November – Monat des Todes. Monat der Transformationen.

Schön grau heute. November. Nicht, dass ich ihn sonderlich mag, diesen seltsamen Monat der Revolutionen, des Karnevals, des Todes. Den Monat der Nebel und der düsteren Schatten. Auch Sonne hat er im Repertoire, auch Küsse und gefährliche Liebschaften. Hat den Skorpion im Gepäck und beginnt mit Allerheiligen und Allerseelen. Mit den Toten schloss auch der Oktober. Tot die Alte Welt, reformieren wir eine neue Welt! Wie lange die Menschen das schon wollen! Ideen haben, wie man es besser machen könnte und dann die anderen mehr oder weniger erziehen und zwingen, mit dabei zu sein, mit aufzubauen, umzugestalten, einzureißen. Irgendwann werden wir etwas ganz Großes tun! Irgendwann und ganz bestimmt werden wir die Welt retten! Und wer da nicht mitmachen will, wer der „Schönen Neuen Welt“, der Transformation, wie es neuerdings auf allen Kanälen heißt, nichts Erstrebenswertes abgewinnen kann, muss gezwungen werden. Willst Du also nicht mit – in die neue Zeit, dann kämpfe! Dann wehre Dich! Dann schau nicht mehr weg oder zu. Oder geh auf den Friedhof und vergieße heiße Tränen.

Kinder kennen es nicht anders. Sie lieben Halloween, das Fest der Untoten. Das Fest des Blutes und des Grauens. Fest der Kürbisse. In den Neunzigern kam der alte irische Brauch, den die Amerikaner so lieben, auch nach Deutschland. Kinder haben keine Scheu vor den Toten. Sterben? Das passiert den Anderen. Ich bin unsterblich! So denken sie, wie alle Generationen vor ihnen. Und sie feiern den Tod und die Auferstehung der Dahingeschiedenen, ohne es wirklich zu wissen. Ahnen es mit den Jahren immer mehr. Zunächst erst einmal Süßigkeiten einsammeln. Heutzutage nicht wegen einer Tafel Schokolade oder dem Beutel Bonbons. Die sind nicht wichtig. Die sind – wie ihre Mütter ihnen mittlerweile erfolgreich eingehämmert haben – sowieso „ungesund“. Wichtig ist – die Beute! Beute machen, ein menschlicher Urtrieb, der sich an Halloween so unverhohlen austoben kann. Später werden sie mit Gier und Beutemachen vorsichtiger umgehen (müssen) oder es ganz verlernen. Später kommen die Schneeflocken. Fallen vom Himmel als neue Generation, die mit dem Tod nicht umgehen können wird. Die nicht die Urne der geliebten Verstorbenen auf dem Büffet ausstellt, sondern an die eigene Transformation denkt. Transhumanismus als neue elegante Motivation, dem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen.

Vom Allgemeinen ins Konkrete: Meine österreichische Freundin meint, dass wir Deutschen, ich auch, immer wieder erstaunt den österreichischen Hang zum Morbiden registrieren. Das wir uns wundern, wie die alles ausführlich und minutiös ausschlachten, was mit Tod und Vergehen zu tun hat. Die genüssliche Beschreibung von Krankheit und Verfall. Die Begeisterung für späteres Liegen in einem Friedwald. Wie sie Beerdigungsmöglichkeiten enthusiastisch ausmalen, als handele es sich um ein üppiges Hochzeitsmenü. Wie dieses Menü im Detail aussehen soll, bitte vor dem Tod festlegen! In allen Facetten. Sonst steht der Hinterbliebene „dann da mit der Leich‘!“ Ich schaudere beim Zuhören. Natürlich werden sie ihr – der Leich‘ – dennoch ein schönes Plätzchen bereiten, damit „sie es schön warm hat – in ihrer Urne auf dem Wohnzimmerbüfett, denn „er mochte es nie kalt und hatte immer kalte Füße.“ – Ja, klar. Das ist herzerwärmend. Leider sind in Deutschland Urnen im Hause der Hinterbliebenen gar nicht möglich. Das ist hier verboten. In der Disziplin des Verbietens macht uns so schnell keiner was vor. Obwohl die Österreicher, wenn es um die Verbotsgeschichten mit den verschiedenen Gs geht, das zur Zeit zumindest nachmachen. Doch weiß ich, sie nehmen es nicht so genau und auch nicht so schwer. Da gibt’s immer ein Augenzwinkern. Das haben sie uns voraus. Dafür liebe ich die Nachkommen meiner Großmutter.

Foto: Ottilie Hartwig

Wir schlugen uns mit den Tücken neuer Word-Programme herum bis zum Exzess – aus meinem sporadischen Tagebuch

Ich bin hier nicht fremd in meinem neuen alten Magdeburg. Ich bin hier in die Schule gegangen. Und die Freundinnen von damals sind noch da. Was für ein Glück! Ich bin hier nicht allein. Nur die Kinder. Und die Enkel. Sie fehlen ab und an. Mit dem 8jährigen bin ich jetzt bei WhatsApp. Schöne neue Welt! Und in den Herbstferien kam der jüngste Enkel und entführte mich in die Welt der Dinosaurier, der ich durch späte Geburt in real entkam. Schleimbasteln, in Dino-Eiern wühlen und Dino-Scheiße kneten. Auf Kreidefelsen herumhacken. Um am Ende ein dürres Plastikgerippe als Lohn zu bestaunen.

Da freu ich mich auf den Tag, an dem er mich nach seinem Musiker-Opa fragt, der gestern nun schon seinen 13 Todestag hatte. Ob ich dann noch Erinnerungen habe, die mitteilenswert sind? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn ich die Welt um mich herum betrachte, verändert sie sich rasant, ich sehe zu, wie sich dieses wohlstandskranke Gebilde, das sich so ungern Deutschland nennt, zu einer Art DDR 2.0 entwickelt. Und klar, die sich so aufgeklärt und gutmenschelnd gebärdenden Wessis merken das nicht. Und man kann es ihnen auch nicht erklären. Manchmal braucht der Mensch die Praxis. Oder immer. Und ich habe die Praxis. Wir hier im Osten haben sie. Ich sitze auf meinem Kinositz und schaue dem Schauspiel zu. Mit und ohne Unterwerfungslappen.

Kaum ist der Enkel wieder zu Hause bei Mama und Opa, meldet sich die schon ziemlich erwachsene Enkelin. Kannst du mir bei meiner Hausarbeit helfen? Dieses Mal nicht für die Schule, sondern fürs Studium. Klar, mach ich. Wie immer mach ich das. Und freu mich, die stark erblondete Schönheit zu sehen und in die Arme schließen zu können. Nun ist auch das wieder Geschichte. Es ist Sonntagabend, die Hausarbeit ist fertig. Wir schlugen uns mit den Tücken neuer Word-Programme herum bis zum Exzess. Frau Enkelin kann sehr ungehalten werden, wenn nicht gleich alles klappt. Sie übt schon für die spätere Administration. Business Administration heißt das, womit sie sich nunmehr für ein paar Jahre beschäftigen wird.

Wir essen Wildschweingulasch mit Preiselbeeren und Klößen. Wir schauen die hysterische Serie „jerks.“ mit Christian Ulmen und Fahri Yardim an. Sie findet die „so lustig“. Ich nicht. Vor allem die Serien-Frauen sind für mich wie vom anderen Stern und unsympathisch dazu, so dass ich eher schlechte Laune habe und mich über die Männer wundere, die sich für solche Damen und ihre Dramen interessieren. Die sich von denen herumschubsen lassen und ihre lächerlichen Wünsche erfüllen. Und dieses Ausdiskutieren immerzu. Grauenhaft! Ok, soll ja lustig sein!

Ich bin einfach zu alt. Ich verstehe die Welt, wie sie sich mir im Moment zeigt, nicht, wäre die falsche Schlussfolgerung. Ich verstehe sie ziemlich gut. Nur kann ich es einfach nicht glauben, dass das alles passiert, was gerade passiert. Dass ich so machtlos bin.

Morgen ist ein neuer Tag. Und das Wichtigste ist dann doch, dass mir der Rücken nicht so weh tut wie heute. Und dass ich so ungeimpft bleibe, wie am ersten Tag.

Foto: Anna und ich heute Nachmittag

Das einzige, was sie erregte, war der erstmalige Anblick von echten Kühen auf dem Schöckl.

Das sind Anna – meine Enkelin – und ich nach unserem Besuch in Graz/Österreich. Bei meiner Freundin Agnes. Anna hat uns herausgefordert. Agnes und mich. Denn wir wollten ihr – sie war damals achtzehn – einen schönen Urlaub bereiten. Aber sie fand alles doof. Das einzige, was sie erregte, war der erstmalige Anblick von echten Kühen auf dem Schöckl. Und vielleicht die Seilbahn. Ansonsten wollte sie shoppen. shoppen, shoppen, shoppen. Es war ein sehr heißer Sommer, damals. Immer über 35 Grad. Ich wankte mit ihr durch die Einkaufscenter und kauft ihr, was sie wollte, damit ich endlich nach Hause durfte. Abends schauten wir uns Videos von Miss Bella – der damals angesagten Youtuberin – an. Agnes und ich waren am Limit. Anna sicher auch. Denn wir waren nicht die richtigen Freundinnen. Nach langen Wartezeiten und Wirren kamen Anna und ich endlich irgendwann wieder in Berlin-Tegel – gibts heute nicht mehr – an. Wir mochten uns nicht und sie verschwand in einen Bus und ich in einen anderen. – Aus heutiger Sicht: Es waren dennoch glückliche Zeiten. Es gab kein Corona, keine Impfung, keine Tests. Es gab keine OP-Masken, mit denen wir uns nicht mehr erkennen und wie Bankräuber aussehen. Es gab alles. Und nichts. Es gab einfach Freiheit. Die wir damals noch nicht als Freiheit definierten. Heute sind wir klüger. Es gibt OP-Masken, es gibt Impfzwang – demnächst – es gibt Tests und jede Reise wird uns verleidet. Anna kann nicht zu den von ihr so geliebten Festivals fahren, weil sie nicht stattfinden. „Die versauen mir meine Jugend!“ – Seltsamerweise hat sie die damalige Fahrt nach Österreich als einen wundervollen Moment in ihrem Leben abgespeichert. Alles, was nicht gut war, für sie, hat sie gekonnt verdrängt. Sie möchte „so gern“ noch einmal mit mir nach Graz fahren. „Das war doch so schön!“- So ändern sich die Zeiten.

Ich schmachte blonde Gräfinnen an.

Da ich – bis auf die frühe Jugendzeit – eher rund, denn superschlank, und leider auch ziemlich klein war, lief ich beizeiten unzufrieden durch mein Leben. Selbstverständlich hat mir so etwas meine Mutter eingeredet, in dem sie immer sagte: „Wir sind eben der italienische Typ!“ Der italienische Typ. Nun ja, nicht schlecht. Gina Lollobrigida oder Sophia Loren, die Busen-Taillen-Frauen meiner Kindheit. Heiß begehrt in den Kinos. Voller Blut und Temperament. Ich war es zufrieden. Aber nur für kurze Zeit.

Später kamen dann diese Riesenmodels, diese (meist) blonden Unnahbaren. Es gibt sie. Diese unauffällig perfekten Frauen, die meine Lebenswege ab und an kreuzen. Sie sind groß. Sie sind mühelos schlank. Sie sind niemals schlecht frisiert oder ausgebildet und haben perfekte Haut, Zähne und Hände. Mit großen polierten, aber keineswegs von einem Nagelstudio behandelten Fingernägeln. Niemals abgekaut bis aufs Blut. Niemals. Sie tragen Kleidung im Zustande des selbstverständlichen Understatements – teuer und elegant. Sie schminken sich dezent oder gar nicht. Sie tragen blonde Hochschlagfrisuren oder Zöpfe. Sie sagen nur coole Sätze.

Ich stelle sie mir vor, wie sie am Morgen aufstehen. Sie sind nicht zerknittert im Gesicht, scheinen immer frisch, wie aus dem Ei gepellt, selbst dann, wenn sie noch im Bett liegen. Sie absolvieren unauffällig ein Mysterium von Morgentoilette, das sie noch schöner, wohlriechender und unnahbarer macht. Sie sitzen filmreif allein am Tisch, ihr Appetit ist dauergezügelt. Sie nehmen Toast mit englischer Bitter-Marmelade, den sie anbeißen, aber nicht aufessen, einen Orangensaft und einen Kaffee zu sich. Wie die Schwester (von Klaus Mann) in dem Film „Mephisto“ von István Szabó. Die Tochter Erika von Thomas Mann, die Klaus Maria Brandauer aka Gustav Gründgens später heiratet. Nicht zum Vergnügen, wie es scheint. Das holt er sich woanders. So hoffen hämisch wir Frauen, die hoffnungslos sind – ob dieser blond-kühlen Grandezza. Nach dem – nur aus Vernunftgründen – genippten Frühstücksminimum reiten die großen blonden Frauen mit festentschlossenem Blick im Frühnebel auf einem Schimmel davon und kontrollieren ihre Anwesen. Wie sie alles kontrollieren. Was ihnen selbstverständlich immer gelingt. Es scheint kein Teufel in ihnen zu wohnen, der täglich all dieses wohlgeordnete und moderate Tun torpediert.

Es scheint kein Teufel in ihnen zu wohnen. Ich nenne diese Frauen: Die Gräfinnen.

In meinem langen Leben begegnete ich einigen Gräfinnen. Und fühlte mich jedes Mal scheußlich. Minderwertig. Hoffnungslos abgehängt. Ich kann in ihrer Anwesenheit nicht lachen und nichts Großartiges von mir geben. Im Gegenteil. Ich stehe da, sage nichts, nehme mir die nächste Diät vor und denke an einen Therapeuten, der mir Nägelkauen, Selbstzweifel und Panikattacken austreibt. Der mir blondes Selbstbewusstsein einimpft, wie eine Corona-Spritze. Der mir vermittelt, dass ich nicht vom anderen Stern bin, immer dann, wenn ich einer Gräfin begegne. Der mir wenigstens eine innere Reitpeitsche einzureden vermag. Doch wo gibt es so einen Therapeuten? Nirgends, nie. Ich werde in diesem Leben die vom anderen Stern bleiben. Vom Chaos-Stern. „“Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.” – Danke Friedrich Nietzsche für diesen Trost. Aber auch der schafft nicht, mir meine Unterlegenheit auszureden. Niemand kann mir das ausreden. Es ist so, war immer so und wird immer so sein. Meine tiefe Bewunderung für ein Gräfinnen-Dasein lass ich mir nicht nehmen. Diese Bewunderung ist genauso da, wie der Abstand, den ich halte. Ich habe Angst, in der Gräfinnen Gegenwart etwas falsch zu machen. Zu viel zu essen, dummes Zeug zu reden, falsch angezogen zu sein, zu dick, zu müde, zu arm und nicht mit der Pferdezucht vertraut.

Insbesondere hanseatische Gräfinnen haben das Zeug, mir den Rest zu geben. Sie schmelzen mein Wertgefühl innerhalb von fünf Minuten zu einem Kügelchen, das ich dann suchen muss, atemlos und schwitzend in meinen staubigen Ecken.

Thomas Mann schmachtete blonde Kellner an. Ich bin auf seinen Spuren. Ich schmachte blonde Gräfinnen an.
Das Tollste ist: Sie wissen es nicht. Sie sind so selbstverständlich Gräfin, wie ich keine bin. Und finden mich ganz normal.

Und wenn sie das hier hören oder lesen, fangen sie an, mir ihre Probleme zu schildern. Die glaube ich selbstverständlich niemals.

Die Küche als Kulturindikator

Irgendwann in meinem früheren Leben habe ich ein Interview mit einem amerikanischen Professor gemacht. Er sagte, dass er schon überall war, auf jedem Kontinent, in jeder größeren Stadt, die man so kennt. Er habe festgestellt, dass er immer bei den Leuten, die er dort kannte, in der Küche gesessen und sich sehr wohl gefühlt habe. In der Küche quatschen und sonst nicht viel mehr, in den USA, in Australien, in Berlin und sonst irgendwo. In der Küche quatschen, etwas Schönes essen und trinken. Das wäre überall wundervoll. Er kenne die Länder und Städte im Grunde nur durch die Küche seiner Freunde. Denn er habe kein Bedürfnis gehabt, rauszugehen und Besichtigungen zu absolvieren. Schon damals dachte ich: Du bist genauso wie ich! Aber ich sagte es nicht. Schon damals dachte ich an Küchen, in denen ich glücklich war. Kindheitsküchen. Großmutterküchen. Schon damals dachte ich an Küchen, die immer den Teil einer Party meiner Jugend und auch später ausmachten. Küchen, in denen sich alle drängten und wie die Sardinen miteinander parlierten oder sich anderweitig näher kamen. Küchen haben eine Anziehung, die noch eines anderen Beitrages bedarf. Nur so viel: Küchen sind Kultur. Küchen sind wundervoll, sind ernüchternd, sind eklig. Alles. Können höchstes Glück und vollkommene Ordnung symbolisieren und – auch verkommen und verdreckt sein. Aber von diesen unküchenhaften Küchen rede ich jetzt nicht. Ich huldige der großartigen Küche, die es in allen Ländern gibt. Küchen. Sie sind die Tränke, die alchemistische Verquickung. Sie sind der Ausgangspunkt – in das Leben – da draußen. Sofern man es will. Wir können dort auch ein Leben lang verharren. Und ich verurteile das nicht. Im Gegenteil. Oder gehen.

Meine unmöglichen Geschenke.

Wenn die österreichische Freundin einen runden Geburtstag hat, muss es was Besonderes sein. Meine Fleurop-Rosen über die Grenze waren der Reinfall nach dem Reinfall. Denn neben Rosen sollte es noch etwas Besonderes sein. Ich wollte nach den Sternen greifen. Meine Freundin ist auch – Astrologin. Was Astrologisches! Amulett. Buch. Horoskop. Ich exerzierte im Kopf alle Sternbilder durch: Ich kann ihr keinen Widder schenken. Keinen Stier und keinen Zwilling. Einen Krebs würde sie nicht wollen, ein Löwe hielte sich schlecht im bürgerlichen Haus. Ein Schütze? Mhm, klingt nach Schützenfest. Wein, Weib, Gesang. Wir haben Corona! Außerdem ist die Zeit der Schützen im reiferen Alter vorbei, die nimmt man ja nur an die Hand, wenn es brennen soll. Ein Aquarius! Der wäre zu hippieesk, eher was für mich. Mir fiel ein, dass die Freundin einst zu mir sagte: „Wie kann man nur sein Ladengeschäft „Scorpio“ nennen! Wir schlenderten bei einem ihrer Besuche in Berlin durch meine Straße, die als die Second-Hand-Straße in Charlottenburg gilt. Wie kann man nur! Wie kann man nur – einen Skorpion schenken? Dachte ich und kaufte einen Skorpion. Tot natürlich. Aufgespießt. Hinter dickem Glas. Goldumrahmt. Leider kam er nicht. Versteckte sich. Grub sich ein. Im Dickicht von DHL. Und ich harrte der Dinge, die kommen oder eben nicht. Er brauchte ja nichts zu essen. Er war tot. Selbst lebende Skorpione halten das aus. Manchmal ein ganzes Jahr. Angepasst. Ist auch so ein Aufgespießter, egal, ob der Postbote das Paket mit dem Scorpio-Bösen im Postwagen herumwirft. Mein Geschenk-Skorpion kam nicht und schlich mir als das Arge ins Hirn. Wie Macbeth fasste ich mir wartend an die Stirn und stöhnte: „O, full von diesen Dingern is my mind, dear husband!“- Und dem Mann in meinem Haus gruselte es gar sehr. „Menschliche Urangst“, raunte ich, so ein Stechdingens – „im Rahmen immerhin. Nicht im Kopf ist der, der ist gebannt. Aufgespießt und tot wie nur irgendwas.“ – „Könnte er wieder lebendig werden, fragte bang der Hausmensch.“ – „Klar!“ – lachte ich – „der könnte geradewegs aus Plutos Schatten-Hades herbeieilen, sich aufrichten und…“ – Nein, rufe ich! Er kann das nicht mehr und Zähne zeigen auch nicht. Wenn, dann zeigte er etwas – anderes. Wie einst Johnny Depp der Avon-Beraterin seine scharfen Hände zeigen musste, die er nicht verstand. Hände können Waffen sein. Ja, ok, lebte er auf, hätte er scharfe Hände, und auch seinen – nun ja, nennen wir ihn – Macbeth-Dolch! Hoch aufgerichtet, haha! Und lebte er, dann stäche er – zu. Er kann halt nicht anders. Es ist seine Natur! – Nun – unser Rahmenskorpion kam eines Tages, weit nach dem Geburtstag meiner astrologischen Freundin, hier in Magdeburg an. Ich packte ihn aus. Mir gruselte. Er sah aus, als wäre er gekommen, um sich zu rächen. Rechts unten, unter der Scheibe natürlich, war ein kleines Kästchen, als brauchte er noch Nahrung, der Skorpion. Dem Hausmenschen gruselte noch mehr. Und dann – rümpfte er die Nase. Der einstmals Wehrhafte stank in seiner Spießigkeit. Damit meine ich den Skorpion. Ich weiß nicht, was das für ein Geruch war. Verwesung? Nein, so ein stolzer Skorpion am Spieß kann nicht verwesen! Unter Glas! Meinen Hausmenschen packte die Angst. Sein Geruchssinn verfeinerte sich in Parfümeur-Höhen. Vielleicht ist das Ding irgendwie – nachtaktiv? Vielleicht befreit er sich aus seinem Gefängnis! – „Es ist hartes Glas mit Goldrand“ – meinte ich. „Der kann sich nicht befreien. Wir müssen ihn irgendwie „ausriechen““. – Sein seltsamer Odem breitete sich auf unseren 90 Quadratmetern bis in den kleinsten Winkel aus. Der Hausmensch traute sich nicht mehr, der Postfrau zu öffnen, die ihn seit wir hier wohnen, zum Weiter-Verteil-Postillon des Hauses ernannt hat. Nachtaktiv. Das ist einer, der sich häutet, die Schachtel durchbricht und über den Küchenboden tappt. Zuckend und verführerisch, falls wir seine Weibchen wären. Aber das sind wir nicht. Also was tun? So einen können wir doch nicht über die Grenze nach Österreich schicken und auch nicht – bringen! Vielleicht müssten wir das ominöse Paket unterwegs noch öffnen, weil dieser Geruch auch andere verstört, als trügen wir eine Leiche mit uns herum. Was ja nicht ganz unrichtig wäre. Nur unerschrockene Novemberkinder böten so einem Skorpion die Stirn! Sind wir leider nicht. Nachdem uns das „Ding“ beiden gleichzeitig nachts im Traum erschien, entschlossen wir uns zum Mord. Zum Mord an einer Leiche. Zum vorläufigen Begräbnis. Und beförderten den Unliebsamen in die Mülltonne. Wie kann man sein Ladengeschäft „Scorpio“ nennen! Wie kann man der Freundin einen Scorpio schenken – wollen! Man kann nicht. Jedenfalls ich nicht! So welkten die Fleurop-Rosen in barocker Art. So starben sie zweimal – meine unmöglichen Geschenke. Die Blumen und mein – Scorpio mit den Scherenhänden.

„Der Blumenwert wurde eingehalten“

Die österreichische Freundin hat ein Jubiläum. Die deutsche Freundin will es mit Blumen sagen. Will sagen, dass sie glücklich ist, sie zu kennen, mit ihr befreundet zu sein. Mit ihr all die guten und die schlechten Tage zu teilen und zu besprechen, mit ihr Projekte auszudenken und zu realisieren.

In anderen Jahren wäre sie persönlich hingeflogen. Es sollte nicht sein. Nicht im Corona-Jahr 2021.

Nun – es gibt Helfer. Gibt Dienstleister. Fleurop. Nicht nur in Deutschland. Auch in Österreich.
„Fleurop-Interflora liefert atemberaubend schöne Blumensträuße in Österreich & in weitere 150 Länder weltweit – am selben Tag!“

Gut, der Montag, 24. Mai, wurde es nicht. Feiertag. Dafür Dienstag. Ich wählte die „Romantic Roses“. Die gefielen mir, weil es Rosen mit zarten Gräsern, die nach unten verlaufen, sein sollten. Wählte die „Mittlere Version – 85.- Euro“, dazu eine Rosen-Karte und eine Vermittlungsgebühr. Knapp 100 Euro. Ich freute mich, weil meine Freundin sich ganz sicher auch freuen würde. Dachte ich.

Ja, es gab den Hinweis, dass es kleine Abweichungen geben könne – vom Abbild auf der Website.

Aber nicht diese! Es kam ein Rosenstrauß, der mitnichten in zarte Gräser gehüllt war. Sondern ganz unromantisch in dicke grüne aufrechtstehende Blätter verpackt, wie ein in Kohl gewickelter Strauß. Wie der Standardstrauß einer Billig-Blumen-Kette. Hätte das 30 Euro gekostet, ich hätte es verschmerzt. Aber nicht für knapp 100 Euro. Ich beschwerte mich. Schickte ein Foto und bekam dann diese Antwort:

„Sehr geehrte Frau Koeppe-Gläser,

vielen Dank für das Foto!

Bitte beachten Sie, dass die Produktabbildungen nur Musterbilder sind – da jeder Strauß vom Floristen vor Ort individuell und frisch gebunden wird, kann es zu leichten Abweichungen bei der Ausführung und dem saisonalen Beiwerk kommen.

Es ist zu sehen, dass die Farben der Rosen eingehalten wurden und es nur beim Beiwerk zu Abweichungen gekommen ist.

Der Blumenwert wurde eingehalten.

Aufgrund der leichten Abweichungen kann hier leider kein Austausch stattfinden.
Wir bitten um Ihr Verständnis!“

Nein, liebes Fleurop-Team, Ihr mit den „atemberaubend schönen Blumensträußen“, dafür habe ich kein Verständnis.

Meine Antwort:
„Ich halte das nicht für „leichte Abweichungen“, sondern der Charakter des Straußes, seine Intention, wurde vollständig verändert. Ich bleibe dabei, dass das Betrug am Kunden ist, und werde das auch entsprechend publizieren. Nicht für diesen Preis! Schämen Sie sich für diese schlechte Dienstleistung für sogenanntes gutes Geld.“

Darauf – keine Antwort!

Fleurop… – niemals mehr.

Die Freuden des Alters – und die Leiden auch…

Ich habe noch Pockennarben. Weiß eigentlich jeder, der das liest, was das ist? Pocken gibt’s ja schon lange nicht mehr und als ich mich der schmerzhaften Prozedur einer Pockenimpfung unterziehen musste, bekam diese Krankheit keiner mehr, den ich kannte. Heute sind sie ausgemerzt, heißt es. Diese Pocken. Ich habe zwei dicke fette weißliche Narben am Oberarm. Kann mich aber erinnern, dass vorzugsweise Fleischfachverkäuferinnen in der DDR, die immer in weißen Kitteln mit freien Oberarmen bedienten, die immer sehr dick waren, in der Regel vier dieser Narben aufwiesen. Sie sind in meiner Erinnerung mit der Fleischfachverkäuferin zu einem Emotionsknäuel verwachsen. Diese vier Pockennarben am Arm der… – nun ich sag es nicht noch einmal – diese sehr begehrten Damen verkauften uns DDR-Kindern, die für ihre Eltern anstanden, und auch vielen Frauen, sogar Männern, die ebenfalls die Schlange bevölkerten, die zum Sozialismus gehörte, wie der Topf auf den Deckel, die heiß begehrte Fleischware. Heiß begehrt waren Rouladen, Kochschinken, roher Schinken, und ungewöhnlichere Fleischsorten, neben dem normalen Schweinefleisch, das gab es immer oder meist.

Was ich damit sagen will: Ich bin alt.

Wer hat heute noch Pockennarben? Heute hat man eine BioNTech-Impfung oder eine von Moderna, AstraZeneca oder Johnson & Johnson. Ich werde keine von denen in mich hineinlassen. Obwohl ich keine Impfgegnerin bin. Aber nicht noch einmal lasse ich es zu, dass man mir zwangsweise etwas in den Körper spritzt, von dem ich nicht weiß, was es bewirkt. Letztes Jahr redete mir meine Hausärztin mal wieder eine Tetanus-Impfung ein. Ich habe „Ja“ gesagt. Die ist bewährt. Da weiß ich, was ich habe oder bekomme oder eben nicht bekomme.

Aber das ist heute nicht mein Thema. Mein Thema ist: Ich bin schon alt.

Ich habe Pockennarben. Und früher hatte ich abstehende Ohren. Und immer habe ich die Eltern genervt, dass ich eine OP will. „ich will anliegende Ohren haben!“. Ich kann mich erinnern, dass ich mit vierzehn Jahren im Kino saß. Und weil die Friseuse – so hießen die damals und nicht Friseurin – mir die Haare zu kurz geschnitten hatte, konnte ich den Film nicht richtig verfolgen, da ich in erster Linie daran dachte, dass die Jungs hinter mir sehen könnten, was ich für abstehende Ohren habe. – Wie durch ein Wunder habe ich – ohne Operation – heutzutage so anliegende Ohren, dass man bei Frontalfotos denkt: Die hat überhaupt keine Ohren! – Auch irgendwie komisch. Wie sich die abstehenden Ohren meiner Kinder- und Jugendzeit „über Nacht“ in den gewünschten Zustand legten. Ich kann es nicht erklären, es ist sozusagen ein Gotteswerk. Meine Gebete wurden erhört.

Aber wir waren beim Alter. Woran merke ich, alt zu sein?

Ich bin nicht mehr eifersüchtig. Und ich weiß, dass es sich nicht lohnt, eifersüchtig zu sein. Kann mich aber gut erinnern, dass ich früher vor Eifersucht fast innerlich verbrannte. Dass ich zur Mörderin hätte werden können, wenn ich nicht doch eine gewisse moralische Erziehung genossen hätte. Als mein Mann Peter zum ersten Mal eine seiner Geliebten nach Hause brachte und in unserem Bett übernachten ließ, konnte ich mich nicht entscheiden, wem ich das Messer in die Brust stoßen sollte. Ihm oder Ihr. Also ließ ich es und bekam lieber Magen- oder wahlweise Unterleibsschmerzen. Die Unterleibsschmerzen haben sich erledigt, wie die Mordgelüste. Sie sind Knie-, Rücken-, Herz-, und Hallux-Schmerzen gewichen. Ich überlege, was ich lieber hätte. Heute entschiede ich mich für die Eifersucht, weil ich damit umgehen könnte. Aber ich kann nicht alles haben. Weisheit gegen Jugend funktioniert leider nicht.

Wann ich alt geworden bin? Als ich die ersten goldenen Ohrringe gekauft habe. Heute trage ich nur noch Gold oder tu zumindest so. Silber kommt mir nicht mehr in die Tüte. Ist arm, aber sexy, aber jung. Bin ich alles nicht mehr.
Alt ist auch gut. Es gibt keine Erwartungen. Es gibt nur noch Genuss. Essen ist der Sex des Alters – stimmt. Trinken auch. Leider gefährlich. Ich hatte eine Alkoholiker-Mutter. Also kämpfe ich mit Whiskey und Sekt. Jeden Tag aufs Neue. Und manchmal klappt das sogar.

Alt ist auch gut – es gibt zum Beispiel die Freude, am Morgen wieder heil zu erwachen und einigermaßen die ersten Schritte in den Tag zu bewältigen, die schmerzhaft sind, aber es lässt nach – im Laufe des Tages. Es gibt die Freude, so schlau zu sein und die noch größere Freude, dass die anderen es nicht merken. Ich kann mich sehr gut dumm stellen. Eine meiner Lieblingsübungen. Und die Jüngeren, einschließlich meiner allesamt sehr klugen Kinder und Kindeskinder denken – wie ich auch früher – sie seien doch viel viel viel klüger. Kenn ich. Hab‘ ich auch gedacht.

Alt hat noch viele gute Seiten. Weil ich nicht mehr auf Friedhöfe gehe. Sie sind mir zu nah.
Insgesamt ist alt sein natürlich ziemlich grauenhaft. Ich setze das fort, wenn ich noch ein wenig darüber nachgedacht habe.

Tüte des Alltags und der Lüfte

Seit zwei Jahren ärgere ich mich über eine weiße Plastiktüte, die sich in einem Baum verfangen hat, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue. Sie schaukelt im Winter im Wind, weiß und allein. Im Sommer versteckt sie sich unter Blättern. Verlässlich da. Immer. Gestern machte ich ein schönes Abendrotfoto aus dem Küchenfenster heraus und dachte: Kannst Du blöde Tüte nicht einfach mal wegfliegen! – Vorhin schau ich so im Vorbeigehen vorn aus meinem Arbeitszimmer auf die Straße und – was sehe ich? Eine weiße Tüte hängt im Baum. Das wird doch nicht „meine“ Hinterhof-Tüte sein? Geh in die Küche und schau nach. Sie ist es. SIE IST ES. Denn sie ist nicht mehr da, wo sie seit zwei Jahren hingehörte. Flog über das große Haus und – bleibt dennoch bei mir. Vielleicht sollte ich der Tüte einen Namen geben. Ich nenne sie Angela. Angela die Himmlische.

Foto: Gestern Abend beim Sonnenuntergang aus dem Küchenfenster fotografiert.

Schuhe. Schränke. Sinfonien.

Ich schreib so vor mich hin. Was mir durch den Kopf geht. Zum Beispiel meine neuen Schuhe von Giesswein. Ich schwöre, ich kenne diese Firma nicht persönlich, aber ich habe bisher schon fünf Paar Schuhe dort gekauft. Sie sind einfach Garanten meines beschwerdefreien Gehens. Ich bin nicht mehr im High-Heels-Alter. Da muss ich an das komische Bild denken, dass irgendjemand, möglicherweise mein Vater, von mir in Leipzig in der Wohnung meiner Großeltern aufnahm. Da hab ich noch nicht an beschwerdefreie Schuhe gedacht und stehe vor dem großen Bücherschrank, den meine Eltern von meinen Großeltern zur Hochzeit geschenkt bekamen. Eine Art Neoklassik oder was auch immer. Aber Holz. Heute besitzt meine Enkelin Anna den Schrank, den sie zunächst nicht haben wollte, sie war noch im IKEA-Wahn. Mittlerweile hat sie begriffen, dass alle jungen Leute identische Wohnungen haben, dank IKEA. Und plötzlich findet sie es gut, mal ein anderes Stück zu besitzen, das ihre Wohnung ein bisschen anders macht. Dazu hat sie sich einen hölzernen Tisch per ebay-Kleinanzeigen gekauft, den sie auf ihrem Rücken in der Berliner U-Bahn beförderte – von Wohnung zu Wohnung. Tja, nun zum Foto: Man kann auf diesem Foto sehen: Auch aus Menschen mit bescheuerter Pony-Frisur kann noch etwas werden. Ich meine mich. Das bin ich – auf diesem Foto. Alle, die mich kennen, können das kaum glauben. Interessant finde ich diesen – ich weiß nicht, ob man das damals sagte – Trainingsanzug. Er hat eine Reißverschlussbrusttasche und auch die Hose ist so voluminös, dass man meinen könnte, sie entstamme einem Science-Fiction-Film. Dazu nochmals Taschen. Das kann doch keiner in der damals so ärmlichen DDR genäht oder gekauft haben? Oder war es doch meine göttliche Großmutter, die Schneiderin, die mir dieses Teil verpasste, das mich wie eine Wrestling-Kämpferin aussehen lässt. Allerdings im falschen Film und Alter. Dazu dieser Pony. Ach, ich wiederhole mich. Was solls. Ich zeige es, das Foto. Es spielt keine Rolle mehr. Wir sind ja alle so Corona. Was spielt noch eine Rolle? Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir eine Melodie in den Sinn. Mein Ohrwurm in diesen Tagen. Das neue Werk meines ältesten Sohnes Robert Gläser. Es hat wirklich einen tricky Text. Was im Englischen eher schwierig heißt. Schwierig ist der Text nicht, nur unterschiedlich interpretierbar. Jeder interpretiere für sich selbst. Ich finde, es ist ein Text für all jene, die nicht wissen, was sie tun sollen. Mach Dein Leben groß, so groß es eben geht! Sonst ist es eben keine Sinfonie, sondern eine kleine Melodie. Was auch nicht schlimm ist. Ich aber – so alt ich auch bin – will das Leben immer noch zu meiner Sinfonie machen – bis zum Finale. Meiner Lebenssinfonie. (Den Link zum Video finden Sie im Anhang)

(2) Robert Gläser – Lebenssinfonie (Offizielles Video) – YouTube