Was ist Erfolg – Das musikalische Leben des Peter Cäsar Gläser – zum 70. Geburtstag am 7. 1. 2019

Am vergangenen Freitag interviewte mich eine Journalistin vom Mitteldeutschen Rundfunk wegen des 70. Geburtstages von Peter Cäsar Gläser. Anlass war das Gedenk-Konzert, das morgen im Leipziger „Anker“ stattfindenden wird. Meine Söhne Robert und Moritz werden – neben vielen anderen Weggefährten und Künstlern – auftreten. Ich bin keine geübte Rednerin und so wusste ich nach dem Interview nicht mehr richtig, was ich gesagt hatte. Mein Gestammel kam mir verheerend vor. Da es ohnehin nur ein kurzer Beitrag werden sollte und ich – als Radiofrau – weiß, was nach dem Schneiden der O-Töne noch bleibt, mach ich mir nicht wirklich Sorgen.

Aber ich habe nachgedacht. Vor allem über die erste Frage, die ich beantworten sollte. Sie erschien mir simpel und überflüssig. Dennoch hat sie ein Potential, das ich in der Kürze nicht ausschöpfen konnte. Sie lautete: „Wann hatte aus Ihrer Sicht Cäsar seine erfolgreichste musikalische Zeit?“

Abgesehen davon, dass ich ihn niemals Cäsar nannte, sondern immer Peter, verblüffte mich die Frage kurz. Ist doch klar! Das war die Zeit mit RENFT. Denn diese Zeit machte ihn überhaupt erst erfolgreich. Im kleinen Land. Natürlich könnte man nachdenken, was „erfolgreich“ wirklich bedeutet: Finanziell erfolgreich. Berühmt sein. Im Fernsehen und im Radio präsent sein. Viele Platten, CDs, Alben produzieren und verkaufen. Jedes Kind kennt Deinen Namen. Nicht nur Erfolg, sondern auch reich. Das wäre – so schnöde umrissen – erfolgreich.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Peter sich darum wenig Gedanken machte. Er kam mit siebzehn Jahren zu RENFT. Und da wollte er einfach nur Musik machen. Vordem hatte er den ungeliebten Beruf des Elektrikers gelernt – letzter Satz im Facharbeiterzeugnis „Aus Peter Gläser könnte durchaus noch etwas (Vernünftiges/Ordentliches) werden“ – und er war glücklich, dem Hamsterrad im Gaswerk „Max Reimann“ in Leipzig entronnen zu sein. Wunderbar war die Zeit, nachdem er auch noch den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte und erneut bei RENFT spielen durfte. Er wollte nur spielen. Er wollte die Songs, die er seit Jahren im Kopf hatte, endlich auf die Bühne bringen. Und so entstand sein erster Hit „Wer die Rose ehrt“, vielleicht der erste DDR-Rockschlager, der von allen Radiostationen gespielt wurde. „Ein schönes Lied!“ sagte nicht nur meine Mutter. Peter hatte die Gabe, Songs mit dem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu erschaffen. Das gefiel auch den Muttis und Omas. Und auch den jungen Männern und Frauen. Damals auch den ganz Jungen. RENFT überhaupt – die Band – wurde zum Kult. Man fuhr an den Wochenenden in die berühmten Dorfsäle – Gaschwitz oder Amorsaal Mülsen, nur so als Beispiele. Die Band klang schrecklich, die Technik, mit der die Musiker notdürftig hantieren mussten, war schlecht. Doch war es Sex, Drugs and Rock’n’Roll à la DDR. Die damals noch so genannte Beatmusik war endlich in das kleine Land hinter dem Eisernen Vorhang eingezogen. Und mit Einschränkungen erlaubt. RENFT, Stern Meißen, die Pudhys, Karat, Elektra, Hansi Biebl, Jürgen Kerth und zahlreiche andere tourten sehr erfolgreich durch die Lande und es entstand das, was heute Ostrock genannt wird. Ich kann es auf die Schnelle nicht mit einer Quelle belegen, aber ich hörte später, dass der Westberliner Musikkritiker, Autor und Ostrockkenner Olaf Leitner sagte: „Sie schrieben Welthits, die keine werden durften“. Ja, so war das. Peter hat später viel darüber nachgedacht, ob er im Westen auch so berühmt geworden wäre, wie in der DDR. Die Frage kann niemand beantworten und sie ist auch müßig. Es gibt kein Parallelleben, zumindest keines, von dem wir wissen.

Jetzt zu meiner Antwort auf die Frage: Wann war Peter Cäsar Gläser am erfolgreichsten? Natürlich beantworte auch ich die Frage mit: Es war RENFT. Da kam er zu Ruhm wie die Jungfrau zum Kind. Ungeplanter Ruhm. Einfach so. Er war jung und hungrig. Die anderen in der Band waren es auch. RENFT war mit drei höchst unterschiedlichen Sängern besetzt. Die Band hatte einen cleveren Leader, Klaus Renft. Die Band war innovativ. Und stritt sich gern. Und wurde im September 1975 verboten. Das adelte sie umso mehr. Das Verbot machte sie unsterblich. Peter meinte: „Hätten die uns nicht verboten, hätten wir uns selbst aufgelöst, denn wir standen kurz davor, uns zu trennen.“ Zu groß waren die Meinungsverschiedenheiten. Dennoch: Auch wenn die Kulturbeauftragten in den Städten, Kreisen und Bezirken der DDR und die der Medien sich noch so bemühten, das „Ereignis“ der Band RENFT in der DDR ungeschehen zu machen, es gelang nicht. Die zwei Langspielplatten, die die Band in der kurzen Zeit ihrer Erfolgswelle herausgebracht hat, wurden immer höher schwarzgehandelt. Bis zum Ende der DDR. Wo ein Bedürfnis ist, schafft es sich einen Weg. Erfüllungsgehilfe war die Band „Karussell“, in die Peter Gläser und der Schlagzeuger von RENFT, Jochen Hohl, 1976 einstiegen. Peter öffnete dem ebenfalls sehr cleveren Bandleader Wolf Rüdiger Raschke – das war die Chance seines Lebens und das wusste er – die wichtigen Türen beim Rundfunk und bei den Konzertagenturen – und schon startete „Karussell“ mit einem neuen Gläser-Hit „Whisky“ in die DDR-Charts und mit diversen Tourneen ins Land. Und sie hatten Erfolg, der zunächst darauf beruhte, dass die Fans eine Art Ersatz-RENFT in der Band sahen bzw. sehen wollten. Ein schweres Erbe, das Karussell anständig bediente. Und immer mehr und immer besser. Es gab kaum einen Monat, in dem die Band nicht mindestens dreißig Mal spielte. Und das über Jahre. Nebenbei wurden bei der einzigen Plattenfirma der DDR, „Amiga“ noch Langspielplatten eingespielt. Und Peter immer als Frontmann und Gitarrist. Das war zu viel. Es drosselte die Kreativität und vermehrte den Alkoholkonsum. Peter war unglücklich, irgendwie spürte er, dass er etwas anderes wollte. Nur was?

Wir diskutierten nächtelang, auch mit unseren zahlreichen Freunden, die eher nicht in der Musikerszene ansässig waren, sondern – es waren zum größten Teil meine Freunde – als Maler, Bildhauer, Dichter, Psychologen oder Lebenskünstler ihren Unterhalt bestritten. Einschließlich meiner Person – ich wurde von hämischen Zeitgenossen als Peters Yoko Ono bezeichnet, ja, die meinten das nicht freundlich. Vielleicht hatten sie recht. Dieser Freundeskreis und ich bedienten Peters lebenslange Sehnsucht nach philosophischen Erklärungen und seinen Drang, etwas „ganz Großes zu tun“. Zunächst einmal waren wir uns alle einig: Peter sollte die Band Karussell verlassen. Dazu rieten wir ihm alle, denn die Band nannten wir kommerziell und wenig innovativ. Heute weiß ich, dass das höchstwahrscheinlich ein Fehler war. Ich würde mit meiner heutigen „Lebensweisheit“ nie mehr derart strikte Ratschläge geben. Aber es war so und zu ändern ist es auch nicht.

1983 stieg Peter bei „Karussell“ aus. Unter sehr großen Schwierigkeiten, wir brauchten eine große Musikanlage, einen Lastentransporter, neue Musiker und Techniker, stürzten wir uns in die Organisation von Peters neuem Musikerleben – als Bandleader. Es wäre eine andere und endlose Geschichte der Niederlagen und Erfolge, wollte ich aufzählen, wie wir es schafften, am Ende tatsächlich eine Band mit einer Anlage, zwei Technikern und einem LKW zu haben, die den frischgebackenen neuen „Cäsar“ auf der Bühne und drumherum unterstützte und begleitete. Wir taumelten mit „Cäsars Rockband“ einer ungewissen Zukunft entgegen. Peter verwirklichte seine und vor allem meine alten Träume. Die von einem Bühnengesamtkunstwerk. Mit Musikern, Malern und Dichtern. Es war nicht unerfolgreich, aber erfolgreich war es nicht.

Bemerkenswert in dieser Phase ist vielleicht, dass Peter anfing, eigene Texte zu schreiben und das nicht einmal schlecht. Später sogar ein Buch. Leider hat er – noch später – wieder damit aufgehört. Auch hatte er eine lange cleane Phase in Bezug auf den Alkohol. Selbstverständlich folgte die einem quälenden Absturz.

Wir entschlossen uns, das Land DDR zu verlassen. Was wir auch taten. Wobei Peter später sagte, er hätte es nur meinetwegen gemacht. Na, das hat er ja dann auch korrigiert. – Ab Westberlin vergaßen wir für kurze Zeit unsere Träume. Da war nur noch Überleben angesagt. Peter fuhr Taxi. Ich lernte zunächst den Beruf einer Bürokauffrau. Dann studierte ich noch einmal an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Peter gründete zu Beginn der Neunziger – anfangs noch gemeinsam mit unserem Sohn Robert – eine neue Cäsarband, die aus wirtschaftlichen Gründen recht schnell zum Cäsar-Trio wurde. Damit tourte Peter durch die Dörfer und ein paar Städte der DDR. Das war aufgrund seines alten Ruhmes möglich. Es ernährte uns, aber erfolgreich war auch das nicht.

Ende der Neunziger Jahre trennten wir uns. Peter zog nach Leipzig zurück. Das Cäsar-Trio löste sich auf. Er formierte noch weitere Male neue Bands. Kam aber nie mehr wirklich auf die Beine. Der junge hungrige Musiker von einst war alt geworden, hatte vieles probiert, dazu gehörten auch vollkommen andere musikalische Stile, die er in seine Musik integrierte. Und eine Autobiografie, die ich persönlich als nicht so „gnadenlos ehrlich“ empfinde, wie es von einigen Kritikern dargestellt wurde. Auch das ist ein anderes Kapitel.

Mein Fazit: Peter Cäsar Gläser konnte tatsächlich Hits schreiben. Eingängig bis zur Schmerzgrenze, wie ein Dichter-Freund einmal sagte. Eingängig, melodiös, volkstümlich. Er wollte aber mehr. Er wollte ganz neue Kunstwerke schaffen, das war nicht so erfolgreich. Und vielleicht meinen Einflüsterungen geschuldet.

Und so geht sein innovativer Erfolgspegel im Verlaufe seines Lebens immer weiter nach unten. Seine innere Zufriedenheit litt dennoch nur unwesentlich oder gar nicht. Er war, was sein Können in der Musik betraf, ein Realist. Mehr, als manche denken oder meinen. Er hatte dennoch immer Pläne und – nun ja – Visionen. Leider kam ihm seine aggressive Krankheit dazwischen. Er wollte unbedingt an seinem 60. Geburtstag, am 7. Januar 2009, mit seinen Söhnen auf der Bühne des „Ankers“ in Leipzig stehen. Das letzte Mal vor seinem Tod, als ich ihn mit den Kindern besuchte, plante er ungebrochen für diese Veranstaltung. Er wollte gern bis zuletzt an die Möglichkeit einer Spontanheilung glauben, denn Spirituelles hat ihn auch sein Leben lang fasziniert. Nach diesem – auch sehr lustigen – Gespräch in der Palliativen Station des Elisabeth-Krankenhauses in Leipzig hob ich ihn in einen Rollstuhl und schob ihn zum Abendessen. Und habe ihm so sehr sein Wunder gewünscht.

Foto: Peter Cäsar Gläser und ich in den Achtzigern

Angekommen in Magdeburg – Hauptstadt der Tätowierten und Kurze-Hosen-Trägerinnen (gefühlt)

Also Magdeburg. Es ist heiß. Wie überall. Bin nicht in der Lage, eine einzige Kiste auszupacken. Gottseidank habe ich dank Vodafone-Giga-Cube tatsächlich Internet. Auch ohne Telekom und Glasfasern. So dass ich arbeiten kann. Haupttätigkeit dennoch: Einkaufen, was ich alles in Berlin vergessen habe. Neben spärlichen Esswaren, Küche wird erst in drei Wochen eingebaut – Eimer, Besen, Müllbeutel, Duschbad, Haarwaschmittel, Akkuschraubbohrer, Rollos gegen Sonne und Nachbarn, Glühlampen, Dübel, Nägel usw., usf. Beim Schlendern in Super-, Drogerie- und Baumärkten stelle ich fest, dass hier in MD gerade die Weltmeisterschaften für diverse Titel in „Ganzkörpertätowierung ohne Grenzen“ ausgetragen werden. Es ist heiß. Ich komme mir alt und aus der Welt gefallen vor. Ich habe kein Tattoo und kein Piercing. Und außerdem – keine kurze Hose.

Mein Leben mit der Telekom – oder – Telekom-Anja zwar nicht, aber „Telekom-Markus hilft“

Mein neues Jugendstilhaus in Magdeburg. Es hat einen Glasfaserkabelanschluss der Deutschen Telekom. Mit vorinstalliertem Modem in jeder Wohnung. Ich sah dieses Modem. Es liegt groß und gut sichtbar neben der Eingangstür rechts. Dazu das legendäre Glasfaserkabel in eigens dazu eingebauten „Hüllen“, die wie Überputzleitungen der neuen Zeit aussehen – aber viereckig. Aber: Nach Bestellung der „vollen Packung“, Festnetz (müssen Sie leider nehmen), DSL und ein Riesenpaket Gigabyte wird mir nach zwei Wochen mitgeteilt: Leider können wir Ihnen kein Internet bereitstellen. „Unser Zeitfenster“ ist der 3. Oktober! (Sic! ist das der Nationalfeiertag, oder wie heißt das heute? Vielleicht nur noch „Der Feiertag“?). Nun ja. Ich habe kein Internet. Fuhr flugs noch einmal nach Magdeburg in den dortigen Telekom-Shop. Es empfing mich ein – ich sage das jetzt mal so, obwohl ich das Wort nicht mag – Vollhonk. Aber mit Schuhen in den Farben des Unternehmens. Pinke Turnschuhe. Nein, wir können Ihnen kein DSL bereitstellen. – Wann können Sie denn? – Das Zeitfenster ist Oktober. Aber Genaues weiß man nicht! – Dann vielleicht ein Festnetzanschluss. – Nein, auch ein Festnetzanschluss ist nicht möglich. – Also – nichts. – Ja, so ist es. – Ist ja wie in der DDR! – Er sagte nicht: Sie sind in der DDR! Dafür fehlte ihm Bildung und Humor. Ich weiß schon, warum ich die Deutsche Telekom einfach unterirdisch finde. Also kaufte ich mir, um arbeiten zu können, nun einen Giga Cube bei Vodafone. Wer das noch nicht kennt: Man kauft ein Gerät, das aussieht, wie aus der Zukunft. Einen Cube. Weiß und geheimnisvoll. Und steckt dieses Ding per Strippe in die Steckdose. Dann haste Internet. Und zwar 200 GB im Monat. Und zwar überall, wo eine Steckdose ist. Ich könnte fast wie eine Grüne jubeln. Alles Gute kommt aus der Steckdose. Aber da ist eine Chip-Karte drin. Es funktioniert also wie ein Handy. Die erste Schreckensrechnung zum Wundergerät traf heute auf meinem Konto ein. – Das nur eines der kleinen Nebenprobleme 🙂 Aber immerhin ermöglichen die mir Internet, damit ich arbeiten kann. Magdeburg ist ja kein Dorf im Hinterland, sondern eine Landeshauptstadt. Die Wohnung hat einen Glasfaseranschluss, aber ich kann dort und damit nicht arbeiten. Nur mit dem Vodafon-Cube. Danke Telekom! Für die Glasfaserbesatzung und das bewährte Nicht-Gelingen von großartigen Vorhaben.

Diesen Text pinnte ich der Telekom auf die Facebook-Seite. Eine Freundin riet mir, auch etwas bei der Facebook-Seite „Telekom hilft“ zu hinterlassen. Ich hinterließ den gleichen Text. Beide beantwortet von Anja von der Telekom, die „helfen“ wollte und mit mir telefonierte. „Elisabeth, wir klären das. Ich bin Anja, ich bin für Dich da!“ Super. Super-Anja. Das Ergebnis unseres Telefonats war, dass ich ca. 48 Stunden später eine Mail erhielt, die mir die Bestellung eines höheren Tarifes für mein Handy, über das wir gar nicht gesprochen hatten, bestätigte. Ich wühlte mich durchs Telekom-Telefon-Menue, um zu fragen, was das für eine Bestellung sei, die ich nicht ausgelöst habe, keiner wusste es. – Ich stornierte die Bestellung und schrieb Anja, dass das ja nun irgendwie „nichts“ war, oder eben fatal, was bei ihrer Hilfe herausgekommen wäre. Eine „Geisterbestellung“. Anja meldete sich nie mehr bei mir, dafür Markus von „Telekom hilft“. Wir telefonierten lange und ausgiebig am Abend, denn Markus ist immer abends da, wie er mir sagte, und er wird fortan mein „Begleiter“ sein, wenn ich Telekom-Probleme habe. Zunächst kündigte er mir an, er versprach es geradezu verschwörerisch, dass ich am 22. August in meinem Glasfaserkabelhaus nun doch einen Internetanschluss bekomme. Wie von allein wird er an diesem Tag aufgeschaltet, kein Techniker wird erscheinen, es passiert, versprach mir Markus. Spätestens bis 21.00 Uhr. Nun harre ich der Dinge und hoffe, dass die Markus-Glaskugel das Richtige prophezeite. Ich halte hier auf dem Laufenden 🙂

Wie die Zeit vergeht – und schon bin ich die Großmutter einer Zwanzigjährigen

Meine Anna. Sie wird heute 20. Ich überlege gerade, was bei mir so on top war – als ich zwanzig wurde. Aber mir fällt nur ein, das ich da ihren Vater – Robert – schon zwei Jahre „hatte“. Und er nervte mich enorm – eigentlich war ich auch noch Kind, aber dennoch auch Philosophiestudentin. Vergessen. Heute sind Robert und ich beste Freunde. Er schenkte mir Anna. Gemeinsam mit Saskia, der Mutter von Anna. Anna, meine einzige Mädchen-Enkelin. Mein ein und alles. Ich habe sie von der ersten Minute an so sehr geliebt. Und ihr versprochen, dass ich immer für sie da sein werde. Das ist eines der wenigen Versprechen in meinem Leben, das ich uneingeschränkt eingehalten habe, auch wenn Anna nervte, ningelte, dumm und pubertär war. Aber immer gern, wenn sie lieb und süß und wunderhübsch herumhüpfte und sich des Lebens freute. Wir haben so viel miteinander erlebt, dass ich es hier nicht aufzählen kann. Sie war wie meine Tochter, die ich nicht hatte. Und das war ein Geschenk Gottes, für das ich immer dankbar sein werde. Meine schöne Anna. Meine gern wegen jeder Kleinigkeit weinende Anna. Meine zu tröstende Anna. Meine dankbare und undankbare Anna. Mein Kindeskind. Saskia ist eine großartige Mutter gewesen. Sie war mir gegenüber immer großzügig. Niemals war sie eifersüchtig auf unsere Großmutter-Enkelin-Beziehung, sondern immer hocherfreut, dass es so etwas Einmaliges gab und gibt. Danke Saskia, Danke Anna, Danke Robert, dass es Euch in meinem Leben gibt. Anna maulte in letzter Zeit ein bisschen herum, weil ich nach Magdeburg umziehe. „Du wirst dort vereinsamen, Oma!“. Nein, werde ich nicht, weil ich ein virtueller Mensch bin. Sonst würde ich das hier jetzt nicht schreiben. Herzlichen Glückwünsch uns allen in dieser Familie zu diesem Kind. Zu dieser Erwachsenen. Zu dieser Zwanzigjährigen jungen Frau. Annamaria Romanski.

Adieu, Berlin!

Liebe Gemeinde, ich werde Berlin verlassen. Es war mir immer eine fremde Stadt. Außer, als ich ankam, damals Ende der Achtziger. Da war das Westberlin, in dem ich glücklich mit Peter von Café zu Café taumelte, eine Insel der Seligen. Aber es sollte nicht lang dauern, dann kam die „Wende“. Die Stadt wurde belagert. Von Ossis, die kannte ich ja, aber auch von Spekulanten, die kannte ich damals nicht. In den Neunzigern war alles möglich. Ich wusste das nur nicht. Hätte ich es gewusst, hätte ich Wohnungen und Häuser gekauft, wofür ich damals natürlich das Kapital nicht besaß. Und auch nicht die kapitalistische Gesinnung oder überhaupt das Gespür fürs Geschäft. Schade. So nenne ich das, was ich jetzt besitze, da meine Besitztümer zwar größer sind, aber nicht so groß, um im Immobilienhaifischbecken von Berlin mit zu schwimmen. Zu spät. Alles falsch gemacht. Ich wohne in einer überteuerten Altbauwohnung in Charlottenburg. Dem mach ich jetzt ein Ende. Ich zieh um. In die wunderschöne Stadt Magdeburg, in der man für das gleiche Geld Paläste mieten kann. Was ich natürlich nicht tue. Denn ich will nicht mein ganzes Geld für Mieten bezahlen. Aber die neue Wohnung ist wunderschön. Für den Preis würde ich hier in Berlin ein „Loch“ mieten dürfen. Was werde ich an Berlin vermissen? Nichts. Nur meine Familie. Und das war eine wirklich harte Entscheidung. Meine drei Söhne und die Enkel und die Schwiegertöchter wohnen ab sofort anderthalb Stunden entfernt. Wir haben social media, wir haben Handys, wir haben uns – trotzdem. Die Kinder sind ein bisschen sauer, aber sie werden sich daran gewöhnen. ich auch. So hoffe ich.

P.S. Ich werde natürlich weiter in Berlin arbeiten. Bei meinem Radiosender. Ich habe jetzt eine Bahncard.

Als der Regen niederging – meine Begegnungen mit Holger Biege

Holger Biege ist gestorben. Das sagt sich so leicht, es sei „besser für ihn gewesen. Das ist doch kein Leben!“ Gelähmt durch einen Schlaganfall, nicht mehr das machen könnend, was ihn auszeichnete: Musik. Ob das, was ihm noch blieb, ein Leben war, wusste nur er allein. Er hat dieses Leben fünf Jahre geführt. Ich habe für ihn gespendet, vor zwei, drei Jahren. Es ging um ein Auto, das extra für ihn umgebaut wurde, damit er auch zu Veranstaltungen fahren kann. Eine sehr schöne Aktion war das, daran habe ich mich gern und stillschweigend beteiligt. Ich war es ihm schuldig. Denn er hat mir Glücksgefühle geschenkt. Mit seinen Liedern. Das erste – nicht Glücksgefühl, sondern heute würde man es „WOW“-Gefühl nennen – löste er 1977 bei mir aus. Mit seinem ersten Song, der im DDR-Radio gespielt wurde. Ich weiß es noch genau: Ich stand in unserer Küche in Leipzig, damals noch in der Tschaikowskistraße im Waldstraßenviertel, und hörte „Als der Regen niederging“. Ich hörte das und war wie erstarrt. Und ich sagte zu Peter: „Wer war das? Der hat deutsch gesungen und es klingt trotzdem wie ein Amerikaner.“ Zumindest so, wie ich mir einen deutsch singenden Amerikaner damals vorstellen konnte. Der Gesang und das Arrangement: Es war anders. Ich ließ das Radio an und wartete tage-, ja sogar wochenlang immer auf diesen Biege-Song. Dass das von einem Holger Biege war, brachte ich schnell in Erfahrung. Peter war ein großzügiger Mensch, wenn es um die Bewertungen der Leistungen anderer Rockmusiker ging. Er war verschwenderisch in seinem Lob und ging locker mit Bewunderung um. Aber nicht, wenn ich einen anderen besser fand, als ihn. Das bitte nicht! Kurz darauf lernte ich den Ausnahmemusiker der DDR-Rockmusik kennen und ab diesem Zeitpunkt mochte ich ihn noch mehr. Holger Biege war nicht nur ein großartiger Musiker, er war auch intelligent und – gebildet. Unter DDR-Rockern nicht unbedingt die hervorstechendste Kombination. Holger und ich lernten uns bei Peters damaligem Band-Chef, Wolf-Rüdiger Raschke, kennen. Dieser gab im Haus seiner Eltern, in der Kellerbar, eine Art Party, zu der auch Berliner Musiker und Musikjournalisten geladen waren. Einer von diesen brachte Holger Biege mit, der damals der Newcomer-Star in der Szene war. Er war keine rasante Erscheinung und tat auch – wie es schien – nichts dafür. So ein bisschen wirr um den Kopf, nachlässig gekleidet. Aber eine scharfe Zunge. Im Laufe des Abends kam er zu mir: „Du bist also die Frau von Cäsar! Und – macht es Spaß mit ihm?“ – Eine seltsame Frage. Ich wusste vor Schreck nicht, was ich antworten sollte. Irgendwas wahrscheinlich. Wir unterhielten uns an diesem Abend noch ausführlich über ihn und seine Musik. Ich erzählte ihm, dass ich seine Schallplatte oft hoch- und runterhöre, er meinte, dass er vieles ganz anders machen würde. Wenn er könnte, wie er wolle. Im Kopf ist mir nur geblieben, dass er den Namen Karlheinz Stockhausen erwähnte, den ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte, und dass er mit glühenden Augen rief: „Wer in meiner Band spielen will, muss machen, was ICH will. Ansonsten geht das nicht für mich.“ Er sprach nicht sächsisch, wie die meisten Musiker in der DDR. Er sprach hochdeutsch, denn er stammte aus Greifswald. Heute Mecklenburg-Vorpommern. Ich war fasziniert von diesem großen, irgendwie unbeholfenen, aber messerscharf denkenden Mann. Der dazu noch kreativ war. Leider trank er etwas zu viel. Das kannte ich ja schon von meinem Mann Peter. – Im darauffolgenden Jahr habe ich ihn in meiner Eigenschaft als „Kulturpolitische Mitarbeiterin“ in einem Kulturhaus zu einer Veranstaltung eingeladen. Da holten mich die Türsteher, weil da ein „Mann draußen steht, der behauptet, hier spielen zu wollen“. Ich ging zum Einlass und da stand Holger. Im Schipullover mit einem Dederonbeutel in der Hand. Er war mit dem Zug gekommen. Wie ein Star sah er nicht aus. Ich sagte zu den Männern am Einlass: „Das ist Holger Biege!“. Und sie schauten mich ungläubig an. Ich freute mich, ihn mal wieder zu sehen und ging mit ihm in die Künstlergarderobe hinter der Bühne. Er sagte, er müsse erst einmal etwas trinken. Und schenkte sich ein großes Glas Schnaps ein. Und dann noch eins. Sonst könne er nicht auftreten. Er war damals 26. Da verzieh der Körper das noch. Später setzte er sich ans Klavier und legte einen grandiosen Auftritt hin. Ganz allein. Holger Biege und das Klavier. Und sein Gesang. Wunderbar. – Das letzte Mal sah ich ihn auf einem Stadtteilfest im Prenzlauer Berg zu Beginn der Neunziger. Er trat dort auf. Ich war zusammen mit Peter dort. Er freute sich, uns zu sehen, und wir tranken nach seinem Auftritt noch etwas zusammen. Holger erzählte von seiner Zeit im „Westen“ und wie schwer es gewesen sei. Das wussten wir ja schon von vielen anderen und von uns selbst, wie ernüchternd das als ehemals bejubelter Künstler aus der DDR war. Er hatte auch eine neue Schallplatte gemacht, die er uns signiert schenkte. Es war wirklich noch eine Schallplatte. Ich hörte sie mir an und es gefiel mir nicht mehr. Nicht so, wie damals, als der „Holger-Biege-Regen“ auf mich niederging. Nicht mehr wie damals. Aber es war sein Werk, auf das er stolz war. Er hat sich – entgegen seinem Namen – nicht verbiegen lassen. Er hat weiter so komponiert, wie er es wollte, er hat weiter so getrunken, wie er es wollte. Er war ein starker Charakter mit einer sehr dunklen Seite. Wie alle großen Künstler.

Und überall atmet die Großmutter – mein Österreich.

Salzburg also. Fliegen war dieses Mal fast erträglich. Hatte selten wirklich Angst, nur die Gewohnheitsangst gewissermaßen. Viel getrunken, viel geredet, viel gelaufen, viel gegessen. Viel nachgedacht. Sehr ereignisreich. Die österreichische Kultur, vor allem aber auch Ess- und Trinkkultur, wieder sehr genossen. Den wundersamen Friedhof besichtigt. Wahnsinn, diese Österreicher, die mir so nah sind. Überall atmet die Großmutter. Manchmal möchte ich einfach dort bleiben. Auch diese Sprache ist mir nah, alles ist mir nah. Das Katholische. Das Gemütliche, das Morbide und auch das Schwarzhumorige. Das Weinerliche. Wenn ich nur die Großmutter und den Vater, der ja auch vom Ursprung her ein Österreicher war, ein einziges Mal noch sehen oder auch hören könnte, das wäre wunderbar. So bleiben sie für immer in meiner Erinnerung und mit meiner Erinnerung werden sie dann endgültig sterben. Dann gibt es niemanden mehr, nur im Fall meines Vaters vielleicht meine Schwester, der an sie denken wird. Weil sie so früh gestorben sind. Wenn ich es recht bedenke, starb der Vater nur zwölf Jahre nach der Großmutter. Das hab ich noch nie so gesehen, wie wenig Zeit das war. Die Mutter blieb noch lang im Leben. Von 1977 bis 2014, das sind 37 Jahre, die sie ihn überlebt hat. Den, von dem wir immer nur Gutes denken, den wir als jungen Mann in Erinnerung haben. Von ihr bleibt der entsetzliche Eindruck des Endes. Das ist bitter. In letzter Zeit habe ich mir oft die guten Fotos von ihr angesehen. Die schönen, auf denen sie jung und kräftig und bei Sinnen war.

In einer anderen Zeit in einem untergegangenen Land – Als wir Geburtstag feierten – Peter Cäsar Gläser zum 69.

Heute nennen es die jungen Leute „feiern“, wenn sie sich treffen. Anlass egal. Aber – es könnte auch ein Geburtstag sein. Meist am Wochenende. Auch wir feierten damals. Peter und ich feierten oft. Auch in der Woche. Noch mehr, als am Wochenende. „Feiern“ nannten wir das nur, wenn Geburtstag war. Das betraf seinen, meinen und – oh Graus, die Kindergeburtstage. Außerhalb gab es Geburtstagsfeiern von Freunden oder bei Peters Eltern. Seine Mutter Ende Dezember. Der Vater Mitte Januar.

Als ich das erste Mal mit bei den zukünftigen Schwiegereltern war, das war ein Dezember, also Mutter-Geburtstag, brachte er mich als „Überraschung“ mit. Ich war für seine Eltern und die gesamte Verwandtschaft die bisher im Verborgenen gehaltene Geliebte. Die Böse. „Die, die seine Ehe auseinandergebracht hat.“ – Peter betrat also die „Gute Stube“. Er war nach einem Jahr zum ersten Mal wieder da. Wegen seiner Scheidung wollten die Eltern nichts mehr von ihm wissen: „Wir haben keinen Sohn mehr!“ – Aber wenn der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrt, wird dann doch gejubelt. Also freuten sich die Eltern, die Großmutter, die Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und die Gartenfreunde und sie lachten und hoben die Gläser. Dann kam ich. Man hatte mich bisher noch nicht gesehen, denn ich stand hinter Peter. Das Gelächter erstarb. Alle schauten betreten. Keiner sagte etwas. Großes Schweigen. – „Das ist also Deine Freundin!“ rief der Vater und versuchte die Situation zu retten. „Ja, gewissermaßen“ – meinte Peter und sagte nicht, dass wir schon seit einem Vierteljahr verheiratet waren. Und Peters Vater – ganz Bierfahrer, der er war – hielt mir ein Glas mit einem Getränk hin und sagte: „Setzen Sie sich doch!“ – „Die gefällt mir, an der ist wenigsten was dran!“ rief Wanda, die polnische Oma und Mutter des Hausherrn. Alle anderen sagten erst einmal nichts. Irgendwie kamen wir dann doch noch alle ins Gespräch, die Runde war erleichtert und als alle gegangen waren, erfuhren Peters Eltern zu ihrem Entsetzen, dass wir verheiratet sind. Die Mutter begann zu weinen und war gleichzeitig beleidigt, weil sie „es so“ erfahren musste. „Da müssen wir wohl jetzt DU sagen!“ – „Ja, können wir machen, ich heiße Elisabeth.“ – Das war Geburtstag Nr. 1.

Geburtstag Nr. 2 war ein Peter-Geburtstag, der 30. oder 31. Wir wohnten noch nicht in der legendären Lindenthaler Str. in Leipzig-Gohlis, sondern in der Tschaikowskystr. im Waldstraßenviertel. Am Nachmittag dieses 7. Januars waren Peter und ich in der „Kaufhalle“ und entdeckten zu unserem Erstaunen Kästen mit Tonic Wasser. Das war sehr selten. Und noch dazu fanden wir echten Gin. Superselten. Verwundert und begeistert sagte ich: „Was meinst Du? Wir kaufen jetzt ein paar von diesen Gin-Flaschen, dazu einige Kästen Tonic und machen heute mal eine Gin-Tonic-Party. Das gabs noch nie bei uns und einfach ist es auch. Wir müssen uns über weitere Getränke keine Gedanken machen.“ Gesagt, getan. Wir kauften das Set in vielfacher Ausführung. Dazu noch ein paar alkoholfreie Getränke, die ohnehin nur Robert trank, der damals noch Kind war, und sonst… mir fällt niemand ein. Dazu noch ein paar Alibi-Bierflaschen. Was wir zu Essen hatten, weiß ich nicht mehr. Alkohol-Killer dürften das nicht gewesen sein. Denn es passierte natürlich etwas. Die reichlichen Gäste, mir fallen nur noch unsere Freunde von nebenan, Max und Mable, ein, ansonsten noch Musiker mit ihren Frauen, ein paar Cäsar-Fans, vielleicht Heike, meine Freundin. Aber genau weiß ich es nicht mehr. Auf jeden Fall tranken alle begeistert Gin-Tonic. Einen nach dem anderen. Wir saßen in dem einzigen großen Zimmer, das wir damals hatten, am Tisch und auf den Sofas, die darum gruppiert waren. Partygespräche. Mir fällt heute partout nicht mehr ein, worüber. Und ich würde mich an diesen Geburtstag nicht mehr erinnern. Aber an das: Es war nicht das Große Fressen. Es war wohl das Große Saufen. Denn – wie auf Kommando – erbrachen sich alle fast gleichzeitig oder steckten sich gegenseitig an. Es war wie eine riesige Kotz-Welle, die durch die Wohnung rollte. Im Bad, auf der Toilette, in der Küche, in die Blumenvasen, Eimer, Töpfe, Blumentöpfe und alle Gefäße, die man ergattern konnte. Ich kann mich noch erinnern, dass der Alkohol-gestählte Peter, der natürlich nicht von der Welle erfasst wurde, jemandem eine Blumenschale unters Gesicht hielt, weil dieser mitten im Gespräch… schwupps… naja, es war grauenhaft. Nachdem irgendwann alle nach Hause gegangen waren, haben Peter und ich und vielleicht noch Heike, die ja immer unser guter Hausgeist war, uns noch die halbe Nacht fast zu Tode gewischt. Gin haben wir zu Geburtstagen nie mehr gekauft

Im Abendkleid die „Hausordnung“ machen und andere unordentliche Sachen

Dieses Foto hat unsere unermüdliche „Haus“fotografin und Freundin Edith Tar geschossen. Sie hielt immer drauf, wenn was Tolles passierte. Aber auch, wenn was Schlimmes passierte. Zum Beispiel, wenn ich nach zu viel Alkohol aus dem Auto heraus kotzen musste. Gnadenlos diese Dokumentationswut. So auch hier. Damals war ich wütend, weil sie immer alles festhielt. Heute muss ich lachen und freue mich, dieses verrückte Bild zu haben. – Es war vielleicht ein Samstagnachmittag. Wieso Moritz, der da mir gegenübersteht, eine Art Nachthemd anhat, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es nach dem Mittagsschlaf, den meine Kinder eigentlich niemals abhielten. Also nicht. Vielleicht wollten die Kinder in die Badewanne. Gleich hinter uns sieht man ein bisschen vom Bad. Und nein, das ist nicht in irgendeinem Theater mit seinem „Hinterland“, wie manche schon dachten, das ist unser Flur in unserer Leipziger Wohnung. Düster und in diesem Moment unter Wasser gesetzt. Die Kinder – das waren in diesem Fall Ben und Moritz – hatten die Wanne überlaufen lassen und den gesamten Flur geflutet. Deshalb auch die nassen Teppiche, die schon aus dem Schussfeld genommen sind. Ich durfte dann mit Schippe und Wassereimer erst einmal die Wassermassen so eindämmen, dass ich später mit Handtüchern und Wischlappen den Rest beseitigen konnte. Ich – bekleidet mit einem Kleid, dass ich aus einem Nachthemd hergestellt und schwarz gefärbt hatte – ja, das haben wir gemacht, denn die Nachthemden waren in der DDR schöner, als die „richtigen“ Kleider – dazu Netzstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen. In meinen Stasiakten habe ich gelesen, dass sich Hausbewohner darüber beschwerten, bei den Herren Interviewern, dass ich im „Abendkleid die Hausordnung“ machen würde. Hier also auch. Im Abendnachthemdkleid den überschwemmten Wohnungskorridor bereinigt. Ich schimpfe mit Moritz. Man sieht es. Vordem habe ich in der Küche gesessen und Alice Miller gelesen. War es „Das Drama des begabten Kindes“ oder war ich schon eins weiter und es war „Am Anfang war Erziehung“. Ich war damals – wie viele aus unseren „Kreisen“ – von dieser Schweizer Psychoanalytikerin, die sich für die Rechte der Kinder einsetzte, begeistert. Später, sehr viel später, las ich einen Artikel über ihren Sohn, der sich von seiner Mutter losgesagt hatte, weil sie eine schlechte Mutter gewesen sei. Das hat mich einerseits entsetzt, andererseits auch beruhigt. Denn, dass ich eine schlechte Mutter bin, hab‘ ich ja auch sehr oft gedacht. Heute eher nicht mehr. Dieses Ungenügen an sich selbst hat wohl jede Mutter. Und da meine Söhne heute ausnahmslos zu mir stehen und sich nicht beschweren, wie es in ihren Kinderzeiten bei uns zuging, geht’s mir sogar besser, als Alice Miller. Also liebe ich dieses Foto und kann, wie alle anderen auch, darüber lachen.

Auftragsarbeit: Herr Kaiser von der Stasi oder „Guck nicht so romantisch, Hasi!“

Ja, das ist eine Überschrift, da liest man gleich weiter, oder? Wer ist Herr Kaiser von der Stasi? – Ich weiß das bis heute nicht. Ich habe ihn nie gesehen. Im Notizbuch von Peter Cäsar Gläser – das ich in den Siebzigern und auch noch Achtzigern regelmäßig durchforstete, stand der Name Peter Kaiser, ohne Adresse, aber mit Telefonnummer. Da ich normalerweise nach Frauennamen schaute, ob ein neuer dazu gekommen ist oder eben nicht, fiel mir dieser Name irgendwann auch auf. Ich fragte Peter, wer denn Peter Kaiser bitteschön sei. „Ach, nicht so wichtig, mit dem bin ich in die Schule gegangen. Er ist ein Karussell-Fan.“ Mmh. Der Karussell-Fan rief ab und an bei uns an. Peter benahm sich anders als sonst, wenn Karussell-Fans anriefen. Ich dachte, dass in Wahrheit eine Frau dahintersteckt und es Herrn Kaiser gar nicht gibt. Doch es gab ihn, nur hieß er nicht Peter Kaiser. Dennoch geht er in meine Geschichte ein, als Herr Kaiser von der Stasi. Der Führungsoffizier meines Mannes.

All das wusste ich (noch) nicht, auch nicht, dass uns Herr Kaiser von der Stasi in die damalige Tschechoslowakei „schickte“. Wir sollten Christian Kunert treffen, den früheren Keyboarder und Sänger der bereits seit 1975 verbotenen Band „Renft“. Christian Kunert, genannt Kuno, lebte schon länger in Westberlin. Er war – gemeinsam mit Gerulf Pannach – 1976 im Zuge der Biermann-Ausbürgerung verhaftet und nach einem dreiviertel Jahr gleich aus dem Knast in den Westen entlassen worden. Irgendwie muss das Herrn Kaiser von der Stasi und seinen Auftraggebern in Berlin nicht gefallen haben. Sie glaubten, man könne Kuno für den Sozialismus zurückgewinnen. Der Überbringer dieser frohen Botschaft sollte Peter sein. Peter wusste, dass ich Kuno sehr mochte und schlug mir vor, dass wir uns mit ihm in Karlsbad treffen könnten. „Das wäre doch schön. Wir nehmen Robert mit und die Mutter von Kuno und fahren mit dem „Wolga“ in einen kleinen Urlaub in die Tschechei! Juchhu.“ – In Karlsbad mussten wir uns treffen, weil Kuno nicht in die DDR einreisen durfte, wie fast alle, die die DDR gen Westen verlassen hatten.

Ich freute mich sehr, wir telefonierten nach Westberlin und verabredeten uns mit Kuno. (Es war nicht immer so, dass man Telefongespräche führen konnte. Man musste diese beim Fernamt anmelden und wurde dann nach Stunden durchgestellt oder eben nicht.) Es war Mitte der Achtziger, es war Sommer und wir mussten nur eine Grenze überwinden. Die DDR-Grenze in die CSSR. Wir fuhren an einen Grenzübergang im Erzgebirge und wurden gefilzt. Man nahm unser Auto total auseinander, ich musste unsere Koffer auspacken, und die gierigen Zollfrauen wühlten in meinen Schlüpfern herum. Sie fanden 2,50 DM in Forumschecks in meinem Portemonnaie. Forumschecks waren das Spielgeld der DDR für die damaligen „Intershops“, in denen man nur für Devisen einkaufen konnte, also vorzugsweise für DM. Wir, als DDR-Bewohner, mussten aber die DM vorher bei der Staatsbank in diese Forumschecks umtauschen. Die Zollbeamtin meinte: „Das sind Devisen. Die dürfen Sie nicht ausführen!“ – Ich sagte, dass das Forumschecks seien, mit denen man bei den Tschechen nichts anfangen könne. Und provozierte die Dame noch. „Sie können das gern behalten, ich schenke es Ihnen!“ – was sie empört zurückwies. Die 2.50 Forum-DM wurden beschlagnahmt. Außerdem hatte Peter aus Versehen in seiner großen Tasche von den letzten Band-Muggen mit „Cäsars Rockband“ noch einen großen Teil der Gagen. So 1500 Mark in Ost. Auch das mussten wir abgeben. Wir erhielten Quittungen und man stellte uns in Aussicht, das Geld bei der Rückkehr wieder mitnehmen zu dürfen. Dann passierten wir die Grenze. Man muss dazu wissen, dass man damals in der Tschechoslowakei nur 30 Mark am Tag in tschechische Kronen umtauschen durfte. Das war nicht gerade viel, um über die Runden zu kommen. Aber Kuno, der „reiche Westonkel“ kam ja, und er mietete uns ein Häuschen im Wald.

Ein Wald, verwunschen, wie in meiner Kindheit im Erzgebirge bei meinen zahlreichen Verwandten dort. Böhmen. Ein Häuschen, heruntergekommen, wie es schlimmer nicht ging. Man sieht es auf dem Foto. Peter und ich sitzen am Tisch. Über uns dieses unsägliche Bild und überall zerfetzte Tapeten und Spinnweben. Aber egal, es war schön, Kuno zu treffen. Er brachte seine damalige amerikanische Freundin Suzie mit und wir haben natürlich wieder viel zu viel getrunken, man sieht es an der großen Wodkaflasche auf dem Tisch. Kuno hatte einen Berg mit Lebensmitteln, Wein, Obst und Gemüse mitgebracht. Ganz normale Supermarktware, für uns damals ein Festmahl am Morgen und am Abend. Am Tag gingen wir Knödel essen und tschechisches Bier trinken. Peter konnte seine „Mission“ nicht erfüllen, weil er an den zwei Abenden beizeiten so betrunken war, dass er einschlief. Auch Suzie war aus dem Rennen, die Kuno-Mutter und Robert ebenfalls.

Nur Kuno und ich haben fast bis zum Morgen gequatscht, wie in alten Leipziger Zeiten. Er war sehr verändert. Acht Jahre Westen hatten einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Ich habe mich beinahe in ihn verliebt. Und er sagte: „Guck nicht so romantisch, Hasi!“ – Hasi hat Kuno immer gern gesagt, da erkannte ich ihn wieder. Hätte Peter den „Auftrag“ an ihn herangetragen, wäre Kuno sicher vor Lachen umgefallen. Aber es kam nicht dazu, weil Peter das wahrscheinlich doof und aussichtslos fand, außerdem war er nie mit Kuno allein. Es war ja auch noch Kunos Mutter da. Und abends, wie gesagt, König Alkohol verhinderte Schlimmeres. So fuhren wir zufrieden und Peter unverrichteter Dinge nach Hause. Wieder große Kontrollen. Geldrückgabe.

Irgendwann Leipzig, das wir ein paar Jahre später in Richtung Westen verlassen würden. – Dass Peter im Auftrag von Herrn Kaiser von der Stasi mit uns ins kleine Häuschen zum Treffen im Böhmischen Wald gefahren war, hat er mir erst 1991 erzählt. Ich konnte es nicht glauben. In den Stasi-Akten las ich, dass die Operation „Kind“ hieß, warum auch immer. Im Zuge der Operation „Kind“ wurde auch ich „aufgeklärt“. Die Stasi strich Peter kurz darauf als „Mitarbeiter“. Weil er unzuverlässig sei und weil er eine Frau hätte, die ihn eindeutig staatsfeindlich beeinflusse. Habe ich auch in den Akten gelesen. Sie hatten Recht. – Auf meine spätere Frage, warum er mit mir zu diesem Treffen mit so einem unmöglichen Auftrag gefahren sei, antwortete er: „Kuno wollte ja eigentlich nicht in den Westen.“ Das stimmt. Ich denke aber, nach acht Jahren Westen war seine Meinung da eine andere. Das hat Peter wohl auch gemerkt. Im Gegensatz zu ihm ist Kuno nie wieder nach Leipzig zurückgekehrt. Die Operation „Kind“ der Abteilung Auslandsaufklärung der Staatssicherheit der DDR war gescheitert. Vielleicht hätten sie nicht so ein romantisches „Kind“ schicken sollen, wie Peter eines war.