30. Nov 2014

Als mir Helmut Schmidt seinen Mantel hinwarf…

…war ich Garderobiere – im  Hotel „Merkur“ in Leipzig. Es hatte schon seinen Grund, dass dieses Devisenhotel in den Achtzigern „Merkur“ hieß. Die Japaner hatten es gebaut. Trutzig, mit für meinen Geschmack viel zu kleinen Fenstern, erhob es sich in der Nähe des Hauptbahnhofes und weckte die Sehnsüchte der Leipziger.

Als Peter und ich beschlossen, die DDR zu verlassen, löste er die Band auf. Ich überlegte, wie ich am besten Geld verdienen könnte. Und zwar viel, um eine fünfköpfige Familie allein über einen längeren Zeitraum zu ernähren. Die „Bearbeitung“ eines Ausreiseantrags konnte Jahre dauern. Ich bewarb mich im Hotel „Merkur“ für den Dienst an der Garderobe. Von einem Insider hatte ich gehört, dass es dort viel Trinkgeld geben sollte. Außerdem dachte ich, wenn wir den Ausreiseantrag stellen, würde ich DIESEN Job nicht verlieren. Es gab nur noch einen „darunter“. Das war der Klofrauen-Job. Und da – hieß es – sollte es noch mehr Kohle geben.

Also nur zu. Ich arbeitete im Vier-Schicht-System und stand an allen Garderoben des Hotels. Es war eine andere Welt. Die Welt des Geldes. Schnell war ich Bestandteil dieser Welt. Geldscheffeln, was das Zeug hält! Am besten Westgeld. Das wir offiziell abgeben mussten. Es wurde uns nicht weggenommen, sondern in sogenannte Forum-Schecks für die staatlichen Intershop-Läden zwangsumgetauscht. All unser Bestreben hieß: Trinkgeld. Trinkgeld. Trinkgeld. Noch heute gebe ich reichlich Trinkgeld, weil ich weiß, wie es ist, auf der „anderen Seite“ zu stehen. Wir Garderobenfrauen waren in der Hotel-Hierarchie ganz hinten. Doch lachten wir darüber. Wir wussten: Wir verdienen mehr, als all die Büroangestellten, mehr, als die an der Rezeption, mehr, als die Kellner, vielleicht sogar mehr, als der Hoteldirektor.

An uns kam kaum einer vorbei, neben dem Mäntel-Aufhängen verkauften wir die begehrten Karten für die Nachtbar, Zigaretten, Zigarren, Schokolade und allerlei anderen Kram. Wir konnten das Gekaufte sogar in Plastiktüten (DDR-Sprache: Plastetüten) stecken, die mit einem Hotellogo bedruckt waren. Was zumindest die Ostler super fanden. Wir kassierten West- oder Ostgeld – und Trinkgeld. Wir hatten unsere Systeme, wie wir Westgeld nicht abgaben, sondern – trotz Taschenkontrollen – unbemerkt aus dem Hotel schafften.

Es war eine Herausforderung. Das ständige Ans-Geld-Denken veränderte mein Bewusstsein erheblich. Ich wurde Bestandteil einer verschworenen Gemeinschaft von West-Geld-Abzockern, bis ich die Notbremse zog. 1987 kündigte ich den Job. Peter gründete eine neue Band und übernahm wieder das Geldverdienen. Heute denke ich, das war der Job in meinem Leben, bei dem ich am meisten lernte. Zum Beispiel über Geld, Macht und Betrug an den eigenen Idealen. Ideale, die bisweilen fragwürdig waren. Zum Beispiel, dass Geld per se schlecht ist. Natürlich war und ist Geld in allen Systemen eine Energie mit enorm prägenden Effekten. Es macht sogar glücklich. Je nachdem, wie viel man hat, muss man sich zu dieser Energie verhalten.

Was ich noch lernte? Dass es in der DDR Hotelprostitution gab, an der der DDR-Staat ganz unverhohlen mit verdiente. Wie überhaupt die DDR als Staat sich mit dieser Art Hotellerie in vielerlei Hinsicht prostituierte. Ich lernte, wie man das System austricksen konnte. Und erlebte die Angst, aber auch den Kick dabei. Ich lernte auch, dass frau für richtig viel Trinkgeld besser blond sein musste. Und ich lernte täglich, wie es ist, in einer (Hotel)Uniform nicht als Individuum wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel, als mir Helmut Schmidt – wie fast alle anderen auch – achtlos seinen Mantel hinwarf… ich wiederum staunte, dass Herr Schmidt gar nicht so groß war, wie ich bis zu diesem Tag dachte. Ich meine natürlich – in Zentimetern.


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