Mauervorsprünge oder was ich einmal werden wollte.

Schauspielerin werden. Das wollte ich. Als ich acht Jahre alt war. Und Mitglied einer Laienspielgruppe. Mit der ich „Kreismeister“ wurde. Genau genommen wurde unsere Laienspielgruppe Kreismeister im Kreis Senftenberg beim Wettbewerb der Laienspielgruppen. Senftenberg war die nahe Kreisstadt und Cottbus die etwas entferntere Bezirksstadt.

Beide liegen heute im Land Brandenburg – in der Niederlausitz. Wir spielten ein Vögel-Stück. Ich war die Frau Spatz und schimpfte sehr viel mit meinem Spatzen-Mann. Mehr weiß ich nicht mehr, nur, dass wir Spatzenkostüme hatten und Kulissen, die wir selbst aus Pappe bauten.

Es kam die Bezirksmeisterschaft, bei der wir mit unserem Spatzenvögel-Stück weit hinten landeten. Ich war außer mir. Und erzählte – wieder zu Hause in Lauchhammer – meiner Mutter empört von den Machenschaften der Jury, die uns nicht zum Meister gekürt hatte. Meine Mutter meinte, dass vielleicht doch die Anderen…. irgendwie besser…gewesen sein könnten. „Aber die haben nicht so einen Mauervorsprung wie wir!“ entgegnete ich. Vorüber meine Eltern noch jahrelang lachten. Dieser Papp-Mauervorsprung, den wir tagelang bemalt und zusammengebaut hatten, war unser ganzer Stolz.

Nach der Cottbuser Niederlage probten wir kein neues Stück, ich vermute, die Laienspielgruppe ging wegen Mangels an Erfolg ein. Ich auch – in meinen schauspielerischen Bestrebungen. Ich bekam ein Gefühl dafür, wie sehr man sich blamieren kann. Dies frisch erblühte Schamgefühl verengte mir den Mund – so dass ich kaum noch ein Gedicht vor der Klasse deklamieren konnte. Schauspielkarriere ad acta gelegt. Ich wollte Kriminalist werden.

Die Lehrer fragten im Jahresabstand nach unseren Berufswünschen. Sie wurden notiert. Warum auch immer. Und mussten laut geäußert werden. Ich sagte ab sofort: Ich will Kriminalist werden. Wir wurden als Mädchen damals noch Lehrer, Koch oder – Verkäuferin. Diese durfte weiblich sein, weil es kaum Männer gab, die den Verkäufer-Berufswunsch hegten. Einige Jahre sagte ich also stets: Ich möchte Kriminalist werden. Worauf ein Großteil der Klasse – von Jahr zu Jahr mehr – laut lachte. So dass ich mich – nachdem ich meinen Chemielehrer verehrte – auf „Ich möchte Chemiker“ werden verlegte.

Der Chemielehrer war streng. Besonders, wenn ich lackierte Fingernägel hatte, die ich der Klasse zeigen musste, um deren gemeinschaftliche Missbilligung zu empfangen. „Was sagt denn Deine Mutter dazu?“ – fragte der Chemielehrer. „Meine Mutter meint, davon bekommt man keinen schlechteren Charakter!“ – antwortete ich frei phantasierend. Ich dachte, das könnte sie gesagt haben, trug sie doch stets lackierte Fingernägel. Worauf er den Kopf wiegte und meinte: „Ja, da könnte Deine Mutter recht haben.“ Er ließ mich ab sofort in Ruhe. Und ich behielt auch meine Eins in Chemie. In der neunten Klasse wechselte ich an die Erweiterte Oberschule (Gymnasium). Der neue Klassenlehrer war der neue Chemielehrer. Ein netter Kerl, aber Chemie hat er mir gründlich verleidet.

Was also werden? Ich wusste es nicht mehr. Irgendwas mit – Schreiben? Ich unterließ es standhaft, Berufswünsche laut zu äußern. Und weil das so blieb, studierte ich nach dem Abitur – aus Verzweiflung und Ratlosigkeit – Philosophie. Hinter diesen Abschnitt meines Lebens setze ich einen winzig kleinen – Mauervorsprung.

Mein Aufstieg auf den Kalvarienberg Graz oder warum ich den Katholizismus liebe

Ganz oben hängt er. Ganz in Gold. Hängt am Kreuz. Vorher trug er das Kreuz. Es war seine Passion. Sein Leiden. Keine Leidenschaft. Oder doch? Ich steige mit meiner Freundin Frieda auf den Kalvarienberg in Graz. Gehe mit ihr den steinigen Passionsweg. Ich leide mehr an geschwollenen Füßen, denn an den Leiden des Herrn. Fotografiere all die Skulpturen, all die Kunstwerke, die der Glauben über die Jahrhunderte hervorgebracht hat. All diese katholische Herrlichkeit, die Österreich mir jedes Jahr zu Füßen legt. Diese Pracht und diese bunte Sinnlichkeit faszinieren mich immer aufs Neue.

Ich denke an Dali, der Stunden vor seinem Tod noch zum Katholizismus übertrat und ich weiß, warum. Man weiß ja nie… Selbst Darwin schrieb: „… dass das Universum kein Resultat des Zufalls ist.“ Und dann weiter: „Dann aber steigt in mir immer der furchtbare Zweifel auf, ob die Überzeugungen des menschlichen Geistes, der aus dem Geist niedriger Tiere entwickelt worden ist, irgendeinen Wert hätten oder überhaupt vertrauenswürdig wären. Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in solch einem Geist Überzeugungen wären?“

Ja, an allem ist zu zweifeln. Auch das. Auf beiden Seiten. Nicht mehr zweifeln muss ich an meiner Leidenschaft für Jesus. Als Kind wurde ich mit Jesusbildern und -erzählungen gefüttert. Es gab da eine Konkurrenz zwischen meiner katholischen Oma und meinem evangelischen Onkel Karl. Immer, wenn ich mit meiner Oma Onkel Karl besuchen musste, zog er mich sofort in sein Arbeitszimmer, um mir von IHM zu erzählen. Und nicht nur das! Er zeigte ihn mir. In schrecklichen schwarz-weißen Bildern. Ich hab mich nie wohl gefühlt – in protestantischen Kirchen. Sie erregten ein Grauen in mir. Denn sie waren düster, karg und vor allem streng. Besonders gern zeigte mir Onkel Karl Johannes den Täufer, wie er in seinem Blute – nur noch als Kopf – in einer Schüssel schwamm. Und er schaute mich irgendwie triumphierend an und ich dachte: Warum? Warum, Onkel Karl, zeigst Du mir das?

Er hatte dann meist ein Einsehen und tröstete mich mit bunten Bildchen aus der evangelischen Christenlehre. Ja, diesen Kinderjesus war ich bereit zu lieben. Er lief übers Wasser, hatte goldene Haare und einen großartigen Heiligenschein. Er strich den Menschen über ihre gebeugten Häupter, machte sie gesund und fütterte sie mit seinen unendlichen Vorräten. Und versprach ihnen eine Welt in Frieden und Glück. Dann, wenn er wiederkomme. Dass er zwischenzeitlich ans Kreuz geschlagen ward, auferstanden und gen Himmel zum Vater gefahren, wusste ich natürlich.

Und so endeten meine Besuche im Erzgebirge immer damit, dass ich mit vollem Kopf und Herzen und mit dem Zug nach Hause fuhr zu meinen Eltern, die eine andere Zukunft für mich vorgesehen hatten. Ich hatte Onkel Karl ja gefragt, bevor ich nach Hause fuhr: Kommt Jesus auch zu mir, dann, wenn er wiederkommt? Ja, er kommt auch zu Dir! – wusste Onkel Karl und schaute mir tief in die Augen. Auch meine Oma bestätigte das. Ich sah meinen hübschen Jesus vor mir, mit langen blonden Haaren und einem weißen Wallegewand. Ich sah ihn, wie er plötzlich in Lauchhammer – in der sozialistischen Braunkohle- und Schwermaschinenbaustadt der Niederlausitz, in der wir damals wohnten – auf unserem Spielplatz im Sandkasten steht und zu mir sagt: Hier bin ich! Dazu Musik! Eine sphärische Musik. Glück pur! Ich vergaß Mutter und Vater, die am Bahnhof standen, um mich aus diesem Traum abzuholen.

Abends erzählte ich meinem Vater, dem atheistischen Professor in spe, von meinem Jesus. Dass er dereinst kommen werde. Zu uns allen. Und dass das doch wunderbar sei. Quatsch, sagte mein Vater, alles Quatsch! Er zog ein Buch aus dem Arbeitszimmerschrank, in dem Menschenaffen waren. Und begann, meine Welt zu zerstören. Lange Zeit konnte ich ihm das nicht verzeihen.

Gott sei Dank – wir werden irgendwann erwachsen und können selbst entscheiden. Vielleicht hätte mein Vater alt genug werden müssen, um vielleicht wie Dali… wer weiß! – Ich laufe den Grazer Kalvarienberg hinauf. Oben steht das Kreuz. ER hängt am Kreuz. Das machen nur die Katholiken. Ihren Jesus derartig üppig zu vergolden. Onkel Karl hätte die Augen niedergeschlagen und irgendwas in seinen Bart gemurmelt – von Verschwendung oder so. Vor dem Goldjesus stehen drei Gestalten: Eine schaut heuchlerisch. Es ist seltsamerweise der Johannes. Eine schaut desinteressiert. Das ist Maria, die Gottesmutter. Eine – die in der Mitte – weint aufrichtig und bitterlich: Maria Magdalena. Die Tochter aus gutem Hause. Keine Brave. Keine, die tat, was man von ihr verlangte. Andere Gedanken haben, kann verrückt sein. Verrückt machen. Sündig. Sündig und besessen. So hieß es, sie sei eine Sünderin. Eine Verrückte. Bis Jesus kam und die Verrückte wieder in die Mitte verrückte. Und so folgte sie ihm bis in den Tod. Und wird die erste sein, die ihn sieht an diesem Sonntagmorgen der Auferstehung. Noch weint sie. Sie weint die einzig wahren Tränen in dieser Goldjesus-Szenerie. Und weiß noch nicht, dass alles gut wird. Das hilft sogar mir, den Glauben nicht zu verlieren. Danke Graz, danke Frieda, danke Kalvarienberg. Das ist der Zauber des Katholizismus. Er ist sinnlich und deshalb liebe ich ihn. (Ja, Frieda, ich kenne auch die Schattenseiten)

Foto: Grazer Kalvarienberg – Quelle Wikipedia wolf32at – eigenes Werk.

Anna – die Einkaufslehrerin gibt Ihrer Großmutter gute Ratschläge

Immer wieder lehrreich: Der Enkelinnen-Großmutter-Disput.
Das Anna-Elisabeth-Universum: Wir machen einen Weihnachtseinkaufsbummel. Ich: Du hast doch immer so gute Ideen! Was könnte ich für eine Freundin kaufen, die so im – naja mittleren Alter – ist? Anna: Vielleicht eine Heizdecke? Und ein Paar schöne Hausschuhe? Oder was tolles Kosmetisches von Babor. Ich: Haha, da kommt Freude auf – bei der Heizdecke! Was ist denn Babor? Anna: Eine Heizdecke ist mega cool zum Entspannen oder wenn man krank ist. Warte, ich zeig Dir eine. Ich: Ich glaube, wenn du mir eine Heizdecke schenken würdest, würde ich schreien! Anna: Wieso? Ich: Ist doch was für Omas! Anna: Na, dann vielleicht eine Powerbank, damit sie unterwegs ihr Handy laden kann oder eine Bluetooth Box zum Musikhören. Oder eine Juwelkerze. Ich: Das ist mir alles zu riskant. Wat für ne Kerze?

Letzte email Peter Gläser an Elisabeth Koeppe-Gläser

18. April 2008

Liebe Elsch,

nochmals vielen Dank für euren Besuch in Leipzig. Ich habe mich wirklich riesig gefreut. Dass der Abend so turbulent zugehen würde, war mir völlig klar. Ein richtiger Gläserabend im klassischen Stil. Da kracht es halt immer wieder mal. Jeder gegen jeden, vor allem auf die Mutter. Wäre der Abend anders verlaufen, wäre ich wahrscheinlich enttäuscht gewesen. Ich hoffe, auf der Rückfahrt wurde es dann langsam stiller.

Stand der Dinge:

Ich fühle mich wie nach einem Atomkrieg. Völlig erledigt und schlapp. Die letzten Tage in der Klinik hatte ich mir noch ordentliche Verbrennungen am Hals zugezogen. Nun bin ich schon zwei Wochen entlassen. Der Blutspiegel spielt verrückt, zum Glück aber nicht so, dass ich wieder in die Klinik muss. Ich habe immer mal zu wenig weiße Blutkörperchen. Die sind aber für den Heilungsvorgang wichtig, weil sie die Antikörper bilden, die sich dann auf Entzündungen etc. stürzen. Aber die ersten Erfolge stellen sich ein… Also ist der Körper schon wieder in der Lage, sich selbst zu reparieren. Nur meine Schleimhautentzündung hält sich hartnäckig. Dass sich das hinziehen wird, wurde mir schon angekündigt, also auch grüner Bereich. So lange muss ich mich aber noch über die Magensonde ernähren, denn schlucken kann ich nicht. Inzwischen meldet sich schon ab und zu sogar meine Stimmhaftigkeit zurück. Die körperlichen Kräfte waren gleich Null. Die einfachsten Sachen sind wie Schwerstarbeit. Ich schaffe gerade mal ein bis zwei Hunderunden am Tag. Aber weil die Hundeviecher so dankbar sind, das macht’s am Ende wieder leichter. Also, die Lebensgeister heben schon ab und zu den Finger und ermutigen mich zu neuen Taten.

Was ist mit Moritz?

Also macht euch keine größeren Sorgen. Es ist wohl normal, dass man nach der Therapie so durchhängt. Aber es geht bergauf. (…) Seid alle ganz lieb gegrüßt (…)

Dein Peter.

Gestern vor elf Jahren hat er den „Kampf“ aufgegeben.

Peter Cäsar Gläser      7.1.1949 – 23.10.2008

Foto: Peter Cäsar Gläser ca. 1985

Aus meinem sporadischen Tagebuch

Aus meinem sporadischen Tagebuch

Die meisten Leute ändern sich wenig und wiederholen nur die stets gleichen Dinge. Ich wahrscheinlich auch. Ich habe ja eigentlich das langweiligste Leben, das man haben kann, wüsste aber wirklich nicht, wodurch es interessanter werden könnte. Letztlich lebe ich in anderen Leben, durch Lesen oder Filme. Das Leben der Anderen aus sicherer Entfernung.

Schreibblockade. Bewundernswert sind die, aus denen es nur so herausströmt. Ich werde am nächsten Wochenende mal diese gehypte Juli Zeh lesen. Mal sehen, was das ist. Interessant wäre zu wissen, ob die Leute die Romane kaufen, weil sie gut sind oder deshalb, weil in allen Zeitungen steht, dass sie gut sind. Das würde letztlich bedeuten, dass nur Leute Bücher kaufen, die Zeitungen lesen, ob nun als Papier oder auch online. Es gibt aber noch eine andere Szene, die anscheinend auch gut läuft, die ich nicht kenne. Kerstin Gier und so etwas wie das mit den grauen Schatten. Vielleicht sollte ich das auch mal lesen, um meine Schreibblockade zu lockern. Gut war ja auch diese Schriftstellerin, die aus Jena stammt, der Name fällt mir gerade nicht ein, doch, fällt mir ein: Melanie Rabe. Die hat mir gefallen. Immer wieder bewundere ich Max Goldt, der aber auch von Schreibblockade spricht. Und Stuckrad-Barre hatte ein Alkoholproblem, wäre mal interessant zu wissen, ob er clean ist oder wieder mit dem Trinken oder anderen vermeintlichen Schreibblockaden-Lösern angefangen hat.

Ich bin ein Kommunistenkind. Und schaue immer wieder mit Erstaunen zurück auf diese Vergangenheit. Unsere Vergangenheit in einer „Diktatur des Proletariats“, wie sie sich stolz nannte. Sie holt mich bisweilen ein, doch heute bin ich immun. Heute weiß ich ganz sicher, dass die „Idee“ eben nicht gut ist, egal, wie schlecht sie ausgeführt wird. Und eines habe ich ganz und gar nicht: Den Fanatismus, mit dem dieses Projekt immer wieder aufs Neue betrieben wird. Besonders fanatisch – ja anders kann man das nicht nennen – war meine Mutter. Wobei ich oft nicht weiß, wie sehr bei Sinnen derartig fanatische Menschen sind, wie sie einer war. Der Vater war vermutlich nicht so. Ich wüsste zu gern, ob er die Wende im Denken hinbekommen hätte, weg von seinen kommunistischen Vorstellungen. Wahrscheinlich dann doch nicht. Es ist Spekulation. Vielleicht war er doch nicht der große Denker, für den alle ihn hielten. Wenn er das gewesen wäre, wäre er dann so ein treuer SED-Genosse gewesen? Nein! Oder die dachten damals wirklich, dass sie ein ganz großes Projekt der Menschen-Beglückung betreiben. Das genau ist die Crux. Dass die Sozialisten/Kommunisten immer glauben, die anderen mit Glück versorgen zu müssen und nicht willens und in der Lage sind, diese anderen nach ihrer Fasson selig werden zu lassen. Sie müssen sich einmischen, weil sie denken, dass sie extrem hochwertig und moralisch sind. Es ist schwer, als Superlinker, sich davon zu verabschieden, dass man nicht für alle Menschen, schon gar nicht für alle die, die es in der Welt gibt, verantwortlich ist. Beschränkung auf den engsten Kreis ist schon anstrengend genug. Glücklicherweise bin ich die ersten Jahre bei meiner katholischen Großmutter aufgewachsen, das hat mich geprägt und letztlich vor dem Schicksal bewahrt, das eigene Denken über das vierzigste Lebensjahr hinaus zu verlernen.

Als wir wieder Deutsche sein durften – zum Tod von Sigmund Jähn

So gehen sie alle dahin. Die Helden der DDR – und alle anderen Helden auch. Früher oder später. Als Sigmund Jähn als „erster Deutscher“ im All war, fiel mir nur der Begriff „Deutscher“ auf. Das stand nämlich am nächsten Tag in allen Zeitungen der DDR. „Der erste Deutsche im All“. Plötzlich waren wir „DDR-Bürger“ wieder Deutsche. Was ansonsten nicht mehr so gesagt wurde bzw. nicht gesagt werden durfte. Wir waren in diesem Sinne keine Deutschen mehr, sondern eben diese seltsame Spezies der DDR-Bürger. – An dem Nachmittag, als das „Wunder“ passierte, hörte ich zufällig ein Hörspiel – zusammen mit Peter. Wir waren da so reingeraten, ich glaube, es war ein Samstagnachmittag. So ein lazy Samstagnachmittag. Ruhig und eben faul lagen wir auf dem Sofa und hörten „Der Almanach“ – ließen uns in ein Hörspiel ziehen, das doch ziemlich spannend war. Ich weiß nicht mehr, worum es ging und erfuhr nie, wie es endete. Denn plötzlich wurde das Hörspiel unterbrochen und alle Sender der DDR brachten gleichzeitig die frohe Botschaft des „ersten Deutschen im All“. Keiner entschuldigte sich für das unterbrochene Hörspiel. Zu groß war der Jubel der kleinen Republik. Am nächsten Tag waren alle Litfaßsäulen beklebt: Mit Plakaten. Der erste Deutsche im All – unser Sigmund Jähn. Das Fernsehen und die Rundfunksender berichteten rund um die Uhr. Alle Zeitungen voll und im gleichen Tenor. Gleichgeschaltet halt. Es gab sogar Weltraum-Lieder, die ganz schnell in allen Plattenläden lagen. Und der Jubel endete gefühlt nach Monaten. Konzertierte Presseaktion à la DDR, wie wir sie gewohnt waren. Man konnte es nicht mehr hören oder sehen. Und weil das so war, sind wir heute auch besonders hellhörig, wenn solche konzertierten Aktionen auf allen Kanälen wieder zelebriert werden. Wir kennen das eben. Ruhe in Frieden Sigmund. Das letzte Mal sah ich Dich in dem Film „Good bye Lenin“, da warst Du richtig sympathisch. Und im Laufe der Jahre haben wir Dich als „unseren“ Helden akzeptieren gelernt. Morgenröthe-Rautenkranz hieß Dein Geburtsort. ich hörte, es gäbe den Vorschlag, man könne die Bundesrepublik Deutschland nach diesem Ort umbenennen.

Foto: Dietmar Beck/Sigmund Jähn mit Jungen Pionieren in der Polytechnischen Oberschule „Friedrich Engels“ in Strausberg b. Berlin 1978

Das Katzenjammerkonzert meines Lebens

Heute wieder so ein Traum. Ein Albtraum: Ich muss etwas tun, was ich nicht kann. Es findet bzw. soll immer auf einer Bühne stattfinden. Es ist immer was Künstlerisches. Insbesondere meist etwas Musikalisches. Ich soll wahlweise ein Konzert auf der Gitarre oder mit der Geige geben. Oder singen. Oder etwas vortragen. All das kann ich nicht. Und ich weiß das auch im Traum. Ich tue immer so, als ob ich es könnte, bis kurz vor dem Auftritt. Dann versuche ich Gründe zu finden, warum dieses Event nicht stattfinden kann. Alle anderen denken, dass ich eine große Künstlerin bin und das ganz super machen werde. Ich komme mir wie eine Betrügerin vor und ich bin ja auch eine. Wie ich immer wieder in diese Situationen komme, weiß ich nicht. Nachdem ich heute mit einem Freund aus alter Zeit darüber gesprochen habe, machte dieser mich auf ein Geigenkonzert aufmerksam, das ich tatsächlich absolvierte. Er war nämlich dabei. Für alle, die das nicht wissen, ich musste in meiner Kindheit und Jugend auf Geheiß meiner Eltern Geige lernen. In der Schule, in die ich mit zwölf Jahren wegen Umzugs wechselte, wurde ich sofort in die dortige Musikgruppe des Musiklehrers eingeteilt. Ich musste zu den Übungsstunden eines Quartetts am Nachmittag gehen, in denen wir ein kleines Konzert probten, das dann vor der gesamten Schule in der Aula vorgeführt werden sollte. Ehe dieses für mich „Angst“-Konzert begann, suchte einer der Mitspieler seine Noten. Sie waren nicht auffindbar. Es war ein Suchen und sich gegenseitig verdächtigen. Ich fühlte mich unschuldig. Was hatte ich mit den Noten des Mitspielers zu tun? Soweit ich mich erinnern kann, spielte er dann ohne diese Noten. Aus dem Gedächtnis, welches wahrscheinlich nicht so gut war. Auf jeden Fall lieferten wir ein grauenhaftes Katzenjammer-Konzert ab. Was bei Streichern, die nicht routiniert und wirklich gut sind, kein Wunder ist. Es klappte nichts. Ich fiedelte wie besessen vor mich hin, ob ich meine Noten wirklich adäquat abspielte, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall war das Ganze ein Desaster, über das die Schule und alle Schüler noch lange lachten oder zumindest redeten. Mitten in unserem Gruselkonzert fiel der Vorhang und der Schulchor setzte zur Rettung ein und sang ein Lied. – Am Boden zerstört schlich ich in den Garderobenraum und wollte meine Geige einpacken. In meinem Geigenkoffer fand ich die Noten des Mitspielers, die dieser vordem nicht finden konnte. Ich weiß bis heute nicht, wie die da hingekommen sind. War das eine Intrige? Und wenn ja, wem sollte sie schaden oder nützen? Schuldbewusst, ohne Schuld zu haben, verbrannte ich die Noten zu Hause. Es war eines meiner schlimmsten Erlebnisse im jugendlich-pubertären Leben, das ohnehin schwer genug ist, wie jeder weiß. Ich hatte das alles vollständig verdrängt. Vielleicht deshalb immer wieder dieser Traum. Jetzt, da ich weiß, was vielleicht der Grund ist, hoffe ich auf ein Ende. Kein Albtraum von Bühnenheldentaten, die ich nicht vollbringen kann. Nicht mehr.

Winken und es scheußlich finden. Und dann in den Stadtpark…

Der 1. Mai. Der Kampf- und Feiertag der Internationalen Arbeiterklasse nannte er sich. Bei uns in der kleinen DDR. Feiertag war schonmal gut. Schulfrei auch. Und dann mit den Eltern zur Demonstration gehen. Die bestand darin, sich zu treffen, mit den Arbeitskollegen der Eltern und dann – wenn wir „dran“ waren – an den örtlichen Chefs von Partei und Regierung vorbeizudefilieren. Und natürlich – ganz wichtig – zu winken. Sie standen oben auf der Tribüne. Wir waren unten. Danach löste sich das Ganze auf und dann kam das, was ich liebte. Die Bockwurst. Und die Limonade. Denn überall waren Buden aufgestellt. Die Musik spielte. Auch etwas, das ich liebte. Und, als ich noch klein genug war, auf den Schultern des Vaters sitzen und ein Fähnchen schwenken. Wie war das schön! Erst später habe ich meine Mutter gefragt, was das für eine Demonstration ist, wenn wir den Oberen des Staates und der Partei zuwinken und sie milde zurück. Von ihrer Tribüne. Darauf konnte sie mir keine befriedigende Antwort geben. Sie war schon so gehirngewaschen, dass sie noch nicht einmal meine Frage verstand. Es war nun einmal so. Dass so etwas keine „Demonstration“, wie wir es u. a. in der Schule gelernt hatten, war, merkte ich ziemlich schnell. Und ich hasste nichts mehr, als mit vierzehn Jahren, als ich schon schwer pubertierend war, als ich mich schon schminkte, als ich nach den Jungs bei der Demonstration schaute und nicht nach den greisen Winkenden oben auf der Tribüne, dass ich mit einem lächerlichen Pionierhalstuch gehalten war, daran teilzunehmen. Ich ging mit Pionierhalstuch aus dem Haus und hatte nichts Eiligeres zu tun, als dieses abzulegen und dann gelangweilt den Treffpunkt unserer Schule aufzusuchen. Die Demo zu absolvieren. Winken und es scheußlich finden. Und dann in den Stadtpark. Immer noch Bockwurst, immer noch Limonade. Aber nun Jungs schauen, die es reichlich gab. Und wenn es ganz wunderbar wurde, in den Mai tanzen.

Mein Magdeburg – Zustandsbericht nach einem knappen Dreivierteljahr

Ich mag sogar diese unheimlich dicken blutjungen Mädchen, die es hier sehr oft gibt. Sie sind so selbstbewusst. Tragen schwarze Strumpfhosen oder Leggings zu seltsamen T-Shirts und haben immer ihren Freund dabei. Ich mag es, dass niemals Stau ist. Ich mag es, dass alles nah ist, egal, wohin ich auch will. Ich mag auch diese schweren Jungs, die in halbhandwerkerähnlichen Outfits über die Straße schlurfen. Ich mag es, dass viele Männer in den Einkaufszentren mit gelben Westen herumlaufen. Und man weiß nicht genau, warum. Ich mag, dass die gelbe Weste verstohlen auch im Fond der Autos ausgestellt wird. Ich mag das Radio hier – es ist MDR Sachsen-Anhalt oder auch Radio SAW. Sogar Radio Brocken. Der Brocken ist der höchste Berg des nahen Gebirges, das man in kurzer Zeit von Magdeburg aus erreichen kann. Es ist der Harz. Ein Mittelgebirge, das mit seinem berühmten Hexentanzplatz den Ort von Goethes Walpurgisnacht in „Faust“ zur Verfügung stellt. Und das auch eine „Rosstrappe“ hat. Da sprang einst eine Prinzessin, verfolgt von Ritter Bodo von Böhmen, mit ihrem Pferd von einem Berg zum anderen, um sich vor männlicher Begehrlichkeit zu retten. Die Rosstrappe, da, wo sie Anlauf nahm zum rettenden Sprung, das ist ein Abdruck im Felsen, den man heute noch bewundern kann. Ich mag meine schöne Wohnung, die bezahlbar ist, im Gegensatz zum Wahnsinn, der gerade in Berlin abläuft. Ich mag es, hier einkaufen zu gehen, denn es ist tatsächlich ein „Erlebnis“, so entspannt und freundlich, wie das passiert. Ich mag die DHL-Frau: „Frau Koeppe, kommst Du mal runter und nimmst Du auch was für die anderen an!“ – Natürlich mach ich das. Genauso geht’s mit der Hermes-Frau. Ich mag die Leute im Haus, die ich durch das Annehmen der Pakete kennenlerne. Sie sind alle jung und wahrscheinlich nicht aus dieser Stadt. Unser Haus ist – auch – ein WG-Haus. Und ich vermute, dass ich die Älteste bin. Und ich mag auch den Hausverwalter, der just in diesem Haus seine Verwaltung hat, und mich grüßt, als seien wir verwandt. Das ist das Leben in Magdeburg, in einer kleinen Großstadt.

Magdeburg – keep cool

Magdeburg ist so wunderbar einfach – Osten. Ich will ein Paket von Hermes abholen. Das findet in meiner Nähe im Opel-Autohaus statt, welches noch eine kleine Hermes-Filiale betreibt. Leider ist die Dame schon nach Hause gegangen, die den „Stand“ betreut. Sie hatte einen wichtigen „Termin“ bedauern irgendwelche Mitarbeiter und ich sage: Es gibt doch Öffnungszeiten. Antwort: Ja, da haben Sie Recht. – Ok, ich komme morgen wieder. – Dann ein erster Einkauf im Lidl, der sich in meinem „Versorgungsgebiet“ befindet. Wie ist es herrlich leer hier. Ganz im Gegensatz zum Berlin-Charlottenburger Lidl, in den ich wegen ständigem Gedrängels und steter daraus resultierender Unordnung nicht mehr gehen mochte – hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein. Ok, das ist der Slogan für dm, aber der Goethe-Osterspaziergang-Ausruf ist auch hier anwendbar. Entspannt schlendere ich im leeren Lidl am Abend. An der Kasse eine gelangweilte Kassiererin mit Extrem-Rosa-Lila-Bläulich-Pink-Haar in Superlänge. Lässig schiebt sie meine Waren über den Scanner. Nur keine Hektik. Schön. Dazu bewundere ich ihren üppigen Busen, vermutlich ohne BH, den sie lasziv über den Tresen gelagert hat. Leider wage ich nicht, ein Foto zu schießen. Hier ist Phantasie das Mittel der Wahl, um sich das vorzustellen 🙂