beim Küssen nicht so beliebt. Muss ich nicht erklären, warum. Es gibt auch die Masochistinnen, die es so richtig haarig-hart mögen. Neun Prozent. Was Frauen gar nicht mögen, sind "ausgefallene" Bärte. Vor allem das, was sich auf der männlichen Oberlippe tummelt. Und Ziegenbärtchen. Klingt ja auch blöd. So blöd wie Rotzbremse. Immerhin zwei Prozent glauben oder wissen, dass diese Kreationen ihr Herz höher schlagen lassen. Total Glattrasierte mögen zwanzig Prozent. Soweit so Bart. Damenbart kann sich nur Conchita Wurst leisten. Die anderen zupfen. Mit zunehmendem Alter kann das zur Manie werden. Frau hat mindestens eine Pinzette, denn ein kleidsamer Conchita-Wurst-Bart wird das niemals werden. Nur spärliche harte Haare. Früher hießen die Hexenhaare. Und damit waren keine verführerischen Conchita-Wurst-Hexen gemeint. Sondern böse alte Zeig-Mir-Deinen-Finger-Hänsel-Hexen. Fakt ist,  der Bart ist ein sekundäres Geschlechtsmerkmal - für Männer. Rasieren sie ihn glatt weg, ist es eine Modererscheinung oder - Hygiene. Hygiene, wenn sie Nudeln und andere Lebensreste darin nicht beherrschen. In meiner Jugendzeit war ein langer Jesus- oder Hippiebart total "in", anti und revolutionär nach einer sehr langen glatten Zeit. War Affront gegen die Spießer-Eltern. Dann verschwand er, wurde in den Achtzigern zum Teilrelikt, in den Neunzigern zur Strichcode-Botschaft und in den Nullern irgendwie egal. Jetzt also wieder Bart. Jetzt auch Damenbart im Abendkleid. Begeisterte Anhänger und selbstverständlich auch Anhängerinnen im Bart-Vollrausch. Weitere politisch korrekte Möglichkeiten spare ich mir mit einem beherzten Anhängx. Ich schwinge derweil wie besessen die Pinzette. Für jedes erwischte Haar ein triumphierendes "Ja"! Spaß? Ja! - macht es. Haare überhaupt. Hauptsache Haar. Ich stelle fest:  Haar als Hauptsache oder Haupthaar ist ungerecht verteilt.  Während die Geschlechter angeblich in Auflösung sind, löse ich das Haarproblem. Lass es einfach fallen. Bart ab. Pferdeschwanz hoch. Hoch lebe die Vielfalt der Einfalt. Ich lege mir "Hair" ein und singe lauthals "Aquarius" mit. Junges schönes langes Haar. Zu allen Zeiten der Ausdruck von Sexualität und - Macht. Warum rasierte man früher Rekruten, Strafgefangene oder Frauen, die zum Schafott gefahren wurden? Verordnete verheirateten Frauen - die Haube? Trugen orthodoxe jüdische Frauen auf ihren kahlgeschorenen Köpfen Perücken? Tragen Muslimas Kopftücher auf ihrer wundervollen lockigen Haarpracht? Der Ausdrucks-Kampf mit Haaren und  Macht geht ungebrochen weiter. Die Machtlosen in der westlichen Konsumwelt merken es nicht und machen begeistert mit. Rasieren sich selbst. Am besten - überall. Außer auf dem Kopf. - Dabei sind die im Moment nicht so beliebten Kopftücher eine praktische Sache: Für Bad-Hair-Days - wie das heute heißt. Grace Kelly oder Audrey Hepburn trugen sie auch - und dazu die Sonnenbrille - für die Bad-Hair-and-Bad-Eyes-Days.

Foto: Robert Gläser


17.11.2014

Seichtes Wagnis Waage

"Ich möchte seicht sein". Hab ich bei Elfriede Jelinek geklaut. Ist also ein geadeltes Bonmot. Natürlich ist sie niemals seicht. Es verträgt sich nicht mit ihrem Nobel-Ruf. Ich aber kann so seicht sein, wie mir meist ist. Und mich sogar mit einer Waage unterhalten. Oder mit mir selbst reden - über all das Frauengedöns. Mit mir selbst SEIN - natürlich im Unreinen. Ich frag mich zum Beispiel: Warum bin ich nicht längst vegan? Wie alle. Sollte ich Yoga zelebrieren? Wie alle? Warum jogge ich nicht? Schwitze nicht in eisernen Fitness-Greifarmen? Warum bin ich keine "Nichtesserin"? Sich als eine solche auszugeben, empfahl einst die Zeitschrift "Brigitte" ihren Leserinnen für abendliche Einladungen. Keine Nicht-Trinkerin. Keine Nicht-Raucherin. Reden ist noch nicht ganz verboten. Schreiben auch nicht. Also schreibrede ich. JETZT. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Ein seichter Anflug - auf die Waage: "Schau mal, hier stehe ich. Vor deinem Angesicht. Und will tapferen Blickes deinen Ausschlag ertragen. Ihn geradezu studieren! Mir Gedanken machen. Ja, ich muss. Muss ich? Soll ich es wagen? Wag ich es? Oder wag ich es nicht? Schau ich dir in die Augen? Betrete ich dein Refugium? Da stehst Du. Höhnisch. Unbestechlich wie Elfriede Jelinek. Und ich? Schlug wieder all die guten Ratschläge in den Wind. Ich hab mich einfach nicht im Griff. Oft weiß ich nicht, was ich tu'. Dir aber ist nichts so fremd wie – Vergebung. ABTRETEN! – Büßen!  - Ich heb' ein Bein. Könnte dieser Tisch mir eine Stütze sein, damit du nicht merkst, wie sehr ich meinen Todfeinden zugetan war? Fett. Zucker. Alkohol. ICH. RUF. DICH. AN. WIEGE. MICH! Verzeih, dass ich all die Erzeuger ungeliebten Fett-Gewebes in mich hineinstopfte. Im Übermaß natürlich. Vielleicht mach’ ich es wie die drei Affen. Die aus Indien. Schließe die Augen. Mund zu und nur ganz leicht die Oberlippe spitzen. Ohren? Egal. Du sprichst nicht. Gottseidank. Es gibt ja andere, die mit perfider Stimme mahnen: Sie haben seit Ihrem letzten Auftritt 678 Gramm zugenommen! Du nicht. Du sprichst nicht. Ich blinzele. Vielleicht bist du ja doch ...milde... Bist du nicht. Das Urteil ist gefällt: Ich war zügellos. Nun hab ich‘s. Nicht erleichtert, geprüft und für schlecht befunden. ICH HASSE DICH. WIE DU MICH. Vielleicht schaff’ ich dich ab. Du gehörst auf den Fischmarkt, widerliches Miststück, Du! Seelenlose Zahlenfetischistin! Ich mach mich nicht von Zahlenmystik abhängig! Ich doch nicht! (Haben herrschsüchtige Männer konstruiert, flüstert Elfriede) - Ich pack dich und schmeiß dich aus dem Fenster." So. - Eine Woche später kaufe ich mir eine neue. Mit Körperfettanzeige. Und der sexy Stimme von Elfriede Jelinek.


11.11.2014

Schwarze Kniestrümpfe, Silastik-Rollkragenpullover, hellblaue Jeans - und dazu verliebt

Es war nicht alles schlecht. Die "Prinzen" haben es gesungen. Und sie meinten - damals in der DDR. Ja stimmt, wir hatten uns irgendwie alle lieb. Was kein Wunder ist, wenn man gemeinsam nach allen Richtungen an seine Grenzen stößt. Aber darüber dachten wir nicht Tag und Nacht nach. Wir hatten andere Probleme. Zum Beispiel Klamotten. Es war ein Graus, was da so hing, in den Läden der staatlichen Handelsorganisation (HO) oder des genossenschaftlichen KONSUMs, den wir auf der ersten Silbe betonten. Wir waren jung und mit unserer Selbstdarstellung beschäftigt. Es gab die mit der Westverwandtschaft. Die brauchten nur bestellen. Dann kamen die Pakete. Sie waren die Glücklichen und die Totschicken. Sie gaben den Ton an und wir - nicht mit Westverwandten Gesegneten - hechelten hinterher. Gut hatten es auch die mit Omas, die schneidern konnten. Oder die, die selbst nähten, falls sie eine Nähmaschine hatten. Auch Nähmaschinen gab's nicht einfach so. Ich erinnere mich, dass ich in der Beatles-Hochphase - ja, wir haben das mitbekommen - unbedingt schwarze Kniestrümpfe wollte. Es gab aber nur bunte - ganz scheußlich - oder für sonntags die Weißen. Die habe ich schwarz gefärbt. Dann wurden lange weiße Strümpfe Mode. Die Nachbarstocher, immer in Westklamotten, trug sie. Woher weiße Strümpfe nehmen? Ich kaufte mir OP-Strümpfe in einem Reform-Sanitäts-Laden. Später färbte ich Strümpfe rot. Und lief wie ein Storch herum. Dazu ein weißer minikurzer Trenchcoat, ich weiß nicht mehr, wo der her war, und eine weiße Baskenmütze, aus der vorn nur eine einzige Locke lugte. Ich trug Lederschlipse von meinem Vater. Schlaghosen, die wir aus engen Hosen schneiderten, indem wir sie an der Seite aufschnitten und ein anderes Stück Stoff einsetzten. Und einen dunkelblauen Silastik-Rollkragenpullover, den meine Oma aus dem Westen mitgebracht hatte. Von diesem Silastik-Rollkragenpullover, ja so hieß das damals, war ich so fasziniert, dass ich ihn nicht mehr ausziehen wollte. Auch nicht, als ich mit meinem ersten Freund bei 35 Grad im Schatten spazieren ging. Ich schwitzte mich halbtot. War aber unfassbar begeistert von dieser Kunstfaser: Ein Pullover - so dünn, wie ein Paar Strümpfe! Mit Rollkragen. Herrlich! Das war Westen! - Irgendwann machten die Exquisit-Läden auf, in denen alles fünfmal teurer war. Ein Kleid für ein mittleres Monatsgehalt. Und ein Paar Stiefel für 365.- Ost-Mark. Soviel verdiente eine Buchhändlerin im Monat. Ich weiß das, weil ich später als Buchhändlerin gearbeitet habe. Als ich diese Stiefel sah, ich war 16, hab ich drei Wochen in den Ferien dafür geschuftet, um sie mir kaufen zu können. Dazu ein karminroter Mantel, den eine Schneiderin nach meinen Wünschen genäht hatte. Tailliert und mit Pelerine. Ich kam mir vor, als sei ich der Modezeitschrift "Sibylle" entstiegen, die in der DDR die Nummer Eins neben der "Pramo" (Pra-ktische Mo-de und langweilig) war. Sechsmal im Jahr erschien sie und ihre wunderschönen Models, die  noch Mannequins hießen, erweckten unseren Neid. Sie trugen Klamotten, die es nirgendwo zu kaufen gab. Ich erinnere mich an meinen ersten Hosenanzug, auch von einer Schneiderin genäht, aus Pepitastoff. Das Foto dazu hatte ich aus der "Sibylle" ausgeschnitten und in die Schneiderei getragen. So einen will ich! Meine entnervte Mutter bezahlte das. Weil sie mich wenigstens in dieser Beziehung verstehen konnte. Stundenlang phantasierte ich gemeinsam mit meiner besten Freundin auf einer Parkbank, was wir zur bevorstehenden Jugendweihe anziehen würden. Wir waren vierzehn und gertenschlank. Wir hätten alles tragen können. Am Ende trugen wir, was da war. Ich ein rosa Kostüm mit dunkelblauer Bluse. Aus dem "Exquisit". Sah fast aus wie von Jacky Kennedy. Immerhin. Die erste Jeans borgte ich mir von meinem Freund, sie war hellblau und ich fühlte mich, als sei ich von der anderen Seite der Grenze mal kurz rüber gehüpft. Jeans überhaupt. Die waren keine Hosen. Die waren eine Lebenseinstellung. Die mit einer Hose demonstrierte Vorstellung eines Traums. Und sind es bis zum Ende der DDR geblieben. Heute sehe ich mir meine Enkelin Anna an. Sie ist genauso verrückt nach Klamotten, wie ich es damals war. Mit großen Glubschaugen überredet sie mich zu stetem Kauf - genauso, wie ich damals meine Mutter überredete. Natürlich ist die Auswahl heute unendlich groß. Ich beneide Anna und bin ein wenig wehmütig. Wäre ich noch einmal so jung und so schön... Und doch - seltsamerweise denke ich gern an diese, unsere Zeit, damals in der DDR. Es war nicht alles schlecht. Ich war jung. Ich war verliebt. Alles andere war dann doch nur Nebensache.

Übrigens: Das Café "Sibylle" - benannt nach der Modezeitschrift "Sibylle" - gibt's seit 1962 und auch heute noch in Berlin, in der Karl-Marx-Allee.

Foto: Ich mit 13 Jahren.


05.11.2014

Das Leben der Uhrenkoffer-Anderen

Soeben tauchte bei einem großen Internethändler ungefragt ein Uhrenkoffer auf,  aus den Tiefen der Angebote sprang er mir ins Auge. Hübsch sah er aus. Bis dato wusste ich nichts von der Existenz dieses Aufbewahrungskleinods. Ich sollte über Uhrenkoffer nachdenken. Wer hat einen Uhrenkoffer? Ich würde fast um mein Leben wetten: In meinem Familien- und Freundeskreis keiner. Bei denen, die mir in Arbeitszusammenhängen über den Weg laufen, bin ich mir nicht ganz sicher. Warum hat dieses Utensil menschlicher Sammelleidenschaft und vornehmen Luxus bisher an keiner Stelle mein Leben gekreuzt? Nun gut, jetzt hab ich den Uhrenkoffer in meinen Gedanken. Edel und gediegen. Solide und zeitlos.  Vielleicht wie sein Besitzer. Der hat auch ansonsten "alles", würde meine Oma sagen. Morgens nach einer Dusche in seinem Designerbad schreitet er zu seinem Designerkleiderschrank, zieht sich seinen Designeranzug an und setzt sich an seinen Designerküchentresen, um seinen - ja welchen - Kaffee zu trinken. Er wird weitere wichtige Dinge tun, vielleicht seine Mails checken und eine Scheibe Toast mit englischer Marmelade, die auch einen spezielle Namen hat, verzehren. Ja, verzehren. Das passt. Noch ein Blick ins Handy und zwei in den Uhrenkoffer. Fünfzig Uhren. Für welche wird er sich heute entscheiden? Ich zähle die Marken nicht auf,  natürlich sind es Marken, die sich drinnen aneinander reihen. Fünfzig Uhren. Da braucht es den Uhrenkoffer. Wenn der Uhrenkofferbesitzer jeden Tag eine andere "anlegt", vergehen beinahe zwei Monate, um das Reservoir auszuschöpfen. Ich stelle mir vor, wie er sich einen zweiten Uhrenkoffer kauft und vielleicht noch einen dritten. Uhrenkoffer - ich hab gegoogelt - gibt es in so großer Zahl und in X-Varianten, dass mir schwindelt. Ich möchte einen Uhrenkofferbesitzer kennenlernen. Ein bisschen mit ihm über das Leben fachsimpeln. Vielleicht kann ich von so einem Uhrenkofferliebhaber etwas lernen. Leider wird das nicht passieren. Es scheint da eine Grenze zu sein, die ich niemals überschritt, überschreite und überschreiten werde. Dort, jenseits des Uhrenkoffer-Äquators, wohnen sie. In ihren Uhrenkofferbesitzerschlössern. Ihr Leben ist ausgefüllt bis aufs letzte Uhrenkästchen. Wahrscheinlich haben sie schon als Kind gewusst, dass sie dereinst einen Uhrenkoffer besitzen werden. Das ist es. Ich könnte jetzt säuseln, dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und bin dennoch untröstlich.


30.10.2014

Österreichischer Käse versus amerikanische Puritaner

Ich habe gesündigt. Die Österreicher sind schuld. Ich weiß nicht, wo sie diesen Käse zusammenbrauen, ich weiß nur, es muss in den Bergen sein. Da gibt's ja angeblich "ka Sünd". Aber dieser Käse! Dieser Bergkäse! Der ist eine Sünde. Eine Sünde wert. Ich hab ihn im ALDI gekauft. Seit Wochen bin ich im Banne der Gewichtswächter und zähle akribisch Punkte. Heutzutage ist ja alles so einfach. Ich muss nicht in Gruppen diskutieren, nicht in Büchern herum lesen, ich studiere keine Tabellen, nein, online läuft das. Mit App. Online zähle ich meine täglichen Punkte bzw. das "Programm" rechnet mir alles aus. Wie ein Buchhalter gebe ich Daten ein und - oh, Wunder - dann stehen sie da. Meine frisch ausgerechneten Ergebnisse. Das, was ich essen will, wird für gut oder nicht gut – be(p)funden oder bepunktet: 26 am Tag. 49 Extrapunkte für alle Wochensünden. Es ist nicht schwer, so punktgenau durchs Leben zu essen. Wirklich nicht. Aber es ist schwer, punktgerecht zu - trinken. Denn - die Amerikaner haben es erfunden - und der amerikanische "Herr" bestraft die kleinen Sünden sofort. In Form von Strafpunkten. Ein Glas Rotwein - 4 Punkte. Von Rum wollen wir gar nicht reden. Warum ich das schreibe? Ich habe heute Rum getrunken. Besser: Caipirinha. Leider nicht nur ein Glas. Sondern vier. Und dann bricht es sich Bahn aus mir - dieses „Ist-doch-scheißegal“. Heute, nur heute! Morgen bin ich wieder  punktbrav! Heute wird Käse gegessen. Verschlungen. Unmengen von Bergkäse. Ein Punkte-Desaster. Wie viele? Zu viele! Ja, ja, ja. Die Punkte schenk ich mir! Und wohin mit dem Geschenk? Böse Zungen nennen es "Hüftgold". Wären ausladende Hüften gesellschaftsfähig oder - schick ausgedrückt - "en vogue", könnt' ich jeden Abend rum-kugeln. So aber. So aber nicht. Ich sehe die Erfinder des Punkte-Programms förmlich ihre mageren Zeigefinger recken: Madame! Alkohol schwächt die Willenskraft. Alkohol macht dick. Alkohol macht dumm. Macht willenlos. Dumm. Aggressiv. SÜCHTIG! Oh, oh, ich schau mein geliebtes Staatl.Fachingen-Wasser an und - es schaut zurück: Durchsichtig und mineralgeladen. Warum nur macht es mich nicht froh? Komischerweise bekomme ich im Supermarkt meines Vertrauens, wenn ich einen Kasten vom teuren Wasser erstehe, neuerdings jedes Mal ein Kochbuch dazu. Wasser muss sich wieder lohnen! Ich lächle den jungen Mann an der Kasse an und stecke das fünfte Kochbuch ein. Morgen schau ich vielleicht mal rein. Die restlichen verschenk ich zu Weihnachten. Den österreichischen Bergkäse verbanne ich aus Kühlschrank und Gedanken. Der Teufel trägt - Rum! Alles Käse? Oder was!


27.10.2014

Mit dem Rücken zur Wand

Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Ich schau zur Tür und an die Decke. Abwechselnd. Ich schau gleichgültig. Und durch die Anderen hindurch. Ich hoffe, keinen Krümel oder Ähnliches im Gesicht zu haben. Ich sage nichts. Die Anderen auch nicht. Wir sind im Fahrstuhl. Vor dem Fahrstuhl haben wir noch "Guten Morgen" gesagt. Im Fahrstuhl sprechen wir nicht. Es sei denn, ich bin mit zwei Männern drin, die miteinander gekommen sind und sich kennen. Dann reden die. Miteinander. Sie reden für mich. Sie wollen witzig sein. Und kalauern über irgendwas. Ich lache nicht. Ich schweige. Sie kalauern noch eine Runde schärfer. Wir sind unten angekommen. Ich sage "Einen schönen Feierabend wünsch ich!". Erleichtert sagen sie dasselbe. Und wir gehen zum Ausgang. Ich überlege, ob die jetzt noch was Bösartiges über mich sagen oder mich augenblicklich vergessen. Sie vergessen mich. Ich bin ja keine 20jährige Blondine. Wären wir steckengeblieben, hätten wir geredet. Erst einmal über die Situation und - je nach Länge der Situation - über uns. Fahrstühle sind wunderbar. Sie reizen meinen Humor. Und haben ihre eigenen Gesetze. Ich denke an eine Werbung, in der alle Fahrstuhlfahrer miteinander singen. Ich glaub, es ging um eine Süßigkeit, die jemand allen anbietet. In dem Fahrstuhl, in dem ich immer fahre - vier Stockwerke - würde das nicht funktionieren. Manchmal überlege ich, ob ich die Anderen frage, was sie denken. Und ob die Anderen das auch überlegen. Und ich denke darüber nach, warum das so ist, dass das Nebeneinanderstehen im zu engen Raum seine eigenen Gesetze entwickelt. Man will sich nicht noch näher kommen. Man demonstriert, dass man dem Anderen nicht auf den Pelz rücken wird. Das ist wahrscheinlich beruhigender, als wenn jemand Pralinen verteilt. "Ich werde Dir nichts tun. Und Du tu' mir bitte auch nichts." Das ist das Agreement. Sollten wir "Steckenbleiben" können wir noch genug reden. Wir fahren störungsfrei.


21.10.2014

Kein Haus. Keine Creme.
Keine Botschaft.

Ich habe kein Haus. Die große Liebe auch nicht. Seit Jahren finde ich nicht die Creme, die das Alter aufhält. Ich habe mir immer noch kein Fahrrad gekauft. Ich sortiere keine Belege für den Steuerberater. Ich lese Krimis. Ich esse immer das Falsche. Ich nehme nicht ab. Ich hab zwei Flaschen Rotwein im Haus, die ich versuche, nicht zu trinken. Ich rauche drei Zigaretten pro Tag. Ich sortiere seit Wochen nicht die Belege für den Steuerberater. Ich arbeite wie ein blöder Hamster im Rad. An den Wochenenden liege ich herum und träume von was Anderem. Ich lese Krimis. Sollte ich ein Buch schreiben? Die Zeit rennt. Wer sollte so ein Buch lesen? Von einer, die nichts auf die Reihe kriegt. Die nicht einmal eine Botschaft hat. Ich lese von Frauen, die die richtigen Cremes, die richtigen Diäten, die richtigen Liebhaber und Fahrräder haben. Die wissen, wie alles geht. Die Bücher schreiben. Ich nicht. Ich warte. Irgendwann werde ich etwas Großartiges tun. Die Zeit rinnt. Es bleibt alles, wie es ist. DAS IST ES! Die Botschaft? Mist. Das hatte ich auch nur irgendwo gelesen. Ich lese Krimis. Leben ist Kopfkino. Ich bin eine schlechte Regisseurin.

Foto: Ich - Berlin 2014.


16.10.2014

Schöner Frieden in der DDR

Ich war ein Kind der Fünfziger und Sechziger Jahre. In der DDR. Also ein Nachkriegskind. Und so war der Frieden bei uns - neben dem Kommunismus, später „nur noch“ Sozialismus - das höchste Gut. Alles war mit Frieden verbunden. Wir sangen im Kindergarten und in der Schule  "Kleine Weiße Friedenstaube", wir vergötterten all die Friedenskämpfer, zu denen - angefangen bei Karl Marx und Friedrich Engels und selbstverständlich Wladimir Iljitsch Lenin - Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, anfangs auch noch Mao Tse-tung, Nikita Chruschtschow sowie alle Parteivorsitzenden und Präsidenten aller anderen sozialistischen Länder, die kommunistischen Widerstandskämpfer der Nazizeit und natürlich alle Parteimitglieder unserer Sozialistischen Einheitspartei gehörten. Auch wir Kinder waren Friedenskämpfer, wie unsere Eltern und Lehrer. Wir waren der Friedensstaat schlechthin. Wir Kinder malten Friedenstauben, schnitten sie aus und klebten sie massenhaft auf Wandzeitungen. Wie auf diesem Bild aus dem Fotoband "Olle DDR - Eine Welt von gestern". Der beste Foto-Essay-Band über die DDR bis heute, der zu Beginn der Neunziger im Henschel Verlag erschien. Auf dem Foto von Volker Döring sehen wir einen Jungen, der vor einem Waschbecken steht. Als Handtuchmöglichkeit hängt daneben eine Rolle Klopapier. Ich denke, dass das kein Klo, sondern eher ein Klassen- oder anderer Aufenthaltsraum war. Denn die Toiletten in Schulen waren unbeschreiblich verkommen und noch weniger fotogen, als alles andere, mit dem wir so lebten. Sehr erheitert hat mich das kleine Plakat über dem Waschbecken: "Frieden ist schön". Heute komisch und irgendwie unbeholfen. Damals normal. Wir lebten mit der Dauerbeschwörung des Friedens zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und wenn es über einem Waschbecken war. Man kann sich vorstellen, wie es an Häuserwänden und -mauern aussah. So viel Frieden - als Aufforderung - war nie wieder. Und wir Kinder lernten täglich: Die DDR ist der Hort des Friedens. Natürlich immer bedroht von den "Bonner Ultras", den Kriegstreibern, vorzugsweise aus dem abgeteilten Feindesstaat BRD. Unsere Nationale Volksarmee beschützte uns vor ihnen. Darauf war Verlass. Und als wir 1961 eine Mauer bauten, um vor "denen" beschützt zu sein und unseren - selbstverständlich friedlichen - Sozialismus aufbauen zu können, fanden wir Kinder das vollkommen in Ordnung. Wir waren die "Junge Garde" des Staates und nannten uns "Pioniere". Und wenn die Jungs später zur Armee eingezogen wurden, standen sie selbstverständlich auf Friedenswacht. Die Fünfziger- und die Sechziger-Jahre waren für uns eine Zeit der Hoffnung. Nicht nur auf den Frieden. Denn den hatten wir ja schon. Er musste nur täglich "beschützt" werden. Unsere Hoffnung, an die wir glaubten, war der Kommunismus. Wir hatten vage Vorstellungen. Es sollte ein Paradies werden. Ich stellte mir vor, dass man in einen Laden geht und sich nimmt, was man so haben möchte. Denn Geld sollte es nicht mehr geben. Alle Menschen wären glücklich. Ich stellte sie mir im Sonnenlicht vor, Fähnchen schwenkend, wie am 1. Mai. Alle würden eine schöne Wohnung mit Heizung und warmem Wasser haben und vielleicht ein Auto. Und im Sommer fährt die ganze Familie ans Meer. Viel mehr Phantasie hatte ich nicht. Eine Vorstellung vom vollkommenden Glück zu haben, fällt mir noch heute schwer. Auf jeden Fall hätte ich richtige Handtücher neben unseren Waschbecken gewollt. Das Glück ohne Ende gab's am Ende dann doch nicht.

Nachtrag: Das Foto von Volker Döring ist von 1986 (!!) - Bildunterschrift: 10. Oberschule "Hermann Matern" Berlin-Prenzlauer Berg. Tja, da hat sich wohl bis zum Ende der DDR nicht sehr viel geändert.
Quelle: „Olle DDR – Eine Welt von gestern“ -  Christoph Dieckmann(Autor), Friedrich Schorlemmer(Nachwort), Volker Döring(Fotograf), Joachim Donath(Fotograf), Rolf Zöllner(Fotograf) – mit freundlicher Genehmigung des Fotografen Volker Döring. Danke!


09.10.2014

Lottoträume

Ich liebe Lotto. Ich spiele seit 25 Jahren regelmäßig jede Woche. Zunächst nur samstags. Dann passierte der Albtraum aller Lottospieler: Ein von mir Woche für Woche gespielter Tipp wurde in den Nachrichten als „Sechser“ verlesen. (Ja, damals gab es das noch, dass Lottoergebnisse Nachrichten wert waren!) Es waren leider die Zahlen für das damals relativ neue Mittwochslotto. Ich hätte um die 950.000 DM gewonnen. Aber ich spielte eben nur samstags. Normalerweise hätte ich ab diesem Zeitpunkt meine Lottoleidenschaft in die Tonne treten und vernünftig zu mir sagen müssen: Das gibt’s nur einmal. Das kommt nie wieder! Aber – nein. Ich spielte ab sofort - am Mittwoch und am Samstag. Bis zum heutigen Tag. Was mir daran gefällt? Der Zeitraum von der Tipp-Abgabe bis zur Ziehung. Das ist meine Zeit der Träume. Manchmal, wenn ich nachts wach liege und nicht mehr einschlafen kann, mach ich das Lotto-Traum-Spiel. Was wäre, wenn? Was wäre, wenn ich eine oder 35 Millionen gewönne? Oft höre ich, dass Menschen das gar nicht verkraften können. Dass sie, wenn sie schon immer „Loser“ waren,  so eine Summe innerhalb kurzer Zeit um die Ecke bringen und dann arm wie zuvor sind. Dass manche Angst bekommen, jemand könne den plötzlichen Reichtum wieder wegnehmen. Oder, dass sie sich der Liebe der Anderen nicht mehr sicher sind. Zu recht. Wie alle Reichen, müssen sie ab sofort damit rechnen, dass ihr Geld das Geliebte ist. Ich denk nicht an so etwas. Ich träume. Nicht von Ferraris, Yachten oder Privatflugzeugen. Nicht von Goldbarren, Privatinseln oder Weltreisen. Obwohl ich es nicht verwerflich finde, solche Wünsche zu haben. Ich hab sie nur nicht. Jeder, dem so ein Schicksal widerfährt, soll das Geld nutzen, wie er mag. Mein Traum ist ein Haus, das so groß ist, dass meine Söhne mit ihren Frauen und Kindern mit einziehen könnten. Vielleicht auch meine Schwester mit Familie und meine besten Freunde und Freundinnen. Alle Menschen, die ich liebe, würde ich gern um mich versammeln. Ich sah so ein Haus bei der leider viel zu früh verstorbenen Regine Hildebrandt. Sie nannte es Mehrgenerationenhaus und ich glaube, sie hatte auch diesen Traum. Und hat ihn sich verwirklicht. Ich stelle mir mein großes – nennen wir es ruhig Anwesen – vor. Auch als  Produktionsstätte. Jeder könnte dort schreiben, Musik machen oder etwas anderes herstellen. Je nach Begabung und Lust. Alle Sorgen um Anschubfinanzierungen für das  Ideen-in-die-Tat-Umsetzen gäbe es nicht. Ich stelle mir vor, wie ich so ein Haus einrichten würde, wenn ich nicht aufs Geld sehen muss. Ich stelle mir so viel vor, dass ich nachts wieder einschlafe, der nächsten Lotto-Ziehung entgegen. „Ihr Los hat leider nichts gewonnen!“ Macht nichts. Das Schönste ist doch die Träumerei. Wie sagte Marlene Dietrich in ihrem letzten Film „Marlene“ von Maximilian Schell, in dem man sie nicht mehr sah, nur noch hörte? "Träume sind nur schön, wenn sie unerfüllbar sind!"


05.10.2014

Gedanken zum 3. Oktober 2014

Die Mauer fiel vor 25 Jahren. Niemand hat das geglaubt. Vielleicht ein paar Jahre zuvor ein mir verrückt erscheinender amerikanischer Präsident. Der war ja auch ein Schauspieler, dachte ich damals, als er Mr. Gorbatschow aufforderte, "this gate" zu öffnen. Er stand vor dem Brandenburger Tor. "Nein, nein, nein, so lange ich lebe, wird diese Mauer stehen. Die Nazis haben kein Tausendjähriges Reich errichtet, aber die Kommunisten werden zumindest ein Hundertjähriges schaffen!" - dachte ich. Und nicht nur ich. Ich kann heute fragen, wen ich will. Alle ehemaligen DDRler hielten einen Fall der Mauer zu ihren Lebzeiten nicht für möglich. Um so überraschender war es, wie schnell die Ereignisse sich überschlugen. Meine Enkelin Anna und ihr Freund fragten mich vor ein paar Tagen : "Wie war denn das damals, als die Mauer fiel? Wer hat damit angefangen?" - Ich musste zugeben, es nicht genau zu wissen. War es der etwas verwirrt erscheinende Günter Schabowski im Fernsehen bei einer Pressekonferenz? Der schaute auf seinen Zettel brummelte irgendetwas herum, dass jetzt ab sofort jeder... - Irgendwie muss es so gewesen sein. Ich kann mich erinnern, dass ich an jenem Abend des 9. November 1989 zu einem Englischkurs war. Als ich nach Hause kam, saß mein Mann Peter bleich vor dem Fernseher und sagte: "Hast Du es schon gehört?" Es klang mindestens wie ein: "Weißt Du schon, dass der 3. Weltkrieg ausgebrochen ist?" - Ich wusste nichts. Und er sagte mir, dass die Mauer offen sei und alle aus dem Osten jetzt hier rein können. Zu uns nach Westberlin. Wir sahen uns die sich ständig wiederholenden Bilder im Fernsehen an. Plötzlich klopfte es. Mein damaliger Schwager, der (geschiedene) Mann meiner Schwester, auch ein Rockmusiker, wie Peter, stand vor der Tür. Ich sagte: "Was! So schnell bist Du hier!" - Er und auch meine Schwester wohnten im Prenzlauer Berg. "Wieso schnell? Ich habe jahrelang um diesen Pass gekämpft. Heute morgen musste ich noch umfangreiche Papiere unterschrieben, zum Beispiel, dass ich nicht die Museen des Preußischen Kulturbesitzes besuchen werde. Nun hab ich den Pass! Ab sofort kann ich in den Westen einreisen, wann ich will! Und Euch besuchen!" Ich begriff. Er hatte das begehrte Dauervisum, das nur Auserwählte in der DDR besaßen. Ein Privileg. Ich begriff auch, dass er nicht wusste, dass sein Privileg nur noch für diesen Tag galt. Nach ihm stürmte der gesamte Osten in den Westen. Auch ohne Visum. Wir versuchten, es ihm klar zu machen, zeigten auf den Fernseher und er wollte es nicht glauben. "Für ein paar Stunden privilegiert, Scheiße!" Tja, wir gingen dann in Kreuzberg in unsere damalige Stammkneipe und als die ersten Skodas und Trabbis draußen hielten, glaubten wir endgültig, was hier passierte. Noch längst nicht ahnend, dass es ein Jahr später eine "Wiedervereinigung" geben würde.


28.09.2014

Der Marathon und die Champignons

Heute ist wieder Marathon in Berlin. Das ist einer der Tage, an denen man im Zentrum und angrenzenden Gebieten Berlins nicht Auto fahren kann. Mir fällt ein, dass ich vor ca. 16 Jahren mit meinen Söhnen Ben und Moritz nach Magdeburg zum Geburtstag des Mannes meiner Mutter fahren wollte. Wir waren gerade aus Kreuzberg in den Friedrichshain gezogen und befanden uns im Zentrum des Laufes. Und kamen nicht aus der Stadt heraus. Überall Sperren. Wir fuhren kreuz und quer, selbst die absperrenden Polizisten konnten uns keinen Ausgang aus dem Absperr-Wirrwarr zeigen. Wir brauchten zwei Stunden, um endlich auf einer Autobahn zu sein. Erstmalig hatte ich ein Handy, es war ein Radio-Dienst-Handy, und erstmalig erlebte ich die Segnungen desselben, obwohl ich eine Handy-Gegnerin war und noch lange blieb. Ich konnte bei meiner Mutter - natürlich nur auf dem Festnetz - anrufen und mitteilen: Wir kommen später! Wir kommen nicht raus aus Berlin! Und wir kamen zwei Stunden später zu dem um 12.00 Uhr anberaumten Mittagessen in einer ehemaligen Gartenkneipe in Magdeburg. Die hatte sich zum Ende der Neunziger schon ein bisschen zum "Ristorante" mit beinahe toskanisch anmutendem Garten gemausert. Allerdings noch mit sehr typischer DDR-Speisekarte. Natürlich etwas aufgebessert, es fehlte ja nichts mehr. Zum Beispiel Champignons: Champignons waren in der DDR fast wie Bananen. Selten und begehrt. Wir bekamen sie in gehobenen Restaurants. Fast ausschließlich in einer angedickten mehligen Soße. Fast ausschließlich aus Büchsen. Die, die heute billig bei Aldi und Co. herumstehen. Wir bestellten uns bestimmte Essen teilweise nur, weil Champignons mit dabei waren. Vorzugsweise lagen sie auf Steaks oder Schnitzeln. - Und so gab es nach der Wende jedes Jahr zum Geburtstag meiner Mutter oder ihres Mannes - "Braumeistersteak". Gefüllt mit Schinken und Käse und oben drauf: Champignons. Aus der Büchse und noch in der echten DDR-Mehlpampe. Meine Mutter und ihr Mann liebten Braumeistersteaks und bestellten sie jedes Jahr für alle. Meine Jungs, außer Robert, wussten nicht, warum. Sie waren in Westberlin groß geworden und schabten die Pilze herunter und den Käse heraus. "Aber das sind doch Champignons!" - rief meine Mutter aufgeregt. Ja, deshalb! - sagten Ben und Moritz und fragten mich auf der Rückreise, warum meine Mutter von diesem komischen "Braumeistersteak" so begeistert ist. Tja, auch ich kann bestimmte Dinge nicht wirklich erklären. Man muss sie erlebt haben - wie die DDR. Wie die Champignon auf den DDR-Steaks- und -schnitzeln. Und in der Rückschau ist es sogar lustig.


22.09.2014

Jeder, der mich kennt,

weiß, dass ich vorzugsweise Krimis und Thriller lese. Ich lerne daraus zumeist mehr für mich, als aus der mir immer wieder anempfohlenen „guten“ Literatur, die mich leider meist langweilt. Ein Thriller von Louise Doughty, das ist eine britische Autorin, hat mich heftig zum Nachdenken gebracht. Einerseits wegen seiner abgründigen Psychologie, andererseits auch durch seine Schonungslosigkeit in Bezug auf das menschliche Wesen, das leider nicht nur „edel und gut“ ist. Hauptfigur ist eine Genetikerin, der Titel des Buches ist: „Ein Schritt zu weit“. Lange nachgedacht habe ich über diese Szene/Schilderung im Buch:
„Als Naturwissenschaftlerin“, sagt er, „können Sie mir vielleicht bei einer Sache weiterhelfen. Nicht wahr, es hat doch massenhaft Experimente mit Schimpansen gegeben?“ – „Tausende“, sage ich, „genetisch sind sie unsere nächsten Verwandten, achtundneunzig Prozent unserer DNA.“ … „Wohlgemerkt“, sage ich, „siebzig Prozent unserer DNA haben wir mit Fruchtfliegen gemeinsam.“ Jas lächelt nicht. „Fast menschlich, sagen manche Leute. Wahrscheinlich regen die sich deshalb so über Versuche an Schimpansen auf.“… Ich zucke die Schultern. „Eine Menge Wissenschaftler werden Ihnen erklären, dass sich Altruismus sehr leicht mit Arterhaltung erklären lässt. Sie sind genetisch auf das Gefühl programmiert, dass Sie durchs Feuer gehen würden, um Ihren Sohn zu retten.“ …. „Dieses Experiment, an das ich denke, hat wirklich stattgefunden. Wissenschaftler haben eine Schimpansin mit ihrem neugeborenen Jungen in einen speziell präparierten Käfig gesteckt. Der Käfigboden war aus Metall, durch das Heizdrähte liefen, und während sie langsam an einem Schalter drehten, wurde der Boden immer heißer. Erst sind die Schimpansin und ihr Junges ein wenig von einem Fuß auf den anderen gehüpft; danach ist das Baby natürlich in die Arme der Mutter gesprungen, um vor dem heißen Boden geschützt zu sein, und die Schimpansenmutter hopst noch etwas weiter im Käfig auf und ab, versucht, vom heißen Boden wegzukommen und an den Käfigstäben hochzuklettern, was nicht geht, aber irgendwann, und sie haben das mehrmals durchgeführt, und es ist immer so, irgendwann macht die Schimpansenmutter immer das Gleiche.“ Er sieht mich an, und ich wünschte auf einmal, er ließe es. „Irgendwann legt sie das Schimpansenjunge auf den heißen Metallboden und stellt sich drauf.“
Mir -  als Mutter von drei Söhnen – ging dieses Experiment nicht aus dem Kopf. Ein wahrhaft grausames Experiment. Es lässt sich mit menschlichen Ethiknormen nicht vereinbaren. Niemals möchte eine Mutter in so eine Lage kommen. Sind die zwei Prozent DNA-Unterschied zur Schimpansenmutter genau die zwei Prozent, die uns als menschliche Mütter anders handeln ließen? Ich weiß es nicht. Und werde es hoffentlich nie wissen.
Zitate aus: Louise Doughty „Ein Schritt zu weit“, Roman, erschienen bei C.Bertelsmann 2014.


15.09.2014

Solche Leute wie ich,

die mal ganz ganz früher Philosophie studiert haben, lernten da - meist am Anfang - diese Weisheit: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Soll von Sokrates sein, der allerdings nichts Schriftliches hinterließ, so sagte man uns. Also weiß es keiner wirklich, ob er das gesagt hat. Schön für Sokrates, dass man ihn nicht ganz aus der Geschichte gestrichen hat. Bestand haben ja meist nur die, die etwas aufgeschrieben haben. War es nun Sokrates? War er es nicht? Egal. Er könnte es gewesen sein. - Guter Satz, gern genommen, wenn man bescheiden und gebildet wirken möchte. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und ich weiß auch, dass ich eine ganze Menge weiß. Mich würde dann noch interessieren, was Xanthippe, die angeblich so zänkische Frau Sokrates', dazu meinte. Das ist nun leider nicht überliefert. Aber wenn Sokrates abends nach Hause kam und sagte: Ich weiß, dass ich nichts weiß - antwortete sie bestimmt: Ich weiß!


11.09.2014

Die Sehnsucht ist das Beste.

Die Erfüllung der Anfang vom Ende.


09.09.2014

Geschenke müssen wehtun.

Sonst sind es keine. Das hab ich früher immer gesagt. Es bedeutete - entweder hab ich etwas verschenkt, das sich in meinem Besitz befand und unersetzlich war, oder ich hab mehr Geld für ein Geschenk ausgegeben, als ich eigentlich hatte. Oder ich hab etwas verschenkt, das ich selbst gern gehabt hätte, mir aber nicht leisten konnte oder wollte. Das Wehtun, das sich bei dieser Art Geschenke einstellt, ist ein schöner Schmerz. Und wenn der so Beschenkte es nicht merkt, tut es doppelt weh.